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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-12-08 · Heft 49 (8.12.1911) · p. Seite 578

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 49 (8.12.1911)
Date
1911-12-08
Page
Seite 578 (sequence 2)
Language
German
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also für deren Wertung nicht entscheidend; nichtjedermanns- Sache aber ist es, ohne Rücksicht auf die äußere Form den Inhalt entscheiden zu lassen. Die Orthodoxen, die sich der Beseitigung der unzeitgemäß gewordenen Formen widerseßen, hin-- dern daher, daß die Grundlehren der Religionen selbst zu einem durch Aeußerlichkeiten nicht beeinflußten Wettbewerb kommen; sie^ tun.,mlso'^ nicht' etwaS/ das nach Ansicht der Liberalen nur gleichgültig oder überflüssig ist, sondern etwas für die.Interessen des Gesamtjudentums Schädliches. Auch nach außen erschwert das Festhalten an den orthodoxen Gebräuchen die Stellung des Judentums. , „Nach außen?", wirft man mir ein — und zwar leider auch Won liberaler Seite —, „was geht uns das ,außen" an? Wir Juden wollen nur selbst tun, was wir für gut befinden. Niemanden außerhalb unserer Gemeinschaft wollen wir beeinflussen. Gerade unser Stolz ist es, daß wir das nie versucht', Haben." Und die Orthodoxen setzen hinzu: „Gerade das ist der zweite große und alle Nachteile überwiegende Vorteil des Festhaltens an den alten Bräuchen,, daß sie die feste Schale bilden, die durch die Jahrhunderte hindurch den Kern unserer Religion bewahrt hat vor zermalmenden oder zersetzenden Einflüssen der Umgebung, und die ihn auch durch fernere Jahrhunderte so bewahren wird." Die Schale ist gut für die Ueberwinterung des Kerns. » Aber, wenn es anfängt, Frühling zu werden, so muß die Schale fallen, wenn der Keim zur Entwicklung kommen soll. Und es sängt an, Frühling zu werden. Langsam zwar und nicht ohne die Wahrscheinlichkeit zeitweiliger Rückschläge, aber im ganzen doch in fortschreitender Entfaltung bilden sich in den protestantischen Ländern Sekten oder kirchliche Parteien, die sich offen von dem bisherigen Dreieinigkeitsglauben lossagest und deren Wortführer lediglich jüdische oder doch diesen sehr nahe kommende Lehren vortragen, wenngleich unter Best behaltung der aus der christlichen Literatur entnommener? Bilder und Redeformen und größtenteils auch der christlichen" Zeremonien. Es besteht also in der Gegenwart in einem, wenngleich noch kleinen Teile der Bevölkerung nichtjüdischer. Abstammung eine gewisse Hinneigung zu Anschauungen, die' — ohne 'noch als solche anerkannt zu werden — diejenigen des Judentums sind. ' Selbstmörderisch aber wäre es, wenn unter solchen Umstünden das Judentum sich weiter daraus beschränken wollte, abseits zu stehen, ohne auch nur den Versuch zu machen, jene^ Entwicklung in seinem Sinne zu beeinflussen. Selbstmörderisch; denn nur demjenigen pflegen die Früchte des Kampfes zuzufallen, der sich am Kampfe beteiligt; überläßt daher das Judentum den. Kamps für religiösen Fortschritt allein den protestantischen. Professoren und Pastoren, so werden diese in einer oder der anderen Weise eine neue religiöse Gemeinschaft bilden, die dem Judentum schweren Abbruch tun wird, da sie einen großen Teil seiner Gedanken in modernen Formen vertreten würde. I .Die weitverbreitete Ansicht aber, das Judentum habe eine solche Beeinflussung seiner Umgebung nie versucht, ist unhaltbar. Viele Stellen der Bibel, insbesondere Jesajas (II 2 ff., XIX 21 s.), erklären den Beitritt der Andersgläubigen; zum Judentum für erwünscht. Auch die Erzählung vom ' Propheten JML. den Gott nach Ninive entsandte, ist wohl als Empfehlun^cer Heidenmisston zu deuten. Das entstehende Christentum fand seine Hauptstütze in den in allen Teilen des .römischen Reichs mehr oder weniger zahlreichen zum Judentum Bekehrten („Gottesverehrer" und „Proselyten"). Zur Zeit des Kaisers