Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- Seite 586 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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—- ‘586 -- .-. Und er erzählte, wie sich Maxerl an ihn gewöhnt hatte, als er im Eschkelesschen Hause so krank, daniederlag. Wie er auf seiner Bettdecke die Bilderbücher ausgebreitet und ihn in die Mysterien des ungarischen Abc eingeweiht hat. Eschkeles hörte ihm tiefbewegt zu und reichte ihm die Hand: . ' . »Jetzt sind Sie mir noch tausendmal lieber, da ich weiß, daß mein Sohn Sie mir — zum Sohne erzogen hat." Flesch mußte sich in die Tatsache hineinfinden, daß zu der großartigen Entwicklung Liweitzers Maxerls schwache Kinderhand den ersten Anstoß gegeben hatte, was ihm wirklich einige Enttäuschung und Bitternis bereitetedenn er hatte sich immer eingeredetdaß sein edles und in Nagysöröd ganz vereinzelt stehendes Kulturbeispiel Liweitzer zur geistigen Befreiung angespornt hatte. Im stillen glaubte er auch jetzt noch, daß sein ausgezeichneter Freund die Wurzeln seiner Entwicklung an unrichtiger Stelle suche, denn nicht Maxerl habe die Kulturliebe in ihm wachgerufen, sondern er und nur er... Streiten konnte man freilich nicht darüber, es war, auch weder Zeit noch Gelegenheit dazu. In den ersten Tagen fesselten die Sehenswürdigkeiten ihre Aufmerksamkeit, die sich bei Liweitzers Führung. in der deutschen Weltstadt in reicher Pracht vor ihnen ausbreiteten. ' Sie sahen marmorne Säulenpaläste mit Kuppelsälen, herrlicher, als die glänzendsten Geschäfte, und diese Säle waren Voll mit alten Sachen. „Das ist eine Stadt," ries begeistert Flesch, „jetzt können Sie sich vorstellen, Herr Eschkeles, wie die Geschästsläden sein müssen, wo man Kostbarkeiten aufbewahrt." Nach, einigen Tagen, hatten sie' sich müde geschaut, was Flesch um keinen Preis der Welt, anders als „Studieren" genannt hätte: - „Ich glaube," sagte Eschkeles, „wir könnten jetzt packen." - Flesch teilte diese Ansicht, und Liweitzer protestierte auch nicht.-' Sein Herz war voll brausender Gefühle, und jedes davon zog ihn nach Nagysöröd. Eschkeles richtete sich behaglich im Wagenabteil ein. Jetzt reisten sie zweiter Klasse. Man konnte doch den Rabbi nicht dritter Klaffe fahren lassen. - „Ich weiß, daß man uns zu Hause ungeduldig erwartet." . „Man weiß, wann wir kommen?" fragte Liweitzer. „Ja, ich habe es ihnen geschrieben." : - „Auch, daß ich mitkomme?" „Gewiß, auch das." , Liweitzer wurde gedankenvoll. Wie man ihn wohl empfangen wird? - Seine Phantasie nahm ungehindert ihren Lauf und malte ihm das Bild des Wiedersehens bald freundlich hell, siald traurig düster; er malte es sich so lebhaft, so bewegungsvoll und so schreiend wie ein Schlachtenbild. In großen Massen kamen die Söröder herbei, um ihn zu sehen, um ihn zu bewundern, viele deshalb, um ihn zu begrüßen, viele deshalb, um ihn zu erniedrigen. Diejenigen, welche auf ihn böse waren: der Bäcker, der Schneider, Tojwije Rotsteck, Haschl Ochs und die übrigen. Es fröstelte ihn bei dem Gedanken, und er schämte sich auch ein wenig. Diese Menschen leben in ihrer früheren Welt, und er tritt unter sie, als einer, der sich gegen diese Welt ausgelehnt hat. Die fehlenden Stirnlocken,: sein zugestutzter Bart, sein tadelloser Anzug verkünden sein Losgerissensein von der früheren Welt. Was werden sie zu alledem sagen? Aus Verständnis konnte