Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- Seite 598 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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598 ^-Liweitzer ergriff mit beiden Händen diekleine, weiße' Mätzchenhand und blickte tiefbewegt in die schönen, großen Augen: . : ' n Frau Eschkeles wechselte mit ihrem Manne einen bedeütüngsvollen Blick, Gitl fing diesen Blick, der zwar nicht' ilMgegolten, auf und erwiderte ihn. Die Stube war voM vow FrMingssonuenschein. Lajtinant Flesch hatte das Ge-? fühldaß es jetztwieder an ihm sei, anstatt der ergriffenen./ Familie! das! Wort zu ergreifen, und sich in Positur stellend,, begann er? . v; „Geehrte Anwesende! Stolz bekenne ich mich in dieser feierlichen Stunde als Naghsöröder und 7>," ■ •:;; Eschkeles faßte den trefflichen Mann um den Leib und zog ihn lächelnd mit sich in das Nebenzimmer. -„Mein Freund, .ich kann nicht zugeben, daß Sie Ihr großartiges Talent bei einer solchen gewöhnlichen Gelegenheit verschwenden sollen." , „Aber ich bitte", protestierte Lajtinant Flesch. / „Ich werde Sie und Ihre rednerischen Fähigkeiten bei.' der Verlobung nötig haben", begütigte ihn Eschkeles. Das beruhigte ihn auch wirklich. Auch Frau Eschkeles fand einen Vorwand hinauszugeheE' Gitl ebenfalls. Liweitzer und Esterchen blieben allein. Einige Minuten herrschte . tiefe Stille in dem Zimmer.? Esterchen fiel es ein, daß es in ihrem Leben schon einen ähn-? lichen. Momeyt gegeben hatte, wo sie ihr Hirn damit zer-? marterte, was sie Liweitzer sagen sollte und in dieser peinlichen. Verwirrung fragte, welcher Perek an der Reihe sei. Als ihr? dies in den. Sinn kam, mußte sie unwillkürlich lächeln. -Jhre.< Verlegenheitwich und sie fing an, mit Liweitzer so unbefangene zu sprechen, als ob sie ein unterbrochenes Gespräch fortsetzte:-" „Wie dumm ich doch damals war", lachte sie, die Perek-? Geschichte erwähnend. „Sie haben mich weidlich ausgelacht?, gestehen Sie es nur." Liweitzier'be'tzeuerte-. daß', er sie nicht verlacht habe; doch. als ihm Esterchen dann erzählte, daß sie ihm damals Blümele. Beer antragen wollte, da lachte auch Liweitzer. „Vielleicht wäre das gar nicht recht gewesen?" fragte Esterchenundtat,alsob sie verletzt wäre. Liweitzer faßte nach ihrer Hand und blickte ihr in die-' Augen. .Ksterchen," sprach er leise und mit tiefem Ernste, „diese Episode gleicht einem kurzen Strahlenblitzen an einem langen, langen Wintertage. Ist es nicht sonderbar, daß wir von diesem langen Tage/ nur diese eine Erinnerung haben?" i ' „Ja, höchst sonderbar", nickte Esterchen und wurde jetzt? auch sehr ernst. / „Glücklichere Menschen können sich in den Stunden des Kämpfens und der Verzagtheit mit der tausendfachen Erinnerung gemeinsamen Fuhlens stärken und ermutigen. Wir? hatten nur das eine Andenken. Mir war es alles. Das hat mich meiner Stumpfheit entrissen. An jenem Sabbat wurde ich ein ueüer Mensch. An jenem Sabbat würde ich mir dessen ' bewußt, daß ich-Sie liebe." . Esterchen schwieg, doch aus' ihren Augen jubelte das Geständnis; Ich auch, ich auch! Liweitzer sog dieses stumme Geständnis in sich auf, das seine Seele mit jauchzendem Vogelgesang, erfüllte. . .-Lange/Wckten>-fie-einander.-..in stummer Glückseligkeit in« die Augen. Sie sagten einander damit mehr, als andere mit vielen -lauten.Worten gesagt hätten. „Nicht wahr," frug Esterchen nach, langer Zeit mit tiefer * Bewegung, „Sie chatten schwere Kämpfe?"