Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- Seite 585 (sequence 9)
- Language
- German
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585 Institution die uneigennützige Sympathie mit dem Tiere bildet. In der Schrift finden wir aber auch eine solche Institution, welche selbst in unseren Tagen, im XX. Jahrhundert, wenn auch in anderer Form bestehend, ihren Grund in abergläubischer Furcht findet. Es ist dies keines'Unmittelbare Schonung der Gefühle der Tiere, sondern eine Rekompensation für das dem unschuldigen Tiere zugefügte Unrecht der Fluchübertragung. Die Entlassung des „Sündenbockes" (srair bammisebtalleaeli) hat eine Analogie zugrunde. Exodus 21, 26—27 verständigt, uns darüber, daß der Sklave seine Freiheit wiedererlangt, wenn ihn sein Herr des Auges, ja sogar eines einzigen Zahnes beraubt. Das Schmerzensgeld ist seine Lösung aus Sklavenketten. In der Weltanschauung des Altertums und noch des Mittelalters, aus dem es sich auf niedrigeren Kulturstufen noch in die neueste Zeit hinübergerettet hat, besitzt der Fluch eine Realität; er schädigt noch weit mehr als die körperliche Verletzung. Der Fluch ist sowohl auf Tiere wie auf Menschen übertragbar; ein solcher Brauch ist noch heute in Marokko das car, dessen Fleisch man nicht genießen darf; höchstens darf man es den Armen schenken?) Nach Angabe des Mischna (Jöma, Cap. IV und VI) nimmt am Versöhnungstage der Hohepriester nach der Schrift (Leviticns 16, 5—10, 20—26): „von seiten der Gemeinde Israels zwei Ziegenböcke... stelle sie hin vor Jahwe an den Eingang des Stiftszeltes und Ahron gebe auf die beiden Böcke Lose, eines für Jahwe und eines für Asasel. Ahron bringe dar jenen Bock auf den das Los: „für Jahwe" gefallen ist und bereite ein Sühnopfer. Doch der Bock, auf den das Los. „für Asasel" gefallen ist, bleibe lebend vor Jahwe, damit man durch ihn sühne, um ihn entsenden zu können zu Asasöl in die Wüste.Er (Ahron) stelle vor sich hin den lebenden Bock. Und Ahron lege seine beiden Hände auf das Haupt des lebenden Bockes und bekenne über ihm alle Sünden der Söhne Israels, all ihre Verschuldungen, je nachdem irgendeiner gefehlt und übertrage sie auf das Haupt des Bockes und sende ihn durch einen' dazu berufenen Mann in die Wüste. Und der Bock nehme auf sich all ihre Sünden in ein (von allem Verkehr) abgeschnittenes Land und (der Führer) entlasse den Bock in die Wüste!" (Fortsetzung folgt.) ^gujiyLgl Lrim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa Trencsäni. XLIV. Ciweitzer schaute ihn an, senkte den Kops, als ob er an einer erfrischenden Quelle wäre und deren labendes Wasier in durstigen Zügen schlürfte. Beide lächelten glückselig. Diese verstanden einander auch mit wenigen Worten. Aber Lajtinant Flesch gefiel die Situation nicht. Er hatte sich das unterwegs anders ausgemalt. Das ist nicht feierlich genug. Das ist überhaupt gar nicht feierlich. Lajtinant Flesch war von dem Gedanken durchdrungen, daß jetzt er an die Reihe kommen müsse. Wenn er sich nicht *) Vergleiche Westermarck, 1. c. II. Bd. pag.'490 u. f. hineinmengt, so ist es um die^ Sache geschehen. Er ging daher auf Eschkeles zu, schob ihn energisch beiseite, stellte sich in Positur, hüstelte und begann seine Rede: - „Verehrter Freund! Hochgeschätzter Herr Liweitzer! Sowohl als seelenverwandter Kulturkämpfer, wie auch als Freund, und Mensch präjudiziere ich mir das Glück, Sie in diesem bedeutungsvollen Augenblicke, durchdrungen von dem ominösen Zauber der wunderbaren Weltstadt,, in Ihrem Tabernakel zu begrüßen und Sie zu bitten: Betrachten Sie mich als die Brieftaube der Liebe, welche von dem schönsten Rosenstrauche des sich aus der Sintflut der Leidenschaften emporhebenden Mädchenherzens das . duftigste Blatt überbringt, indem sie sagt: die Arche kann landen. Ja, Herr Liweitzer, Ihre Arche kann landen, denn gleichwie... Weiter kam er nicht. Denn der alte Seligmann riß die Tür auf und rief erregt: , „Die Deputation kommt." Nach einigen Minuten stand an derselben Stelle, wo vorher Lajtinant Flesch seine Rede hielt, Herr Hagen vor Liweitzer und bot ihm in kurzer Ansprache die Nabbinerstelle in der Stiftungs-Synagoge an. „Das hätte ich schöner gesagt", dachte Lajtinant Flesch und betrachtete Hägens imponierende Gestalt mit einiger Verachtung. Liweitzer erschreckte beinahe dieses rasche und unerwartete Aufeinanderstürzen der Begebenheiten-. Das Leben hatte ihn bisher wenig verwöhnt und, wiewohl in ihm auch Wünsche erwachten, begrub er dieselben still an jedem Abende. Oft begegnete es ihm daher, daß. wenn an einem Wendepunkte seines Lebens, eine längst begraben geglaubte Hoffnung ihm ermunternd, verlockend entgegentrat, er sie mit solchen Augen ansah, wie man Leute anschaut, die uns der Zufall aus fremden Ländern zugeführt hat und von denen wir nicht wissen, wo wir sie zum erstenmal gesehen haben. Mit tiefer Bewegung gedachte er der Wandlungen in seinem Schicksale, der langen, langen Finsternis und der wenigen Lichtpunkte, welche die Finsternis zuweilen aufgehellt hatten. Eschkeles und Flesch störten ihn nicht in seiner Versunkenheit. Flesch glaubte, daß er jetzt wieder einen akademischen Preis ausdenke und war auf ihn stolzer denn je. Da plötzlich hob Liweitzer den Kopf; freudige Heiterkeit strahlte aus seinen Augen, als er sich bei Eschkeles lächelnd nach Maxerl erkundigte. „Was wollen Sie von Maxerl?" sagte Flesch verdrießlich. „Maxerl, das ist ein Kind." Liweitzer lächelte still. „Herr Rabbi," Flesch sagte das äußerst' feierlich, „das Kind ist etwas anderes, und die Akademie ist etwas anderes." Eschkeles lachte, was Flesch in diesem hochernsten Momente für unverständlich hielt. „Ich glaube," sagte er mürrisch, „ich habe mich ganz perfekt ausgedrückt. Ja, die Akademie das ist etwas ganz anderes." Liweitzer erhob sich, ging zu Flesch hin, und beide Hände auf dessen Schultern legend, sagte er in freundlich beruhigendem Tone: „Sie haben recht mein lieber Freund Flesch, die Akademie ist etwas anderes und, wenn ich Ursache habe, der Akademie in Dankbarkeit zu. gedenken, so habe ich noch tausendmal mehr Ursache, mich Maxerls dankbar zu erinnern. Denn sehen Sie, mein Freund Flesch, ohne dieses Kind hätte ich für die Akademie kein Buch schreiben können. Maxerl war.mein? erster Lehrmeister."