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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-12-15 · Heft 50 (15.12.1911) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
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75. Jahrgang Nr. 50 Berlin, 15. Dezember 1911 Vellage zur „Allgemetnen Lettung de^ ZHudentum^°. lkorrekpondrn-rn und Nachrichten. Deutschland» L2 Berlin, 12. Dezember. Der Vorstand des hiesigen Vereins selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens hatte am 20. v. M. in Träsels Festsäle eine öffentliche Versammlung eiuberufen und in dem Aufruf angekündigt, daß man zu dem Verhalten des Gemeindevorstandes gegenüber den berechtigten Forderungen des jüdischen Handwerkerstandes Stellung nehmen werde. Der erste Referent und Vorsitzende des Handwerkervereins Herr Louis Wolfs entwickelte in ausführlichen und eindrucksvollen. Darlegungen ein Bild von der Entstehung, dem Wirken und den^ bisherigen Erfolgen des jüdischen Handwerkervereins. Es ist keine Frage, so äußerte sich der Redner, daß in weitesten Kreisen der beste Wille vorhanden ist, für die Bestrebungen zur Hebung des jüdischen Handwerkerstandes Sympathie und Interesse zu zeigen- Freilich hat ein großes Maß von Ausdauer dazu gehört, in all den schwierigen Jahren gegenüber dem allgemeinen Pessimismus, gegenüber der von allen Seiten gegen uns geltend gemachten Geringschätzung und den bei unseren Glaubensgenossen herrschenden Anschauungen und Vorurteilen den Mut nicht sinken zu lassen. Wenn auch das Selbstvertrauen der jüdischen Handwerker in dem Gedanken: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott" in den letzten Jahren gestärkt ist, so muß zu dem Selbstgefühl und dem Selbstvertrauen auch das Gemeinschaftsgefühl treten. Hieran mangelt es fühlbar, und von besonderer Wichtigkeit dürfte es sein, sich als eine starke Gesamtorganisation dort zu zeigen und dort aufzutreten, wo bisher anscheinend von der Existenz eines jüdischen Handwerkerstandes der rechte Begriff nicht vorhanden war, und als diese Stelle seien die verehrlichen Gemeindebehörden Berlins bezeichnet. Der Redner kam somit auf den Kernpunkt seines Referats und suchte aus der von amtlicher Seite nicht bestrittenen Tatsache, daß man auf zwei in jüngster Zeit an den Gemeindevorstand gerichtete Eingaben einen Bescheid nicht erhalten habe, den Beweis zu erbringen, daß sowohl Gemeindevorstand wie auch die Repräsentanten (aller Schattierungen) den Bestrebungen, Erwartungen. Wünschen und Forderungen des jüdischen Handwerkerstandes feindlich oder doch mindestens nicht freundlich gesinnt gegenüberstehen. Herr Wolff gab zu verstehen, daß der Handwerkerverein nicht ruhen werde, bis die Gemeindebehörden sich ihrer Pflicht, auf die berechtigten Wünsche der gesamten Handwerker einzügehen, bewußt geworden sind. Mit einem Appell an alle diejenigen, die es bisher verabsäumt haben, dem'Handwerkerderein als Mitglieder (auch Nichthandwerker sind hierzu berechtigt) beizutreten, sich, dieser Organisation anzuschließen, beendete der Referent seine Ausführungen. Der zweite Referent, Maurermeister Jäcobowitz, beschränkte sich darauf, der Versammlung klarzumachen, daß sich die Beschwerden und Wünsche der Handwerker im wesentlichen an die Adresse der Bauverwaltung richten müssen. Hier muß doch wohl nicht alles so in Ordnung sein, wie man es stets von gewisser Seite als gut und schön "hinzustellen pflegt. Herr Jacobowitz bezeichnete die jüdische Gemeinde lediglich als eine Religionsgesellschaft, die in erster Reihe Pflichten gegen ihre steuerpflichtigen Mitglieder zu erfüllen habe. Es sei für die Juden tief beschämend, daß sie beiseite stehen und zusehen müssen, wenn von autoritativer Seite den jüdischen strebsamen und durchaus lcistungssähigen Handwerkernjede Entwicklungsmöglichkeit erschwert werde. Der erste .Diskussionsredner Herr Eugen Caspary hatte keine leichte Aufgabe, dem Eindruck, den beider -Referenten Ausführungen auf die Versammlung gemacht haben, zu begegnen. Vielfach unterbrochen und durch die Zwischenrufs der Opposition gestört,-gelang es Herrn Caspary dennochdem: Vereinsvorstand. klar zu machen, daß er den allgemeinen jüdischen Interessen in wenig glücklicher'Weise gedient habe, wenn er aus der Nichtbeantwortung