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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-12-08 · Heft 49 (8.12.1911) · p. Seite 579

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 49 (8.12.1911)
Date
1911-12-08
Page
Seite 579 (sequence 3)
Language
German
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Diese Notwendigkeit, nicht nnr immer aüf den eigenen kleinen Kreis, sondern aus die Gesamtheit des deutschen Jolkes zu sehen, beginnt, wenn auch noch langsam, in immer weiteren Kreisen anerkannt zu werden — ähnlich wie im Staat der noch vor wenigen Jahrzehnten nur auf das binnenläüdische Interesse gerichtete Blick des Deutschen allmählich auf die Weltpolitik sich einzustellen beginnt. Die geistigen Leiter des Judentums fangen an, namentlich seit der Hgxuackschen Herausforderung, auch in der Oeffentlichkeit, durch Schriften und erfreulicherweise neuerdings auch durch Vorträge in interreligiösen Vereinen, den Kampf mit den christologifchen Anschauungen aufzunehmen; sie sehen eindaß sie auf diesem Wege auch den Abfall in ihren eigenen Reihen am wirksamsten bekämpfen können. Gelingt es, den Christen zum Bewußtsein zu bringen, daß die jüdische Religion nicht etwas längst Ueberwundenes ist, auf das man — halb mitleidig zwar, aber doch achselzuckend — herabzusehen hat, sondern daß sie auch für die Gegenwart wieder als gleichberechtigte Mitbewerberin in Betracht kommt, so muß die Werbekrast des Christentums gegenüber den Juden geschwächt werden, und die so erlangte Meinung der Christen muß wiederum auf die Juden zurückwirken und deren Selbstbewußtsein in religiöser Beziehung stärken. Zeigt man der jüdischen Jugend nicht ein religiöses und nach vorwärts liegendes Ziel, so ist es kein Wunder, wenn sie, um nur überhaupt ein sichtbares Ziel zu haben, auf politische Kreuzfahrer-Gedanken abirrt. Eine Truppe, die Gewehr bei Fuß' zusieht, wenn andere kämpfen, dient nur als Kugelsang. Darum fort mit dem veralteten Panzer, der — überall durchlöchert — nicht mehr . wirksam schützt und nur noch die eigene Bewegung hindert! Heraus aus der Festung! Und mit modernen Waffen ins freie Feld! Sie Woche. Berlin, 5. Dezember. m Vordergrund des politischen Tagesgesprächs steht noch \ immer die lange und so viel kommentierte Rede Sir Edward Greys, auf welche anfangs voriger Woche die ganze Welt, wie einst auf die Reden des Fürsten Bismarck, mit größter Aufmerksamkeit lauschte. Was der Leiter der englischen Politik sagte, entbehrte bei aller vorsichtigen Verhüllung nicht einer kaum mißverständlichen Deutlichkeit und ist auch bei uns, in allen Kreisen des deutschen Volkes, verstanden worden. Das bekundeten die vielfachen Erörterungen der Rede in der Tagespresse, und das geht auch aus einem in der „Hilfe" soeben erschienenen Artikel von Dr. Paul Nathan hervor, der bekanntlich zusammen mit seinem verstorbenen Freund Dr. Theodor Barth für eine Besserung unserer Beziehungen zu England gewirkt hat. Der Schluß dieses Artikels als Ausdruck der Stimmung eines wahren Friedensfreundes, verdient im gegenwärtigen Moment die größte Beachtung. Dr. Paul Nathan schreibt: Dieheutige englische Politik — und dieses Bekenntnis kommt von einem, der die englische, politische und intellektuelle Kultur aufrichtig liebt und der durch Toaste, Reden, Schreiben und Begütigen lange, wie so viele Engländer und Deutsche, gehofft hatte, die Gespenster zu verscheuchen — diese heutige englische Politik ist keine der plötzlichen Verstimmungen und der frivolen Einfälle Wir schoben sie irrigerweise auf persönliche Einflüsse — König ' Eduard —auf chauvinistische Cliquen, die es in. jedem Lände gibt. Die. englische Politik ist vielmehr ganz konsequent gewesen; sie ist wohl prämeditiert, und sie . basiert, wie wir erkennen .müssen, , auf ' der unglücklichen, alten :englischen - Tradition von der „balLnea of :power“ 4n Europa. Das heißt:: England betrachtet' sich als' der'geborene Feind jener Europäischen Macht,.