Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-12-01 · Heft 48 (1.12.1911) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 48 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3229010--67981-3280228
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

75. Jahrgang Nk 48 Berlin, 1. Dezember 1911. Vetl^gr zur ^,Aklgemetnen Leitung -eK Judentums". lkorrelpondenrrn und Kachrichtrn. Deutschland. — Berlin, 28. November. Ueber das Ergebnis der am 22. November in Paris abgehältenen Sitzung des Zentralkomitees der „^llianee Israölite Universelle", an der von deutscher Seite die Herren Justizrat Dzialoszynski und Stadtrat Gimkiewic z. teilnahmen, erfahren wir' das Folgende: Die von der Deutschen Konferenzgemeinschaft angenommenen Vermittlüngsauträge des Herrn Justizrät B lau - Frankfurt/ die wir ' in voriger Nuulmer mitgeteilt haben und die' dem Standpunkt der Pariser Herren . außerordentlich weit entgegenkamen, wurden glatt abgelehnt. Man zeigte sich zu keinerlei Konzessionen an diese .Friedensvorschläge geneigt und beharrte unverrückbar auf dem Beschlüsse der vorigen Zentralkomiteesitzung, die allgemeinen Wahlen abzuschaffen und an deren Stelle die Kooptation treten zu lassen. Dieser Beschluß betreffend die Beseitigung der allgemeinen Wahlen (§ 8 der Statuten) und Einführung des Kooptationssystems fand die Zustimmung der Versammlung mit der den ursprünglichen Antrag nur noch verschlechternden Modifikation, daß die Ernennung der französischen Zentralkomitee- Mitglieder allein dem Zentralkomitee in Paris zustehe und . niemand dabei ein Wort mitzureden habe.' ' Auch die Zuwahl von ausländischen, nichtfranzösischen Mitgliedern auf Grund allgemeiner Wahlen wurde abgeleynt. Dafür soll aber den Lokalkomitees und Bezirkskomitees das Präsentationsrecht erteilt werden, allein nur in der Weise, daß von den Lokal- und Bezirkskomitees zwar Kandidaten in Vorschlag gebracht werden sollen, aber das Zentralkomitee das Rechterhält, eine Prüfung der Kandidaten vorzunehmen und die dem Zentralkomitee nicht passenden Kandidaten abzu lehnen. Dann muß von den Lokalbeziehungsweise Bezirkskomitees eine Liste von neu präsentierten Mandaten dem Zentralkomitee vorgelegt werden, die aber wiederum vom Zentralkomitee abgelehnt werden kann. - So ist jedem Bestreben, in das Zentralkomitee Personen 'hineinzubringen, die Den Pariser Herren nicht einwandfrei genehm sind, ein Riegel vorgeschoben. Außerdem zeigt dieser Beschluß die Tendenz, durch den Anreiz der Bildung von Lokal- und 'Bezirkskomitees die einheitliche' Geschlossenheit der deutschen Mitglieder der „Mianee" zu zerstückeln und die Deutsche Konferenzgemeinschaft bei den Wahlen überhaupt außer Gefecht zu setzen. Diese Beschlüsse bedürfen nach den Statuten erst noch der Genehmigung durch die Generalversammlung. — Leider erscheinen infolge dieses Beschlusses die Chancen des Friedensschlusses wieder in weite Ferne gerückt zu sein. ^Berlin, 28. November. In der Wohnung der Vorsitzenden Frau Landgerichtsrat Löwe fand am Sonntag die Generalversammlung des Vereins „Mädchenhaus Pankow"'statt. Dem Jahresbericht des Vereins entnehmen wir. daß im abgelaufenen Jahre die Zahl der Zöglinge1 durchschnittlich 40 betrug (drei mehr als im Vorjahre), die einen Aufwand von 428'99 Mark pro Kops und Jahr erforderten. Die Gesamtausgaben beliefen sich auf; 17159,73 Mark, das ist trotz d:Z geringeren Kostenbetrages pro Jahr und Kopf etwa 3000 Mark mehr als im Vorjahre, was auf die höhere'Anzahl der Zöglinge im letzten Jahre zurückzuführen ist. Die Leitung des Hauses ist wie bisher in. den Händen des' Ehepaares Stern, als Handarbeitslehrerin ist Fräulein Meyer tätig. In der Art der Ausbildung der Mädchen ist nichts geändert worden. Die Zöglinge wurden in allen Dienstleistungen des Haushaltes unterrichtet, mußten ihre Kleidung selbst anfertigen und in Ordnung halten und — in geringem Umfange — für fremde Haushalte waschen und plätten. Das Waschen für fremde Haushaltungen brachte eine-Brutto-Einnahme von rund 1160 Mark, die Unkosten aber betrugen rund 990 Mark, so daß ein Reinüberschüß von nur 170 Mark verblieb. Das Ergebnis der Ausbildung war befriedigend. Die Jahresbeiträge sind