er nicht rechnen, konnte er also Nachsicht und Verzeihung erwarten.? Wer weiß, was für Kämpfe Eschkeles seinetwegen haben wird? Hatte er ein Recht dazu, sich in sein friedliches Familienleben als Zündstoff hineinzuwerfen? Dann dachte er auch an etwas anderes. Es fiel ihm ein, welche festliche Wärme den aus der Preßburger Jeschiwa heimkehrenden Bocher erwartet, mit welcher Achtung.man den aus der. Jeschiwa hervorgehenden Bräutigam umgibt. Der Rabbi überläßt ihm seine Kanzel zur Sabbatpredigt, was für den in den Ehestand tretenden jungen Mann die größte Auszeichnung ist. Ihm wird er sie wahrlich nicht überlassen. Mit welchen Gefühlen werden dies die Eschkelesschen aufnehmen? Und er selbst? Wird er diese Demütigung ruhig ertragen, oder wird sich sein Selbstgefühl dagegen üufbäumen? Er hatte die Empfindung, daß es ihn schmerzen würde. Hatte er doch einst an eine solche Kanzel seine Hoffnungen geknüpft. Daß auch ihn einmal irgendeine Gelegenheit vor den Ständer des Rabbi stellen wird und er dort eine solche Drusche sagt, daß. ihn dafür selbst die Allergelehrtesten hochschätzen müssen. Könnte er ja auch jetzt eine solche sagen. Wirklich könnte er .das. Und in seinem Hirn sprühten frühere Gedanken auf. und die Augen schließend, knüpfte er dieselben an eine talmudische These, die für den samstägigen Pilpul äußerst, geeignet war. Wie stolz wären die Eschkelesschen darauf. Ganz natürlich war der Empfang in Söröd weder so, noch so, sondern ganz anderer Art. Daß. Eschkeles einen Bräutigam bringe, das blieb selbstverständlich kein Geheimnis, und man wußte auch, daß Liweitzer der Bräutigam sei. „Was Hab' ich gesagt?" rühmte'sich Haschl Ochs, und, seine Stimme bebte vor Empörung. „Hab', ich nicht gesagt, daß Eschkeles noch unter die Modernen gehen wird? Nun, da habt Jhrs, dort ist er schon. Bringt sich einen Doktor, welcher die Gemure mit unbedecktem Haupt unterrichtet. Ich sag' Euch, eine schöne Partie!" Die Leute gaben ihm recht. „Wenn er mich zur Verlobung ruft, werde ich sagen, daß ich nicht gehe", schürte Haschl Ochs das Feuer.. Und die anderen sagten auch, daß sie nicht ' gehen würden. Dieses Gelöbnis tat den meisten sehr weh, denn sie brannten wirklich vor Neugierde; istdoch solch ein deutscher Doktor kein gewöhnlicher Anblick und wert, angesehen zu werden. Deshalb war an dem Tage, an welchem die Eschkelesschen den Gast erwarteten, beider Bahnstation ein sehr eifriges Kommen und Gehen. Die Söröder trieben sich auf-dem Perron herum, stießen aneinander, versteckten sichvoreinander und taten, als ob sie Gott weiß was .für wichtige Sachen zu tun hätten. . . Als man die Ankunft des Zuges signalisierte, versteckte sich Haschl Ochs hinter einem Pfeiler, und die Augen traten ihm aus den Höhlen, als er Liweitzers mächtige Gestalt erblickte. Unterdessen drängten sich die Weiber vor dem Eschkelesschen Hause. Frau Eschkeles bemerkte die Prozession der Nachbarr? gar nicht. Mit strahlender Miene machte sie sich um ihren Gatten herum zu schaffen, nahm ihm Ueberrock und Halstuch ab, ermunterte ihn bald zum Sprechen, verbot es ihm bald wieder mit dem Hinweise darauf, daß er müde sei und es' ihm schaden könnte. Inzwischen lächelte sie Liweitzer zu, nickte Flesch und erteilte den. Dienstboten, die das Gepäck hereinbrachten,' ihre. Befehle aus: sie mögen im Wagen gut Nachsehen, damit nichts zurückbliebe. (Fortsetzung folgt.)