zweier Briefe eine Haupt- und Staatsaktion herleite-und gleich eine öffentliche Versammlung inszeniere. Wir Juden sollten wahrhaftig alles daran setzen, in unseren eigenen. Reihen Frieden und Einigkeit zu erhalten, urn desto, stärker nach außen hin, da wo es nötig, austretenzu können... Dem Vereinsvorstande war es bekannt, daß sowohl Gemeindevorstand wie Repräsentanz, sich mit der Handwerkerfrage, zurzeit beschäftigen, es war öffentlich bekannt (siehe Gemeindeblatt Nr. 7 vom Juli d. I.), daß bereits diejenigen Schritte längst getan sind, die im wesentlichen von den beiden Referenten heute verlangt würden. Eine telephonische Anfrage oder die kleine Mühe einer persönlichen Erkundigung hätten genügt, die Unzufriedenheit zu zerstreuen. Die liberalen Repräsentanten haben ihrem Versprechen getreu bereits im Februar d. I., also gleich nach den Wahlen einen Antrag im Interesse der jüdischen Handwerker zur Beratung gestellt und hierbei hatte sich herausgestellt, daß vorher schon von seiten des Gemeindevorstandes aus eigener Initiative Vorarbeiten zur Reglung der Submissions- und anderer Fragen unternommen waren. Im übrigen sind die aus Handwerkerkreisen laut gewordenen Beschwerden über Zurücksetzungen von Juden bei weitem übertrieben, wohingegen zugegeben werden mag, daß in früheren Jahren tatsächlich Mißstände bezeichneter Art bestanden haben. Der in der Versammlung anwesende Herr Geheimrat Landsberg nahm nunmehr zu der Erklärung Veranlassung, daß er zwar die Gründe nicht kenne, die zur Nichtbeantwortung der Eingaben geführt haben, daß jedoch der in der einen Petition ausgesprochene Wunsch, zwei Gemeindemitglieder aus dem Mitgliederkreise des Handwerkervereins in die betreffende Kommission zu kooptieren, zur Erfüllung gelangen werde. Wenngleich nach dieser Aeußerung, die auf die Anwesenden ihre Wirkung nicht verfehlt hatte, das Interesse an dem Verhandlungsgegenstande erschöpft zu sein schien, so brachten dennoch die weiteren Ansprachen manche Ueberraschungen, so zum Beispiel glaubte Herr Rechtsanwalt Dr. Klee die gute Gelegenheit nicht vorübergehen lassen zu dürfen, mit besonderer Emphase die jetzige, angeblich so Plötzlich eingetretene Anteilnahme der Gemeindebehörden an Handwerkersragen als einen Triumph des neuen Gemeindevereins, als einen Erfolg von dessen intensiver Wahlagitation hinzustellen. Herr Dr. Klee berief sich hierbei auf die Casparyschen Hinweise über die historische Entwicklung der jüdischen Handwerkerfrage, wobei Herr Caspary allerdings ein lebhafteres Tempo unmittelbar nach den Wahlen feststellen konnte indessen keineswegs als eine Folge der oppositionellen Bewegung, sondern ausschließlich als ein Werk der liberalen Fraktion. Der von den Referenten gerügten Nachlässigkeit, die in der Nichtbeantwortung von Eingaben liegt, möchte er, Klee, eine so große Bedeutung auch nicht beilegen, jedoch darüber hinaus verlange er von den jüdischen Gemeindebehördendaß sie jüdische Interessen vertreten sollen, daß sie das arg bedrängte jüdische Handwerkunterstützen, und daß es hierbei auf ein paar tausend Mark mehr oder weniger nicht ankommen dürfe. Herr Baumeister Kutznitzki wies darauf hin, daß gegen eine radikale Ausschaltung einer bestimmten Kategorie von Unternehmern technische und finanzielle Bedenken vorliegen, und daß es nicht angängig sei, die Grenze allzu eng bei Veranstaltung von Submissionen zu ziehen; im übrigen müsse er bestreiten, daß Zurücksetzungen von jüdischen Handwerkern tatsächlich vorgekommen seien. Ter nächste Redner, Herr Markus, vertrat einen entgegengesetzten Standpunkt, und zwar mit einem Aufwand an Pathos, das in ckeinem Verhältnis, zur Sachkunde des Redners stand, denn die drei Thesen, die Herr Markus als Rettung des jüdischen Handwerks auszuftellen vermeinte, find von sachverständiger Seite als praktisch undurchführbar bezeichnet worden. Ob größere Aufträge in mehreren Losen oder insgesamt vergeben werden können, ob beschränkte oder öffentliche Submissionen vorzunehmen sind, das muß wohl den Vau sachverständigen zur Entscheidung überlassen werden. Diesen von geringer Kenntnis der fachtechnischen Dinge zeugenden Ansichten entschieden gegenüberzutreten, unternahm Herr Emil Pinkus, gleichzeitig

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