Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- Seite 587 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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pp m 587 Literarilche Mitteilungen. — Das Kind.'Roman von Martin Beradt. S. Fischer Verlag,' Berlin 1911. - Unsere jüdischen Dichter oder richtiger unsere deutschen Dichter' jüdischen Glaubens täuschen unsere^ Hoffnungen. Wir hofften auf Georg Hermann nach „Jettchen Gebert", auf Martin Beradt nach seinem Noinan „Eheleute",' als auf die Schöpfer des großen jüdischen Romans; den wir ersehnen. Hermann enttäuschte uns sichtlich durch seinen „Knbinke"- der nicht nur deswegen abgelehnt werden mußte, weil er uns -in niedere Sphären führte; Beradt schrieb einen zweiten Roman, den vorliegenden, in dem von Juden nicht.mit einer Silbe die Rede ist. Und doch darf an dieser' Stelle , von diesem Werk eines.hervorragenden jüdischen' Schriftstellers kürz gesprochen werden. Es ist die; Geschichte eines etwas blöden Dorfmädchens, Anna Lasius, , der Tochter einer mannstollen Frau ^niedrigster Sorte und wahrscheinlich eines durch Trunk vertierten Vaters. Das Mädchen kommt nach Berlin, wird, während sie ohnmächtig daliegt, von einem Männe vergewaltigt, und nun weiß man nicht, ob sie in ihrer .Schwangerschaft die schlimmsten seelischen Quälen leidet, fast gänzlich von Wahnsinn befangen, ihr Kind tötet, oder ob sie sich nur alles dies einbildet. Im Walde aus° gegriffenin dem sie nach ihren Angaben einem Kind das Leben gegeben und es ins Wässer geworfen.hat, kommt sie. ins Gefängnis, soll nach ihrem Geständnis verurteilt werden, wird aber befreit, da der Arzt sie für unbefleckt und demgemäß unschuldig erklärt. Eine Geschichte, aus der man,' wenn ich nicht etwa den höchst dunklen Vorgang Mißverstanden habe, absolut nicht klug wird. Wie dem aber auch sein mag, so ist die Art der Erzählung Meisterhaft. Ein naturalistisches Werk, das doch mit feinster psychologischer Kunst in der Seele des armen Wesens zu lesen sucht. Selbst sehr Diele obszöne, selbst widerwärtige Szenen: im Hanse des armen Mädchens, die Spaziergänge liebender Paare im grünen Park oder die anderen: im. Dienstbureau, bei der Herrschaft der Anna, vor Gericht, im Krankenzimmer, im Hause der Hebamme sind von einer höchst'bedeutenden Anschaulichkeit. Echte schöne Menschlichkeit kommt in.der Persönlichkeit des jungen Arztes, des Gerichtsmedizinalrats und einer, alten Dame zur Geltung, die die Rettung Gefallener zu ihrem Lebenswerk gemacht hat. Der Roman steht als Kunstwerk und als Dichtung hoch, wenrü auch das, was in ihm erzählt wird, gar viele Leser und noch mehr Leserinnen abstößen wird. Wir haben,einem Dichter seine Wege nicht' vorzuschreiben; Vera dt wird gewiß nur die Werke verfassen, zu denen ihn seine innere Natur treibt, aber wir wollen die Hoffnung nicht' fallen lassen, daß er mit seiner bedeutenden Kraft'uns noch einmal einen großen jüdischen Roman beschert. ' L. G. '' — Lord Beakonsfielid by Mr.' Monypenny, London 1910. Seit dem Ableben Disraelis, das..vor etwa 30 Jahren stattgesunden hat, sind verschiedene Biographien von ihm hier' in England und auch anderswo erschienen. Keine davon war aber ebenso ausführlich und interessant als diejenige ist, die . vor kurzem von einem hiesigen englischen Literaten, namens Monypenny, veröffentlicht wurde: " Der Autor spricht in der fraglichen Biographie, natürlich vorzugsweise, von. den günstigen Resultaten, die Disraeli in seiner Eigenschäst als'.englischer Premierminister, auf dem Gebiete der inneren und, auswärtigen Staatspolitik erzielt hat. Zugleich widmet er darin aber auch viel Aufmerksamkeit dem englisch-literarischen Talente Disraelis und , ebenso dem Verhältnis, worin er dem Judentum und der Rasse gegenüber.gestanden, der er. angehört hat. Hier sollen.nun einige.Bemerkungen.kurz erwähnt werdendie. der Autor hinsichtlich des letztgenannten Punktes in seiner Biographie macht, die fürdie Leser dieser.Blätter wohl von einigem Interesse sein dürften. . ‘ Disraeli, sagt sein Biograph, hatte schon in seinen ersten Jugendjahren Hindernisse in. seiner.ihm bevorstehenden Karriere angetroffen, die wohl keinem anderen. englischen Staatsminister in spe jemals - in gleicher Weise im Wege gestanden hatten. Als Sohn jüdischer Eltern war ihm nämlich der Besuch irgendeiner öffentlichen Schule in England untersagt, und er war daher genötigt, sich seine erste .Vorbildung auf