Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- Seite 590 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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und die Lebensweisheit des sophokteischen Dramas zog sie in ihren Bann, sondern die lockeren Sitten und der frivole Geist des entarteten Griechentums, das in dem Syrerkönig einen mächtigen Beschützer gefunden hatte. Vorteile lockten, und man schwindelte sich hinein in^ die griechische Gesinnung, die man wie eine neue Mode ' ohne ernste Prüfung anzog-: „O weh der Lüge! Sie befreit nicht, wie jedes andre wahr gesprochne Wort, die Brust, sie macht uns nicht getrost, sie ängstet . den, der sie heimlich schmiedet, und sie kehrt, . ein losgedrückter Pfeil, von einem Gotte gewendet und versagend, sich zurück; und trifft den Schützen." Das war die Nemesis, die die Griechlinge ereilte. Sie hatten den König Antiochus umschmeichelt, hatten in ihm die Hoffnung geweckt, die Juden würden der Griechenkultur sich erschließen, und als er allmählich einsah, daß die jüdischen Massen freiwillig das Vatererbe gegen die neue Gesittung nicht eintauschen würden, da machte er sich mit dem Gedanken vertraut, unterstützt von den jüdischen Hellenisten, die zwangsweise Gräkisierung durchzuführen. Sicher hat er damit den Sinn seiner jüdischen Freunde nicht getroffen. Aber feig und schwächlich, wie sie waren, mußten sie nun eine rohe Macht- und Gewaltpolitik unterstützen, die sie im Innern verachteten und verwünschten. Die Glaubenstreuen waren um die einzige rechte Antwort nicht verlegen. Juda entflammte die Seinen zum Heldenkampf, und wieder siegten Glaubensmut und Wahrheit. So steht die Gestalt Judas vor uns als eine leuchtende Illustration, zu 'dem Dichterworte: „Säume nicht, dich zu erdreisten, Wenn, die Menge zaudernd schweift; Alles kann der Edle leisten. Der versteht und rasch ergreift." Den Treuen aber, die sich um sein Banner geschart, und den Aufrechten zu allen Zeiten, gilt der Psalmengruß: Ja alsu chassidim bekabod. „Es jauchzen Treugesinnte in Ehren!" Dir Woche. Berlin, 12. Dezember. ^^n den nächsten Tagen feiern wir das Chanukafest, das in seiner historischen Bedeutung den anderen Festen des Jahres nicht nur nicht nachsteht, sondern sie in mancher Beziehung sogar überragt. Es erinnert uns an die glorreichen Kämpfe unserer Väter gegen die finstere Macht der Unduldsamkeit, an jene große Zeit, da eine geringe Schar zielbewußter und überzeugungstreuer Männer sich heldenmütig erhoben hätte, um das durch Ausnahmegesetze und Schikanen, aller Art gebeugte Menschenrecht ihres Stammes zu verteidigen und den Gedanken der Glaubens- und Gewissensfreiheit zum Panier der gesitteten Menschheit zu erheben. Es ist keine Uebertreibung, wenn man die moralische Erhebung der Makkabäer als etwas Beispielloses / in der Weltgeschichte hinstellt, wenn man behauptet, daß seit jener Zeit im Herzen des jüdischen Stammes Gefühle und Gesinnungen rege wurden, die nimmer erschlafften, und die bis aus unsere Zeit noch alle seine Glieder und Teile zu einem nach Licht und Freiheit ringenden Organismus vereinigt. Noch aber sind die Mächte der Finsternis und der Intoleranz nicht überwunden, noch erheben sie selbst in unserem deutschen Vaterlande ungeniert das Haupt, um durch kränkende Zurücksetzungen uns zu demütigen und durch allerler Ausnahmegesetze unser kulturelles^ Fortschreitend zu hindern. Da gilt es, tapfer, und unverdrossen / den uns aufgedrängten Kampf für unsere soziale und. politische Gleichberechtigung fortzuführen und