! ... . ..? Liweitzer sprach von diesen. ' - / „Es fiel mir wicht schwer,, denn ich dachte stets an Sie, und das Bewußtseinum Sie zu kämpfen, hat mich stark gemacht." „Also Sie wußten es?" fragte Esterchen. mit staunendem Blicke. „Daß . . . daß Sie mich lieben? Nein, das wußteich nicht." - „Und dennoch? . . ." „Dennoch kämpfte ich, um Ihrer würdig zu werden; wenn Sie mich lieben sollten." (Schluß folgt.) Literarische Mittrttungkn. --- Bausteine und Denksteine von Dr. M. Krakauer, Stiftsrabbiner. Kommissionsverlag von Jakob B. Brandies. Das Buch bietet keine eigentlichen Predigten im Sinne der Moderne. Dazu fehlt den einzelnen Aufsätzen neben der nötigen Plastik der Sprache auch die kunstvolle Architektonik des Baues. Es sind zwanglose religiöse Betrachtungen im Stile der Draschah, welche den religiösen Gehalt jedes Wochenabschnittes herausheben und durch eine reiche Fülle von Talmud' und Midraschstellen beleuchten. Nicht suchenden Seelen, die schwer ringen um die Probleme des Glaubens, scheint es bestimmt, sondern denen,, die heimgefunden haben und im alten, überlieferten Judentum den sicher bergenden Rettungsport in den Stürmen der Zeit erblicken. Es ist die anheimelnde Stille des Beth Hamidrasch, die das Buch atmet. Weit ab liegt die lärmende Welt mit ihren, Kämpfen und ihren Zweifeln. Es spricht der kenntnisreiche Talmudgelehrte und erfreut den gläubigen Leser durch sinnvolle Deutungen von Midraschzitaten oder überrascht ihn durch eigenartige Auffassung von Bibelworten. In bilderreicher, oft in allzu, behaglicher Breite sich ergehender Sprache begleitet das Buch die Sabbate des Jahres und zieht nicht nur den Tora-Abschnitt, sondern zuweilen auch die Sabbat-Haphtarah in den Kreis der Erörterung. ■/ ' Die warmen Worte des Nachrufs anf Dr. D. Rosin, mit denen der Verfasser den hübsch ausgestatteten Band einleitet, bekunden pietätvolle Liebe, die nimmer vergessen kann, und die Gedächtnisreden im Anhänge lassen die inhaltsreiche Sammlung angemessen ausklingen. Beermann-Insterburg. — Karl Stauffers Lebensgang. Eine Chronik der Leidenschaft von Wilhelm Schäfer. /München und Leipzig, Georg Müller, 1912, "?? Ein höchst interessantes Buch, von einer nicht leicht zu beschreibenden Eigenart. Es ist kein Roman und keine Selbstbiographie, obwohl es in der Jch-Form geschrieben ist. Mit ungemeiner Geschicklichkeit aus Briefen und Tagebüchern zusammengestellt, von einem wirklichen Dichter und einem Herzensergründer geschrieben, entrollt sich hier das ereignisreiche, manchmal sonnenverklärte, aber traurige Leben eines großen Künstlers. Das Buch will nicht aufdringlich Lehren verkünden, und doch ist es gerade für wirklich Strebende ein Buch von der. reichsten Belehrung und. tiefsten Weisheit. Für die Leser unseres Blattes besteht, der besondere Reiz des Buches darin, wenn man sich daran erinnert, daß unter den vielen Porträts, die Karl Stauffer, Bern, während seiner Berliner Zeit malte, sich die mancher Juden, des Dichters L'Arronge, des großen Juristen Goldschmidt und des bedeutenden Industriellen Ludwig Loewe befinden. Von Stauffers berühmtestem' Bilde, dem er seine Gkdnzepoche in Berlin verdankt, von dem Bild des jüdischen Bildhauers Klein, ist in unserem Buche S. 136 ff. und an anderen Stellen aus« führlich die Rede. . " L; G. — Patriotische Festreden anläßlich des 60. Regieruflgs> Jubiläums und des 81. Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers Franz Joseph. Gehalten von Rabbiner .Dr. Lew in-Nikolsburg- Wien. .1911. Verlag, von Waizner & Sohn,; •: -