Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- Seite 593 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3229012--68011-3280260- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
593 Denn es ist kaum anzunehmen, daß das' Wahlkomitee recht bald einen Rabbiner in England oder auswärts finden werde, der all die seltenen 'Eigenschaften besitzt, die der selige Chief Rabbi inne hatte. Erstlich entstammte nämlich letzterer einer alten, weitbekannten Rabbinerfamilie und besaß ein ausgedehntes Wissen in jüdisch-theologischen und klassischen Fächern. Nebstdem hatte er die Fähigkeit, anziehende und gehaltvolle englische Predigten und Vorträge zu halten und lehrreiche und gediegene Essays zu schreiben. Bei alledem. war er, was der Engländer nennt, a man of the world — ein Weltmann — und konnte der Außenwelt gegenüber das englische Judentum in recht würdiger Weise repräsentieren. Endlich war er eine persona grata beim englischen Hof und in den besten nichtjüdischen Kreisen Englands als tüchtiger Redner und Gelehrter wohlbekannt. Angenommen nun, daß das fragliche Wahlkomitee einen würdigen Nachfolger eines selten begabten Mannes gefunden hat, so wird noch immer die Ungewißheit vorhanden sein, ob er nämlich einigermaßen ein Fortschrittler in jüdischreligiösen Sachen sein, oder ein starres non-p ossumus proklamieren werde. Doch hoffen wir, daß das Resultat der in Rede stehenden Wahl ein günstiges und allgemein befriedigendes sein wird. Während der letzten paar Monate wurde in den hiesigen und manchen auswärtigen jüdischen Organen die Frage besprochen, ob nämlich der Antisemitismus auch in England sich heimisch gemacht hat oder nicht. Nun ist es nicht zu leugnen, daß manche der eingewanderten und hier ansässigen russischen Juden durch ihr buntes Tun und Treiben, wie es namentlich in den englischen Provinzen zuweilen zutage tritt, unliebsame Manifestationen von seiten der niederen Klassen der englischen Bevölkerung hier und da Hervorrufen. Anderseits aber ist es eine unleugbare Tatsachedaß die Juden in England und überhaupt im ganzen britischen Reich volle bürgerliche Freiheit genießen. Ja noch mehr. Während in Rußland und selbst in dem mehr^ zivilisierten Deutschland kein Jude zu irgendeinem Staatsamt zugelassen wird, haben wir hier verschiedene Glaubensgenossen, die einige der höchsten Staatsämter Ln würdiger und nutzreicher Weise bekleiden. Nicht allein Personen, sondern auch Zeitungen feiern zuweilen ihr 70 jähriges Jubiläum. Dies war jüngst mit dem hiesigen Blatte „Jewish Chronicle“ der Fall, dessen erste Nummer im September 1841 erschienen ist. Diese Wochenschrift ist demnach etwa fünf Jahre jünger als die „Allgemeine Zeitung des Judentums" und hat wie diese recht günstige Resultate im englisch-jüdischen Gemeindeleben produziert. Da das fragliche Blatt die Annalen der modernen Geschichte der Juden in England repräsentiert, so dürften folgende kurze Bemerkungen darüber auch für manche Leser dieser Zeilen von einigem Interesse sein. Als das „Jewish Chronicle“ vor 70 Jahren seine erste Erscheinung in London machte, waren die Juden daselbst und überhaupt im ganzen englischen Reiche von der Bekleidung irgendeines öffentlichen Amtes total ausgeschlossen. Jetzt kann es auf die interessante Tatsache Hinweisen, daß augenblicklich einige Glaubensgenossen Mitglieder des englischen Kabinetts sind, und daß im englischen Ober- und Unterhause 21 derselben Sitz und Stimme haben. Ebenso kann es konstatieren, daß unter den Juden Englands mehrere Barone, Ritter (Knights) und verschiedene andere Würdenträger: sich jetzt befinden, die demgemäß eine hohe