nicht eher uns zufrieden zu geben, bis es uns gelungen sein wird) die gegen uns ufid unser Bekenntnis herrschenden Vorurteile, zu zerstreuen und alle zwischen uns und unseren andersgläubigen Mitbürgern künstlich aufgerichteten Scheidewände zu zertrümmern/ Da gilt es, nach, einem sinnigen Worte unserer rabbinischen, Weisen, „das Chanukalicht, das dem Erlöschen nahe ist, aufs ■ neue anzuzünden" und den Geist, der Makkabäer, dem in gleichem Maße wie das Judentum seinen Fortbestand, das Christentum auch seine Entstehung verdankt, ungetrübt in unserer Mitte, walten zu lassen. Vorwärts! muß unsere ' Parole lauten, vorwärts dem Lichte und uneingeschränkter politischer Freiheit entgegen. Nicht erbetteln und nicht erschleichen wollen wir die uns vorenthaltene völlige Gleichberechtigung, sondern erkämpfen, erkämpfen mit den Waffen der Licht verbreitenden Wissenschaft, durch das felsenfeste Vertrauen auf den endlichen Sieg unserer gerechten Sache und auf den makkabäischen Geist der Wahrheit und Gerechtigkeit, der früher oder später die Menschheit beherrschen muß und beherrschen wird« Aus dem Bureau der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" geht uns folgende Notiz zu: Das Schicksal der Novelle zum Strafgesetzbuch, über die im Februar d. I. vom Reichstag , in zweiter Lesung verhandelt und Beschluß gefaßt worden ist, war bis in die letzten Tage zweifelhaft. Nunmehr gilt es als entschieden, daß auch diese Novelle in die Reihe der vom. Reichstage nicht zur Verabschiedunggebrachten Gesetz- ' entwürfe getreten ist. In weiten parlamentarischen Kreisen wird diese Wendung bedauert, da einige Materien der. Novelle von besonderer Dringlichkeit sind, wie Kinderschutz, .Linderung der Strafen bei Notdiebstahl. Da aber anderseits erhebliche Meinungsverschiedenheiten über gewisse Gegenstände, wie die lex Wagner und den Erpressungsparagraphen bestanden, so war die Möglichkeit einer bliticu Lesung angesichts der kurzen Frist bis zur Schließung des Reichstags nur gegeben, wenn eine freie Verständigung eine möglichst debattelose Verhandlung verbürgt hätte. Zu diesem Behufs hat am 30. November eine inoffizielle Besprechung von Vertretern aller Fraktionen stattgefunden. Es gelang nicht, die Gegensätze zu überbrücken. In Beziehung auf die in der Novelle vorgesehene Aenderung des Z 360 des Strafgesetzbuches und den in zweiter Lesung mit überwältigender Mehrheit beschlossenen Zusatz zur Sicherung des Schächtverfahrens ist die nunmehr endgültige Ausscheidung der gesamten Novelle aus dem Arbeitsprogramm insofern zu bedauern, als auch hei der/dritten Lesung zweifellos eine starke Mehrheit für den Schutz des Schächtens in der alten oder einer anderen, den staatsrechtlichen Gesichtspunkten der Regierung gerecht werdenden Form gestimmt, hätte. Nachdem die Einigungsverhandlungen gescheitert sind, wird der bisherige Rechtszustand wohl bis zur Einführung des neuen Strafgesetzbuchs, die vor acht bis zehn Jahren nicht zu erwarten ist, unverändert bleiben. ' - * Heber die Einvernahme des Rabbiners bei der Anstellung von Lehrern hat das Königlich Bayerische Staatsministerium des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten folgende Entschließung erlassen: »Nr. 28 472. München, 21. November 1911. „Die Königliche Regierung, Kammer des Innern, hat bisher vor der Bestätigung der israelitischen Religionslehrer die Distriktsrabbinate nicht einvernommen. Ein gemeinschaftliches Gesuch der unterfränkischen Distriktsrabbinate um Einvernahme bei Aufstellung der Religionslehrer hat