Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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75. Jahrgang Nr. 49 Berlin, 8. Dezember 1911 Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 IN. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps»» Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung des Judentum»*, Berlin SW,, Jerusalemer Straße 46/49, z» richirn. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Hinaus in die Freiheit, hinaus in die Welt. Von Felix sMiyOll,. Makower. — Die Woche. — Zn spät! — Bericht der Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands über die Versammlung am 6. November 1911. — M. Friedländer. — Tierschutz im Judentum. Von Professor Dr. Berthold Kohlbach. —Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Dev Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"), Berlin, Frankfurt a. £>., Hannover, Offenbach a. M., Petersburg. — Von Nah ilnd Fern. „hinaus in die jfrrihkit, hinaus in die Wrltl" Von Felix Makower. II. man beklagt sich so gern über die „Indifferenten". Aber? nur ein Teil von denen, die man so bezeichnet, sindI wirklich indifferent für religiöse Fragen. Die anderen, und zwarV kein kleiner Teil, sind indifferent nur in dem Sinne, wie es bis C vor kurzem die Sozialdemokraten gegenüber der „einen reaktionären Masse der bürgerlichen Parteien" zu sein Vorgaben; die Anschauungen jenes Teils der „Indifferenten" liegen so weit ab von dem Tun sowohl der konservativen wie der liberalen Verwaltungen jüdischer Gemeinden, daß der Unterschied zwischen letzteren beiden ihnen verhältnismäßig klein erscheint und sie sich nicht regen wegen verhältnismäßig so untergeordneter Fragen, wie: Orgel oder keine Orgel, gemischter oder Männerchor, jüdischer oder christlicher Organist, Beseitigung oder Beibehaltung einiger schwer verständlicher! oder für die heutige Zeit sinnwidriger Gebetstücke, Einfügung oder Nichteinfügung einzelner deutscher Teile in die überwiegend - hebräisch bleibende Liturgie. Erst wenn die Liberalen ihren * bisherigen immer noch schwächlichen und zu Kompromissen neigenden Standpunkt aufgeben und entscheidende Reformen fordern würden, könnten jene bei den heutigen Zuständen „Indifferenten" erwarten, es eröffne sich eine Möglichkeit, daß auch ihren religiösen Anschauungen Rechnung getragen werde, und dann würden auch sie in den Kampf eingreifen und so mit dem Gemeindeleben wieder in Fühlung kommen. Wie im Verhältnis zum Staat die älteren Generationen der Juden zufrieden wären, wenn sie Duldung erlangten, die jetzige Generation aber keineswegs mit der Duldung , sich begnügt, sondern Gleichberechtigung fordert, so sollten . auch innerhalb des Judentums die Liberalen von dem Standpunkt des Verlangens der Duldung, auf dem sie noch vielfach stehen, endlich zu dem Standpunkt des Verlangens voller Gleichberechtigung sortschreiten. Nicht nur der Gleichberechtigung in ihrem privaten Tun, sondern auch der Gleichberechtigung in den Gemeindeveranstaltungen. In Gemeinden, die eine liberale Mehrheit haben, bestehe man auf Ausgestaltung der nur in einer von beiden Arten gestaltbaren Gemeindeeinrichtungen auf liberaler Grundlage und begnüge sich damit, der orthodoxen Minderheit die Unterhaltung bisheriger orthodoxer Gemeindeanstalten für eigene Rechnung zu erleichtern. Nur nicht zu große Nachgiebigkeit! Die eigene Gleichberechtigung läßt sich nur durchsetzen, wenn der anderen Partei gezeigt wird, daß man — bei steter Geneigtheit zu voller Rücksichtnahme unter der Bedingung der Gegenseitigkeit — nötigenfalls, wenn die Gegenseitigkeit verweigert wird, auch ihre Forderungen ablehnen kann. Demgegenüber komme man nicht mit dem bekannten Ein- | wand aller Orthodoxen innerhalb und außerhalb des Juden- 1 tums: die Liberalen könnten sich die Anwendung einer Reihe | orthodoxer Gebräuche ruhig gefallen lassen, denn für die Liberalen seien diese nur etwas Ueberflüssiges oder Gleichgültiges, nichts ihren Grundsätzen geradezu Widersprechendes. Das Festhalten an jenen Gebräuchen als den amtlich anerkannten erschwert die Stellung des Judentums und schwächt es nach innen und außen, und darum müssen die Liberalen im Interesse des Gesamtjudentums jenes Festhalten bekämpfen. Nach innen! Zwar kann man von jemand verlangen, daß er für seine Ueberzeugung eintrete trotz gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Zurücksetzungen. Man kann aber gerechterweise nicht , verlangen, daß jemand für Ueberzeugungen eintrete, die zwar diejenigen seiner Vorfahren gewesen sein mögen, die er selbst aber nicht hat, für eine religiöse Gemeinschaft, deren amtliche Einrichtungen nicht etwa nur hier und da, sondern allerorten noch auf einem Standpunkt festgehalten werden, der — zumal in protestantischen Ländern —von der umgebenden Bevölkerung längst überwunden ist. % Auf unrichtiger Beobachtung beruht die oft aufgestellte Behauptung, daß fast alle, die aus dem Judentum zum Christentum übertreten, dies nur tun, um dadurch äußere Vorteile zu erzielen. Bei einer großen Zahl von ihnen, ist ein mindestens mitwirkender Beweggrund, daß sie das Judentum für rückständig im Verhältnis zum Christentum halten. Richtig ist nun allerdings, daß diejenigen Ansichten sich leichter als andere einzustellen pflegen, aus deren Folgerungen sich äußere Vorteile ableiten lassen. Indessen widerspricht es dem Gesamtinteresse des Judentums, die Bildung derartiger Ansichten durch Beibehaltung mancher tatsächlicher Rückständigkeiten in Liturgie und Ritual noch besonders zu erleichtern. Zwar sind Liturgie und Ritual nicht das Wesentliche' einer Religion