privatem Wege,zu verschaffen, und dies tat er nun. auch uttter der weisen Leitung seines hochgebildeten Vaters.' Dieser machte ihn gelegentlich auf die Wichtigkeit eiues lateinischen Maxims "aufmerksam, der da lautet: „b'orti nihil difficile“ (Dem Tapferen ist nichts allzuschwer), und diesen Maxim machte sich der junge Disraeli als Devise. Die Folge davon war, daß er 'in seiner sich gewählten Karriere langsam immer'höher Und höher stieg, bis es ihm gelang; der'Leiter' des englischen Weltreiches zu werden und sich dabei auch die Gunst der Königin Viktoria in hohem Grade zu /verschaffen. \ Dieser außerordentliche Erfolg Disraelis muß um so mehr -beachtenswert erscheinen, wenn man bedenkt, daß zu seiner Zeit, -nämlich während der größeren Hälfte des vorigen Jahrhunderts, die :Juden in England mit geringer Ächtung von der allgemeinen Bevölkerung des Landes behandelt wurden. Dazu trugen namentlich die zwei damals in London lebenden bedeutenden englischen Novellisten. Thäckeray und Dickens nicht wenig -bei, denn in einigen ihrer Schriften folgten sie dem Beispiele Shakespeares und' Marlows, /die den Juden im allgemeinen als eine unliebsame und - hassenswerte - Person bezeichnet hätten. Disraeli'stellte sich nun : zur Ausgabe, diese Antipathien gegen die Juden in England beseitigen zu helfen, denn trotz der Taufe, die seine Eltern ihm in seinen Jugendjahren aufgedrängt hatten, blieb er stets im Herzen Jude. Ja, noch mehr als dies bekundete er in seinen Schriften: und in manchen seiner parlamentarischen Reden, -worin er erklärte, daß-er stolz sei, einer -Rasse anzugehören, die der gesamten Menschheit unsterbliche geistige Schätze überliefert hat. .Besonders charakteristisch ist eine seiner Reden, die er im englischen Parlament gehalten, als daselbst die i.Biü" diskutiert wurde, die sich mit - der Emanzipation der Juden in England beschäftigte. Darin kommt eine Stelle vor, die etwa folgendermaßen lautete: ' /Hättet Ihr Parlamentsmitglieder nicht die Obligation ignoriert, die Ihr dem-jüdischen Volk gegenüber habt, und wäret Ihr für den Besitz der /Kenntnis .seiner Literatur dankbar, die während .einer ' tausendjährigen Periode so vielen Generationen Belehrung und Trost - ,in Not und - Drangsal.: verschafft hnt,- so würdet Ihr sicherlich mit großer Bereitwilligkeit dem jetzt lebenden englischen Repräsentanten dieses Volkes, die Emanzipation .angedeihen lassen, wozu eben jetzt zum erstenmal eine passende.Gelegenheit sich darbietet. Ihr seid aber : wie es scheint, von gehässigen.Vorurteilen, wie sie im Mittelalter geherrscht,/recht sehr beeinflußt, und dies geschieht in einem viel' höheren. Grad, als. es.je zuvor in.diesem Lande -geschehen ist." . . Thomas Carlyle7 -war/-noch /ein anderer bedeutender englischer Literat, der im vorigen/'JahrWndrtt gelebt und/ in manchen seiner Schriften gehässige Aeußerüngen°6über/ die' Jttden im/ allgemeinen ' und .über . Disraeli. gemacht hat. s Als/ Letzterer/Premierminister von England wurde und zufällig hörte/ dMcher/sräUiche Literat in gedrückten Verhältnissen lebte, offerierte er ihm eine beträchtliche lebensl ängliche Pension aus der Staatskasse. Ein- Kortimentär zu ' dieser noblen Handlung von seiten Disraelis ist Wohl überflüssig. - ' ' . / ' -; : : •. 'Dr. Chotzner. S Geschichte der Augsb urger Juden im Mittelalter Jnaugural-Dissertatio.n zur. Erlangung der Doktorwürde genehmigt von der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-'Universität zu Berlin, von Fritz Leopold Steinthal aus Berlin. Druck von Emil Ebering, Berlin. .Hauptsächlich auf Grund der Chronik- und Urkundenbücher gibt . der Verfasser eine schlichte. Darstellung der äußeren Geschichte, die gleich am Anfang mit dem Märchen ausräumt, daß Juden in Augsburg schon, vor Christi Geburt gelebt hätten. Als Zeitpunkt für die Bildung einer Gemeinde wird die Mitte des 13.. Jahrhunderts angenommen. Die mittelalterliche Geschichte wird bis zum Jahre.1439 verfolgt, dem Jahre der Vertreibung, wenn auch später noch/ein paar Jahre lang einzelne Juden in der Stadt wohnten. Als besonders interessant mag die. Notiz hervorgehoben werdendaß. 1404 dem Juden Meyer von Kronberg die selbständige.Einziehung der Steuern übertragen wurde. Wichtiger als die Schilderung der äußeren ist die der inneren Verhält" nisse. -Es werden das Erwerbsleben, die Rechts- und die Gemeinde Verhältnisse; beleuchtet.,, Rügen möchte /.ich . dabei nur, daß jüdische..