soziale Stellung einnehmen. Dieser Umstand zeigt klar und deutlich den Unterschied zwischen den jetzigen sozialen Verhältnissen der englischen Juden und solchen, die vor 70 Jahren hier existiert haben. Zur Entstehung dieser ^erfreulichen Zu stände innerhalb der englisch-jüdischen Gemeinden hat das „Jewish Chronicle“ indirekt recht viel beigetragen. Dasselbe Blatt hat auch während seines langjährigen Bestehens auf die nötigen und zeitgemäßen Reformen in hiesigen jüdisch-religiösen Dingen öfters hingewiesen und dadurch manche günstige Resultate erzielt. Ebenso eifrig war es, die Interessen der jüdischen Literatur , in England auszudehnen und zu fördern. Von letzterer sprechend,, wandte einst ein witziger jüdischer Schriftsteller die damals passende biblische Phrase an, nämlich: KT! 2^ *"022 W? „Sie" — die jüdische Literatur — „ist nicht jenseits des Meeres zu finden". Eine solche lakonische Bemerkung würde aber in der Jetztzeit allgemein als unpassend erachtet werden. Zum Schluß möchte ich noch bemerken, daß einer der ersten und gelehrtesten Editoren des „Jewish Chronicle“ Dr. Behnist war, der aus Wien hierhergekommen und sich hier niedergelassen hatte. In den ersten Jahren der Herausgabe seines Blattes war er das Faktotum desselben. Denn nicht allein schrieb er selbst fast den ganzen Inhalt jeder erschienenen Nummer des fraglichen Blattes, sondern er hatte auch letzteres in seinem eigenen Hause drucken und verkaufen lassen. Das einst und jetzt in Verbindung mit dem „Jewish - Chronicle" ist wirklich höchst bemerkenswert. Brief aus Stockholm. a Sie mir sagten, daß es die Leser der „Zeitung des Judentums" interessiert, von Zeit zu Zeit etwas von uns, die wir so ziemlich außer der Welt liegen, zu erfahren, so nehme ich die Gelegenheit wahr von einem Feste zu erzählen, das wir dieser Tage gefeiert haben, v Wie ich Ihnen in meinem letzten Briefe mitteilte, hatten wir auf privatem Wege einen Verein für eine Abendschule -und gesellige Zusammenkünfte für junge jüdische Arbeiterinnen zustande gebracht. Diese Abende fanden, viel Anklang bei 'Den jungen Mädchen. Da wir aber von Anfang an ein sahen, daß diese Veranstaltungen durchaus nicht genügten, um Einfluß auf das sittliche Leben dieser armen Mädchen, die entweder gar kein oder nur ein durch Armut und Ueber- ' bevölkcrung ungeeignetes Heim haben, auszuübeu, so war es unser sehnlichster Wunsch, ihnen wenn schon kein Mädchenheim, so doch wenigstens ein Klublokal bieten zu können, damit sie alle Abende ihre freie Zeit unter angenehmeren Verhältnissen als bisher zubringen könnten, und man ihnen Gelegenheit gäbe, gute Lektüre, Unterricht im Nähen, und wenn das Bedürfnis sich herausstellte auch in fremden Sprachen, zu genießen. Vor allen Dingen sollten sie immer ein warmes, Helles Zimmer vorfinden, in dem sie sich behaglich fühlen und die Sorgen und Mühen des Tages' vergessen könnten. Dieser unser Wunsch ist nun in Erfüllung gegängeü. Nachdem sich die Damen, die bisher den Unterricht freiwillig geleitet, mit einigen anderen in Verbindung gesetzt hatten, wurde im Frühjahr zuerst die Geldfrage geordnet, dann ein Lokal gemietet, Möbel gekauft und mit Lust und Eifer gearbeitet, die kleine Wohnung in Ordnung zu.stellen. In voriger Woche konnten wirdie Einweihung feiern. ^So ' anspruchlos auch unsere drei Zimmer, ein Vörraum' imh Küche sonst sind, so muß man doch sägen, daß die fleißigen geschickten Hände unserer jungen Damen die Räume in einen Märchenpalast verwandelt haben. Die hellfarbig tapezierten Wände, die einfachen buntlackierten Holzmöbel, die mit luftigen Gardinen versehenen Fenster, der mit glänzendem