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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-12-15 · Heft 50 (15.12.1911) · p. Seite 594

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
Seite 594 (sequence 6)
Language
German
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Hellen-Linoleum bedeckte Fußboden machten an und für sich einen Anheimelnden, sauberen/ frischen Eindruck. Dann ..aber hatte man dem Feste zu Ehren alle Türen, Zimmerdecken) Lampenkrönen usw. mit den herrlichsten Blumengewinden — natürlich künstlichen, denn einen solchen Blumenflor liefert unsere schwedische Erde nicht mehr im November — geschmückt, in großen irdtten bunten Töpfen und Vasen prangten große Büsche von Tannen und Fichtenzweigen, und sogar einige große Palmenwahrscheinlich ein Geschenk einer freundlichen Gönnerin, zierten das Fenster. Unter der Hellen Gaskröne des größten Zimmers, wo auch die Regale mit den Büchern stehen, die bis jetzt eingegangen sind,war der Teetisch gedeckt, beladen mit guten Kuchen und anderen Leckerbissen. Etwa .30 Mädchen hatten sich eingesunden. Man sah ihnen die Freude und: Ueberraschung an, als sie die festlich geschmückten Räume betraten, wo sie mit Handschlag und freundlichen Worten von uns begrüßt wurden. Nachdem Man alles bewundert hatte, heischte man Stille, und unser Rabbiner Professor Klein sprach, .in _ warmen Worten voy dem Zwecke des neuen Unternehmens und forderte die 'Mädchen auf, mitzuhelsen den.guten Ruf der. jüdischen Kemeiüschäft)Schwedens, zu wahren Und dem'Lande, das sü tolerant gegen FrewdÜnge ist, keine Schande zü machen. Der kleine Vortrag, in schwedischer Sprache gehalten, wurde mit.Verständnis und Beifall angehört, ein Beweis, daß die Mädchen, die vor ein paar Jahren, so zu sagen stumm und taub für die Landessprache waren, sie jetzt vollkommen erfassen. ' Sodann berichtete eine "Dame aus dem Komitee den Mädchen über den Verein, dem man den schönen Namen „treknad" Gemütlichkeit" gegeben hat und' forderte sie auf, Mitglieder zu werden und sich fö/Dst)fie-können//mWem. Klub einzufinden. ' Nach einer kleinen Pause kam der Clou'des Abends) Wir hatten nämlich eine in Deutschland wohlbekannte, begeisterte) -Anhangerin der Erziehung der jüdischen jungen Mädchen unter uns. Fräulein Bertha Pappenheim aus Frankfurt a. M. hatte aus unsere Einladung am Abend vorher vor etwa 200 Personen unserer Gemeinde über das Thema: „Wie schützen wir unsere arnien GlaubensgenossiUneN vor sittlichem Verderben", gesprochen. Der Vortrag wurde mit großem Beifall ausgenommen. An unserem Feste aber gewann sie alle Herzen durch ihre warmen, von Herzen kommenden Worte, mit denen sie den jungen Mädchen von ihrem Wirken und Erfolge im Mädchenklub Frankfurts erzählte. Nach dem stürmischen Beifallsklatschen sangen die Mädchen einige Lieder, teils im Chor, teils Solo, aber ohne Begleitung, denn unser Klavier, auch ein Geschenk, war noch nicht eingetroffen. Nun folgten die materiellen Genüsse, und als wir uns gegen zehn Uhr entfernten, waren muntere Spiele und lebhafte Gespräche im. Gange und wurden wohl noch eine gute Weile fortgesetzt. Am Dienstag beginnen die regulären Abende, an denen die Mitglieder des Klubs sich von sieben bis halb elf Uhr abends aufhalten dürfen, überwacht und geleitet von teils reiwilligen, teils bezahlten Kräften. Somit wäre einem dringendes Bedürfnisse aus kulturellem Hebiete abgeholfen, und wenn ich noch meinem Berichte hinzufüge, daß wir seit einem Jahre auch eine jüdische Kleinkinderbewahranstalt besitzen und es durch eine großherzige . Stiftung einer Dame möglich gemacht wurde, ein großes Haus zu bauen, zu dem