Augustus lebten etwa 4 bis 4 Vs Millionen Juden unter' 54 bis 60 Millionen Gesamtbevölkerung des römischen Reichs — beliefen sich also' auf etwa 7 % der Gesamtbevölkerung —, während doch, in Palästina nur etwa 700 000 Juden wohnten (Harnack, Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten, S. 6 ff.). Aber auch „in Jerusalem waren wohnhaft Juden, fromme Männer von allen Völkern unter dem Himmel her" (Apostelgeschichte II5).. Josehhus erwähnt z, B., wie ein jüdischer Kaufmann die Fräuen'am Hofe des späteren Herrschers von Adiabene und 'chann letzteren selbst zum Judentum bekehrte, wie inzwischen iein anderer Jude am Hofe des regierenden Königs dessen iFrau zur Annahme des jüdischen Glaubens veranlaßte <(Antiqmtates XX 2, 3), wie die Juden in Antiochia zahlreiche .Griechen zu. ihrem Gottesdienst herüberzogen (Bellum . Judaicum VII 3,3), wie sogar in einem Ausnahmefall ein jüdischer Volkshaufe eine gewaltsame Bekehrung herbeiführte (Bell. Jud.I117,10), in einem anderen wenigstens zunächst beabsichtigte (Vita 23). . und auch ein Gegner sagt es den „Schriftgelehrten und Pharisäern" nach, daß,, „um einen einzigen Proselyten zu machen, sie Meer und Festland durchstreifen" (Matth. XXIII15). Noch der Talmud enthält den bekehrüngsfreündlichen Ausspruch eines Rabbi Eleasar: „Gott hat Israel nur deshalb unter die Völker zerstreut, damit sich ihnen Proselyten zahlreich anschließen sollen" (Besaevlrn 87b) und berichtet über eine Aufforderung zur Bekehrung, die ein Rabbiner an den Kaiser gerichtet haben soll (Sanhedrin 39a). Erst aus dem zweiten Jahrhundert nach Jesus datiert das Herrschendwerden der gegenteiligen Meinung. Einerseits versuchten nunmehr die Rabbiner, die Trennungslinie schärfer gegenüber dem Paulinismus zu ziehen, der mit heidnischen Vorstellungen Kompromisse zu schließen begann; aus diesem Gesichtspunkt der Reinerhaltung der jüdischen Religion erschwerten sie allmählich immer mehr die Aufnahme von Pro-> selyten. Anderseits setzte anläßlich des jüdischen Aufstands unter Hadrian nunmehr die Staatsgewalt die strengsten . Strafen. auf den, Uebertritt zum Judentum,, und ähnliche Strafandrohungen blieben während des Mittelalters und zum Teil bis in die Neuzeit hinein bestehen. Die staatlichen Strafandrohungen sind gefallen. Ein fö großer Andrang von Proselyten zum Judentum, daß. die Reinheit der jüdischen Lehre gefährdet würde, dürfte nach.den bisherigen Erfahrungen auf absehbare Zeit nicht zu erwarten sein. Sind aber so die beiden einzigen Gründe weggesallen, die geschichtlich das Judentum auf die früher von ihm im weitesten Umfang geübte religiöse Beeinflussung Andersgläubiger haben verzichten lassen, so läßt sich die Fortdauer dieses Verzichts in der Gegenwart nur aus der Macht der Gewohnheit erklären. Lange Jahrhunderte hindurch war das Pflücken der hochhängenden Trauben mit allzu, großer Gefahr verbunden, und nun hat man sich einge-' redet, man wolle jene Trauben gar nicht haben und rühmt sich sogar, nie überhaupt habe man sie gewollt. Wie überall, müssen die eben erst Freigelassenen zunächst noch lernen, sich nicht mehr unter dem alten Druck zu fühlen, sondern frei ihre Kräfte zu gebrauchen und offen und ohne Rückhalt, ^llen anderen vernehmbar, ihre Ansichten zu vertreten. Nicht die Erlangung der tatsächlichen politischen Gleichberechtigung für den einzelnen ist die erste Aufgabe der deutschen Juden, auch nicht die Erlangung der Gleichberechtigung der organisierten jüdischen Religionsgemeinschaft im Verhältnis der Kirchen zum Staat; sondern dürchzusetzen — nötigenfalls selbst aus Kosten jener ersteren. beiden Ziele —, daß die jüdische Religio ns lehre zu einem Faktor des deutschen Volkslebens wird, zu einer auch in weiten christlichen Kreisen in richtiger Beleuchtung, bekannten und als gleichberechtigt gewürdigten Weltanschauung. ' . ,

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