-die. es jeweilig für die stärkste erachtet/und das Ziel ist, jede Macht des europäischen Festlandes zu knicken, bevor sie über ein gewisses-Maß an Kraft, das England bestimmt- , hinausgewachsen ist. Mit dieser politischen Maxime gibt es kein Paktieren, itne es mit jenem Frankreich kein Paktieren gab', daß sich der deutschen Einheitsbewegung entgegenstellte/ . Wir /.können in Deutschland friedliebend sein; wir sind es. seit vierzig Jahren, aber wir 65 Millionen Deutsche können nicht versprechen, daß wir . unsere Zukunft nach dem Vorbild einer behäbigen holländischen Idylle gestalten wollen. Und wenn wir.es versprächen, niemand glaubte es uns. Was nun? Keine Politik der Erbitterung,, keine Politik der Ranküne. Wir müssen stark bleiben -- kein leichtes Bekenntnis für jemanden,, der eine Eindämmung. des Militarismus herheiwünscht; wir müssen politisch vorsichtig sein, und wir müssen — abwarten. Abwarten, ob nicht eine dem Weltfrieden heilsamere Doktrin in England das entschiedene Uebergewicht erlangt; eine Doktrin, die mit Deutschland gemeinsam den Weltfrieden sichern, die militärischen Lasten erleichtern und die unerschlossene Erde der Kultur erschließen will. Man könnte in England auch einmal aufrichtig mit dieser Politik einen Versuch unternehmen, nachdem die bisherige Politik sich durch die Fortgabe-von Tripolis, Marokko und halb Persien — und zwar für ein Phantom — als ziemlich kostspielig erwiesen, hat. Vielleicht ist der Zeitpunkt für solchen endgültigen Umschlag erst dann gekommen, wenn Offiziere der indischen Lanzenxeiter und. der russischen Kosaken in. Persien auf Pistolenschußweite sich gegenseitig bei der Lektüre.der.„Times" und der. „Nowoje Wremja" beobachten.. . Rechtzeitig für die Wahlbewegung zum Reichstag erschien soeben der „Antisemiten-Spiegel" im Verlag des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus in vollständig neuer Bearbeitung und in wesentlich erweitertem Umfange. Das nahezu 30 Bogen starke Werk schildert nicht nur die. Entwicklung des politischen Antisemitismus in Deutschland, sondern behandelt auch eingehend das Eindringen des Rassenf nd Religionshasses in die akademischen Berufe, beleuchtet die urch den latenten Antisemitismus der staatlichen und Verwaltungsbehörden und den Kastengeist geförderte.gesellschaftliche Abschließung gewisser Schichten der Bevölkerung und widmet auch den verschiedenartigen Ausstrahlungen'des wirtschaftlichen Antisemitismus eine längere kritische Betrachtung. Die neue Spur in der Konitzer Mordaffäre, über die wir neulich berichteten, ist noch immer Gegenständ polizeilicher Ermittlungen. Ein Privat-Telegramm aus Breslau meldet dem „Berliner Tageblatt": Der Agent Breulich, der wegen des Verdachts an der Ermordung, des Gymnasiasten Winter in Könitz beteiligt zu sein, verhaftet 'wurde, ist aus dem Amtsgerichtsgefängnis in Kattowitz aus Anordnung der Staatsanwaltschaft in Beuthen nach dem Beuthener Untersuchungsgefängnis überführt worden. Ein erneutes Verhör der Frau des Verhafteten ergab, daß Breulich unter anderem erklärt hat: „Um den Kragen wird es mir ja nicht gehen, höchstens bekomme ich 15 Jahre Zuchthaus." — Demnach scheint die Staatsanwaltschaft noch immer der Ansicht zu sein, daß den anscheinend in der Trunkenheit gemachten Angaben Breulichs doch einiger Glauben beizumessen sei. .. . -- \ . Dem „Oberschles. Kur." zufolge sollen die Behörden der Ansicht sein, daß der verhaftete Agent Breulich, wenn auch nicht direkt, so doch auf irgendeine indirekte Weise mit dem Konitzer Morde in Zusammenhang stehen müsse.. Breulich dürste dMnächst nach Könitz gebracht werden. 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