Zwecke, armen jüdischen Familien .gesunde Wohnungen zu.billigen Preisen zu vermieten/ und auch unserer Arbeitsschule ein zeitgemäßes Lokal unter eigenem Dache zu verschaffen,- so werden Sie einsehen, daß auch unsere Gemeinde der neuen Zeit, in der die jüdische Wohl-' tätigkeit in kulturelle soziale Arbeit umgewandelt werden soll, . wohlgerüstet entgegen geht. ' Wohl pleibt uns noch manches . zu wünschen übrig, aber wir haben allen Grund anzunehmen, daß alle unsere Anstalten unter guter Leitung stehen. , Stockholm im November 1911. Toni Klein. Tierschutz im Judentum. Ein Beitrag zur jüdischen Volkskunde von Prof. Dr. Berthold Kohlbach. (Fortsetzung.) ur Zeit des zweiten Tempels schien man zu befürchten, daß in der Umgebung Jerusalems irgend jemand den herrenlosen Böck auffangen und genießen könnte. Die Pflicht der Rekompensation, des Schadenersatzes für die erlittene Sündenübertragung hatte man schon vergessen, denn nur so verstehen wires, wenn dieMischna. (Jöma VI. Cap. § 6 und Talmud -^oma-67)/erklärt/ daß man den Sündenbock nicht essen dürste, ^dev Führer. habe ihn vpm einem Felsen hinuntergestoßen, so > daß er noch unterwegs die Glieder gebrochen hat. / Die Erinnerung an: diesen Sündenbock spukt noch in den meisten jüdischen Häusern am Abend des neunten Tischri oder am frühen Morgen des Tages vor dem Versöhnungsfest in dem. Ritus der sogenannten Kappäräh. Es wird nämlich gewöhnlich ein Huhn (ein Hahn für männliche, eine Henne für weibliche Mitglieder, der Familie) genommen, es soll womöglich weiß fein, und beim Hersagen einer Formel die Hände auf den Kopf des unschuldigen Tierchens (Geflügel, weil zur Zeit des jerusalemischen Tempels ein Säugetier/ die Sünden/übernommen hatte) gelegt und, die Strafe für etwaige. Vergehen des Beters auf das Huhn 'übertragen; das Huhn wird umZ. Haupt des Beters dreimal geschlagen — und. dann geschlachtet. Gegen diesen Aberglauben wendet sich selbst Josef Karo (Schulchan-Aruch, Orach chajjim 8 605, 1) im XVI. Jahrhundert, aber vergebens?) Daß noch das Prinzip der Rekompensation in<:diesem Brauche noch nicht gänzlich ge- ■ schwunden ist, das finde ich darin bestätigt, daß wohlhabendere oder sehr fromme Leute fc>ie Kapäräh auslösen und das Geld an Arme verteilen, anderseits, daß man die Eingeweide, Leber, Magen usw. des Sündentieres nicht ißt, sondern auf einen-ungewohnten Platz, z. B. aufs Dach wirft.2) Eine dem Sündenbock ähnliche Institution, doch mit scheinbarer Hinweglaffung der Rekompensationist das Sühnemittel: egläh’arüfa. Wenn irgendwo ein Mord begangen wurde und der Mörder nicht zu ermitteln war, „somögen deine Stadtältesten und Richter hinausziehen und die Entfernung 5 der einzelnen Ortschaften um den Ermordeten herum messen. Was nun die /Stadt betrifft, die am - nächsten zu dem Ermordeten liegt, so sollen die Stadtältesten jenes Ortes ein Rinderkalb ^nehmen, daH noch keine Arbeit verrichtet hatte und das noch kein Joch getragen. *) Vgl. Abr. Geiger, Einleitung in das Studium der jüdischen Theologie. Nachgelassene Schriften, Bd. 2, pag^ 187. — Ich kenne die LappLwh auch in anderer Form. Als'ich ein Kind von fünf bis sechs Jahren war, hatte meine selige Großmutter einen schönen Hahn im Hühnerhöf; da ereignete sich ein Krankheits fall in der Familie.' Großmama weihte den Hahn als-Sühne, übergab ihn» dem -Dienstmädchen, daß sie ihn fortrage -Und auf der Wiese, freilasse. - (Sie benutzte für die Wiese den im Jargon verderbten biblischen Ausdruck: in die „midbüries“ midbar Wüste.); ". 2) Eduard Göypel, Le , jadaisme. Mulhouse (Mülhaufen 1876. pag. 207. ' .;; . . . , '; ,:.f>

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