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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-12-01 · Heft 48 (1.12.1911) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 48 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 .. . L2 Luckenwalde, 26. November. . Am, 2§. d. M. wurde einer der angesehensten Bürger unserer Stadt, un^er Glaubensgenosse Herr Fabrikbesitzer und Stadtrat Carl Goldschmidt,Rittevdes.Eisernen Kreuzes, zur ewigen Rühe bestattet. Wohl noch nie war in den Mauern unserer Stadt ein solches Leichenbegängnis gesehen worden. Es zeugte von der großen Liebe und Verehrung, die dem Entschlafenen aus; allen Schichten der Bevölkerung entgegengebracht wurde. Der Heimgegangene war .als mildtätiger Mann und Philanthrop, weit über die Grenzen'der Stadt, hinaus bekannt. Die Lnckenwalder Volksküche wurde von ihm begründet und unterhalten, und kurz vor seinem Tode stiftete er noch ein Kapital von 30 000 Mark zum Besten der Jugendfürsorge. Seine Wohltätigkeit entfaltete sich jedoch ganz im stillen, und — wie ein Redner, an der Bahre hervorhob — wenn er mit der rechten Hand gab, wußte die Linke nichts davon. Auch der jüdischen Gemeinde wandte er als Vorstandsmitglied sein regstes Interesse zu. Unter der großen Trauerversammlung im Hause des Verblichenen bemerkte man als Vertreter der Negierung Herrn Landrat Freiherrn v. Cossel; auch die christliche Geistlichkeit war anwesend. An der Bahre sprach der Beamte der hiesigen Gemeinde, Lehrer Freudenthal, tief empfundene Worte des Nachrufs. Als Vertreter der Stadt fand der Erste Bürgermeister Mannkopf innige Worte, welche das Wirken Goldschmidts als Magistratsmitglied und Philanthrop schilderten. Ferner widmeten noch Nachrufe Stadtrat Pariser, ein Angestellter der Fabrik und andere. Der Krieger-, Feuerwehrverein und mehrere andere Vereine gaben ihm das Ehrengeleit. Das Trauergefolge zählte nach Tausenden. — Leipzig, 26. November. Der Alte Tierschutzverein zu Dresden hat an die Erste und an die Zweite Kammer eine Eingabe betreffend das Verbot des Schächtens gerichtet. Diese Eingabe hat folgenden Wortlaut: Einer hohen Ständekammer erlaubt sich der Unterzeichnete Alte Tierschutzverein zu Dresden ganz ergebenst folgende Bitte zu unterbreiten: Die hohe Ständekammer wolle das Königliche Ministerium des Innern ersuchen, die am.2O. Dezember 1910 erlassene Verordnung über das Schlachten in ihrem 8 6, in welchem das Schlachten nach jüdischem Ritus (Schächten) geregelt wird, wieder aufheben zu wollen. — Der Eingabe folgt dann eine eingehende Begründung. — Dresden, 26. November. Der vor kurzem verstorbene Geheime Kommerzienrat Georg Arnstadt hat seine Gattin zur Universalerbin eingesetzt, mit der Maßgabe, daß nach ihrem Tode der Nachlaß mit einigen Ausnahmen an die Stadt Dresden fallen soll. Sofort zur Auszahlung kommt ein Legat für die Stadt in Höhe von 3OOOOO Mark. Diese Summe und der später anfallende Nachlaß soll als f.,Georg-Arnstädt-Stistung' verwaltet werden.. Die Zinsen sind bestimmt zur Förderung der Gesundheitspflege, der Wissenschaft und Kunst und zur Unterstützung würdiger Armen und älterer erwerbsloser Frauen. Auch die Dresdner Bank, deren langjähriger Generaldirektor der Verstorbene gewesen, ist, ist mit einem 300 000- Mark-Legat bedacht worden, die israelitische Religionsgemeinde mit 40000 Mark, die Platen-Stiftung, das Unterstützungsinstitut der Königlichen musikalischen Kapelle und die Pensionskasse des Königlich Sächsischen Hoftheater-Opernchores mit je 15 000 Mark, das Soldatenheim zu Dresden, der Albert-Verein mit je 10 000 Mark. — Regensburg, 26. November. In Memmingen befindet sich im städtischen Krankenhause ein 88jähriger, schwerkranker Israelit. Er stammt aus Rußland und ist aller Mittel entblößt. Da die israelitische Kultusgemeinde nicht in der Lage ist, für ihn zu sorgen, wurde die Ausweisung verfügt, was mit großer Gefahr für den kranken Greis verbunden wäre. Auf die Bemühungen des Herrn Distriktsrabbiners Dr. I. Meyer in Regensburg beim Ministerium wurde die Ausweisung zurückgenommen unter der Bedingung, daß von jüdischer Seite die Verpflegungskosten gedeckt werden oder für eine Unterbringung des Kranken in einem jüdischen Krankenhause gesorgt wird. Da dazu erhebliche Mittel nötig sind, ergeht der dringende und herzliche Hilferuf an unsere Glaubensgenossen, den alten hilflosen, religiösen Mann durch' Spenden zu unterstützen. Geldsendungen sind zu richten an Herrn Distriktsrabbiner Dr. S.Meyer in Regen s bürg. L2 Hannover, 26. November. Wir Schüler der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer (Hannöver) hüben am Mittwoch, den 22. November, einen schier unersetzlichen Verlust erlitten. Unser hochverehrter Lehrer, Herr M. Gottlieb, ist an diesem Tage seinen Leiden, die ihn lange Zeit an das Krankenbett gefesselt hatten, erlegen. Wir, seine Schüler, können seine Bedeutung als Gelehrter noch nicht ermessen; Berufeneren möge es überlassen sein, seine vielseitige Gelehrsamkeit auf den verschiedensten Gebieten der hebräischen Literatur^ in das rechte Licht zu setzen. Wir haben in dem Verblichenen einen Lehrer, einen Erzieher in des Wortes edelster Bedeutung verloren. Sein lauterer Charakter, seine echte, tiefreligiöse Frömmigkeit sind für uns vorbildlich gewesen. Am Freitag, den 24. November, nachmittags 2^ Uhr fand die Beisetzung statt. Obwohl die Todesnachricht erst in später Stunde an seine Schüler und Freunde gelangte, waren alle, die den Verblichenen kennen und schätzen gelernt hatten, erschienen, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. In bewegten Worten schilderten Herr Landrabbiner Dr.. Gronemann, Herr Rabbiner Tr. Freund, Herr Seminardirektor Dr. Knoller und Herr Senator Fischer die Verdienste des Dahingeschiedenen, der als Mensch und Gelehrter vorbildlich für seine Freunde und Schüler gewirkt hatte. — Gott hat den Lehrer von uns genommen, seine Lehren aber werden in seinen Schülern fortleben.; Frankfurt a. M., 26. November. In diesen Tagen findet in der hiesigen Loge U. O. B. B. eine Ausstellung von Arbeiten der Schülerwerkstätten der israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlem statt. Wie aus den ausgestellten Objekten hervorgeht, besteht das Ideal des Leiters der Anstalt, Direktor Sil herb erg, darin, die dort untergebrachten Zöglinge, Knaben und Mädchen, zu praktischen Menschen zu erziehen und ihnen eine Vorbildung zu geben, die es ihnen ermöglicht, dereinst fest auf ihren eigenen Füßen zu stehen. Die Ausstellung enthält eine Abteilung lür Erzeugnisse der Schuhmacherei, der Schneiderei, Bäckerei, Gärtnerei, für Naturholzarbeiten, Handfertigkeitsunterricht usw. Die Abteilung für Mädchen weist kunstvolle Stickereien, Kleider- und Wäscheverfertigungen nebst Nähereien auf. Ueberall zeigt sich das Bestreben der Zöglinge, die im Alter von 7 bis 14 und von 15 bis 18" Jahren stehen, unter methodischer Anleitung sich immer mehr zu vervollkommnen. Der rege Fortschritt der Schüler und Schülerinnen wird durch die Papparbeiten und die selbstverfertigten Gegenstände für den physikalischen und geometrischen Unterricht, den Jntarsiaarbeiten. Holzschnitzereien, Planzeichnungen usw. bewiesen. Aus den aufgestellten Modellen geht hervor, daß die Anstalt, die auch für das körperliche Wohl der Zöglinge durch Turnen und Freiübungsspiele sorgt, nach den modernsten hygienischen Vorschriften eingerichtet ist. Dem gemeinnützigen Unternehmen ist auch eine Waldschule an gegliedert. Worms, 26. November. Vorige Woche übergab die politische Gemeinde der Stadt der israelitischen Gemeinde denjenigen Teil des allgemeinen Friedhofes auf der Hochheimer Höhe, den sie zur ausschließlichen Benutzung angelegt hat. Der alte Judenfriedhof, der, rvie einst der Prager, weltbekannt ist, schließt damit, nachdem er tausend Jahre seiner Bestimmung gedient hat, für immer seine Pforten. . Doch wird er nicht wie der Prager dem Verkehr der Neuzeit zum Opfer fallen, sondern als unantastbares Eigentum der Kultusgemeinde und zudem unter Denkmalschutz späteren Geschlechtern in seiner jetzigen Beschaffenheit erhalten bleiben. Von Osten her grüßt ihn sein Altersgenosse, der unter Bischof Burkhard erbaute Dom mit ragenden Türmen, dem benachbart der jetzt verschwundene Bischofshof lag, in dessen Schutz diejenigen, deren Staub er birgt, im finsteren Mittelalter vor der entfesselten, vom Glaubensfanatismus angesachten wilden Mordlust der Menge so oft, meist erfolglos, sich flüchteten. Es ist ein Ort, der mit feinen unzähligen, in Form und Material sich gleichenden und mit krausen althebräischen Inschriften bedeckten grauen, verwitterten Steinen und durch die Erinnerungen die er wachruft, ergreifend auf den Besucher wirkt. Wenn urkundlich das Jahr 1034 als Jahr der Grundsteinlegung der berühmten im romanischen Stil erbauten. Synagoge genannt mürd, so darf angenommen werden, daß die Gemeinde, für die fle bestimmt war, schon damals der Größe dieses Gotteshauses entsprechend zahlreich war, und daß sie sowie die Mainzer schon um die Mitte des neunten Jahrhunderts sich ansässig gemacht hatte/ Ungefähr dasselbe Alter

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