stationär geblieben, sie belaufen sich auf rund 8000 Mark. Das Vermögen des Vereins beläuft sich einschließlich des Guthilde-Alexander- Fonds und des Bankguthabens' auf insgesamt ca. 135000 Mark, wobei der Wert des Grundstücks Pankow mit 60000 Mark eingesetzt ist. Eine größere Ausgabe, und zwar in Höhe von etwa 5000 Mark, erforderte der im Berichtsjahre vorgenommene, Erweiterungsbau. Von diesen Kosten sind aber nur etwa 800 Mark durch freiwillige Beiträge gedeckt worden,' so daß der Rest von reichlich 4000 Mark einstweilen dem eisernen Fonds entnommen! werden mußte. Im Anschluß anden- Geschäftsbericht, verwies Herr Justizrat M ako wer darauf, daß es wünschenswert wäre, die Sparkassenbücher mit höheren Einlagen der Mädchen nicht draußen in Pankow zu lassen, sondern sie in die Verwaltung resp. dem Gewahrsam der Kasse zu übergeben. Der Anregung soll Folge gegeben werden. Nach Erörterung einiger weiterer Fragen erstattete Herr Karl Schiff den Nevisorenbericht und beantragte Decharge-Erteilung, die einstimmig erfolgte. Bei den hierauf vollzogenen Wahlen wurden die turnusmäßig ausscheidenden Vorstandsmitglieder Direktor Grunwald und Jnstizrat Makower auf die Dauer von vier Jahren sowie zu Revisoren die Herren Schiff und Pariser wiedergewählt. Nachdem noch eine Anregung der Frau Direktor May, im Jahresbericht auch den § 1 der Statuten, der über den Zweck des Vereins unterrichtet, im Interesse besserer Propaganda für das Mädchenhaus aufzunehmen, die einstimmige Billigung der Versammlung gefunden Hatte,- wurde die Generalversammlung geschlossen und die Konstituierung des Vorstandes, rvorgenommen. Zur Vorsitzenden des Vorstandes wurde wiederüm Frau Landgerichtsrat Löwe, zum stellvertretenden Vorsitzenden Herr Kommerzienrat Eisner, zum Schriftführer Herr Direktor Grunwald und zum Schatzmeister Herr Direktor May gewählt. Nach einer kurzen Debatte über die von Frau Gertrud Mosse angeregte Frage der Beschaffung notwendiger weiterer Mittel, an der sich Frau.Direktor May und Herr Justizrat Makower beteiligten, erfolgte nach einer wirkungsvollen Ansprache die Prämiierung von sieben Mädchen für einjährige beziehungsweise dreijährige Dienstzeit in derselben Stelle. Eine kleine dramatische Szene aus dem Milieu der Häuslichkeit, von den Zöglingen mit hübschem Gelingen dargestellt/ fand regen Beifall und bildete den Schluß der Sitzung. 22 Berlin, 28. November. Zu den Aufgaben der „Deutschen Zentralstelle" gehört bekanntlich auch die schnelle Heimbeförderüng der Rückwanderer aus überseeischen Ländern. Ein großer Teil, dieser bedauernswerten Leute kommt über belgische und holländische Häfen insbesondere Antwerpen und Rotterdam, in Europa an. Es lag nahe, daß die Mittellosen ihre Durchreise durch Vorsprechen bei den Fremdenkassen sich ermöglichten. Damit war aber die Gefahr verbunden, daß die Heimreise sich nicht nur unnötig verzögerte, sondern daß sie überhaupt nicht ausgeführt wurde, indem schwache Naturen, der Verführung, sich mühelos von Almosen zuMrhalten, unterlagen und endgültig dem Wanderbettel verfielen. Daher hat es der Hilssverein der Deutschen Juden, dem diese Klasse von Unglücklichen, besonders am. Herzen liegt, seinerzeit lebhaft begrüßt, daß die „Deutsche Zentralstelle", die dank ihres Systems vön Abfertigungsstellen hierzu in der Lage ist, eine Durchführung >der Rückwanderer auf weitere Strecken eingerichtet hat, Die 'Rückwanderer erhalten beim Ueberschreiten der Westgrenze, also .meistens in Aachen, eine durchgehende Fahrkarte IV. Klaffe bis' Berlin nebst dem üblichen Zehrgeld. Von hier aus werden sie weiter auf möglichst weiten Strecken nach den Grenzbureaus in Ostpreußen, Westpreußen, Posen ' und Oberschlesien befördert. Jetzt ist ein weiterer wichtiger Fortschritt angebahnt. Es sind Verhandlungen mit Vertretern aus Arnsterdam, Antwerpen und Rotterdam gepflogen worden, durch die erreicht werden /soll, daß die Durchbeförderung der Rückwanderer schon an -diesen Hafenplätzen beginnt,' so daß, wenn gewisse Grenzschwierigkeiten überwunden sein werden, schon an der belgischen oder holländischen Landungsstelle durchgehende Fahrkarten nach Berlin

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.