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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-12-01 · Heft 48 (1.12.1911) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 48 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
Seite 576 (sequence 12)
Language
German
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576 Liweitzer erhob sich. Er eilte Seeligmann entgegen, doch als er Eschkeles und Flesch erblickte, blieb er stehen. Er hatte > sie nicht sofort erkannt. „Ich bin es, Herr Liweitzer," entrang es sich dem Munde desvLajtinant Flesch, „ich und Herr Eschkeles." - - Flesch verstummte plötzlich: Er erschrak, denn als er Liweitzer besser in Augenschein nahm, , erwachten Zweifel in ihm. Er war dessen nicht ganz sicher, daß dieser Herr, der jetzt vor ihm stand, auch wirklich sein Freund sei. Der Nagysöröder Liweitzer war nicht so stramm, nicht so vornehm, nicht so imponierend. „Vielleicht haben wir uns geirrt," setzte er mit leiser Stimme hinzu und blickte hilflos auf Eschkeles. Eschkeles erwiderte den fragenden Blick nicht. Mit großen, sicheren Schritten ging er Liweitzer entgegen, drückte ihm wortlos die Hand und umarmte ihn. Keiner von 4hnen sprach ein Wort. Der alte Seeligmann drängte den Träger aus dem Zimmer, und auch er ging auf den Korridor hinaus. Liweitzer kämpfte mit seiner Rührung und es wurde ihm schwer, diese zu besiegen. Bald drückte er Eschkeles, bald Flesch dre Hand. „Solch einen schönen Tag habe ich noch nicht gehabt," sagte er und blickte die Menschen an, die aus weiter Ferne gekommen waren, um ihn aufzusuchen. „Ich habe gehört," sprach Eschkeles, „welchen schönen Erfolg Sie haben." „Schön, schön, aber dies ist doch etwas anderes. Daß Sie nach zwei Jahren zu mir gekomm en sind, das ist doch etwas anderes. . . So etwas hätte ich vor zwei Jahren gar nicht zu träumen gewagt." Sein männlich schönes Gesicht wurde plötzlich tiefernst, Auch schloß er die Augen für einen Moment. Er blickte' iy sich hinein und in die Vergangenheit zurück. Er sah .alle Veränderungen seines Lebens, seine Kämpfe, sein Elend, seine schwärmerische Versunkenheit, sein Erwachen. Er sah sich in Tante Breindls Zimmer beim trüben Scheine des Oellämpchens verbotene Bücher lesen. Wie ist denn alles das geschehen? Dieses große Wunder? Diese große Umgestaltung, diese große Befreiung? Er drückte die Augen noch fester zu und sah eine rotleuchtende Helle. Und in dieser blendenden Helle erblickte er jemanden — eine taufrische .Mädchenblüte. ... Liweitzer erschrak. Er schaute aus Eschkeles, ob dieser ihm nicht den verräterischen Gedanken vom Gesicht abgelesen habe. Eschkeles hatte nichts bemerkt. Lächelnd sagte er: „Meine Frau läßt Sie schön grüßen." „Ich danke, Herr Eschkeles. Ihre Frau war immer sehr gut zu mir." „Und auch meine Tochter laßt Sie grüßen", setzte Eschkeles hinzu. Liweitzer antwortete mit leiser Stimme: „Ich danke." „Sie entsinnen sich ihrer doch, damals war sie noch ein halbwüchsiges, kleines Ding", fuhr Eschkeles fort, aber viel unsicheren Tones, als. zuvor. „Sie entsinnen sich ihrer, nicht wahr?" Liweitzer bejahte es mit stummem Kopfnicken. „Ich hatte viel Kummer mit ihr, die Aermste war krank." Liweitzer zuckte zusammmen. Vor Aufregung grub er. die Zähne in die Lippen, daß es ihm Schmerz verursachte.. . „Und jetzt?" kam es dumpf aus seinem Munde.: . »Jetzt ist sie, gottlob gesund." Liwertzer senkte den Kopf und ging unruhig im Zimmer . aus und nieder. Eschkeles erHob-sich. „Jetzt gehen wir, Herr Liweitzer. Wir hören, daß Sie Gäste erwarten." Liweitzer wandte ihm sein leichenblasses Gesicht zu: »Ich bitte Sie,'zw'bleiben." . Sie setzten sich-. „Das ist ein Freund!" -flüsterte Lajtinant Flesch Eschkeles zins Ohr. ' _• , „Herr Eschkeles," begann Liweitzer plötzlich, „ich hätte niemals gedacht, in diese Situation zu geraten. Ich habe nur kämpfen gelernt. Verzeihen Sie mir, wenn ich in diesem Augenblicke auch zu hoffen wage. Vielleicht ist es keine.zu . tollkühne'-Auflehnung gegen mein Verhängnis. Möglich dauert es nur eine Sekunde lang,- und ,ich werde dann wieder der frühere sein. Herr Eschkeles, Sie -haben -mir. von Ihrer Tochter einen Gruß gebracht.; Man schicktseinen Bekannten lausend Grüße im Jahre, ich weiß, daß das nicht - viel zu bedeuten hat. Doch sehen Sie, ich kann diese Botschaft kaum ertragen. Denn für mich ist sie vielleicht die Erlösung . . . Ich ... ich habe Ihre liebe Tochter ... Fräulein Esterchen _ in mein Herzgeschlossen." Eschkeles ergriff seine Hand. „Ich weiß es", sprach er freundlich. „Alles weiß ich. Mehr als Sie, mein Freund. Denn ich, weiß sogar auch das, daß Esterchen Ihretwegen krank geworden ist. Liweitzer wurde von Schwindel erfaßt. Zum.Glück.war Seeligmanns Fauteuil in der Nähe, , so daß. er sich darauf stützen konnte. . . Eschkeles schloß ihn in seine Arme. Tausend Gedanken wirbelten in seinem Kopfe, doch er sagte nur: „Mein Sohn!" (Fortsetzung folgt.) Sxirechstlgl. Erwiderung.' Infolge mehrfacher Anfragen aus dem Leserkreis der „Allg. Ztg." ^unmittelbarer Aufforderungen, vor allem-falscher Auslegung meines hartnäckigen Schweigens in'eigenerSache, sehrrch mich genötigt auf einen Aussatz zurückzukommen, den Herr Professor G,.Klein in Nr. 38' des 75. Jahrgangs - dieser Zeitschrift. -vpm -22. September 19ll auf Seite 450:veröffentlicht. - - -Ich will nicht Mißverstandenes richtig stellen, sogar die , entstellenden Abschreibefehler (»Stammvater" „Stammvetter") auf sich beruhen lassen, natürlich hüte ich mich, das einzelne und das Ganze, was Herr Professor Klein nicht verstanden hat, nochmals zu erklären -f' ich verweise den teilnehmender:,^.aufmerksamen Leser auf meinen von Professor Mein zitierten AufsaA bzw. auf das entsprechende KapitEin meinemBuche „Derneue Jude". Nur einer .völlig unrichtigen Folgerung - -cküß? ich hier widersprechen. Professor Klein stellt es so dar,'^als wollte ich dem einzelnen Juden jede.Beziehung zur Bibel rauhen. Davon ist über- Haupt nicht die Rede, was durch folgendes Zitat bewiesen wird:... (es) nimmt aber, nicht die Möglichkeit, die tiefe Glut eines Jefaias, das Schlichte und doch Ergreifende des Fünfbuches zu empfinden, die Kraft der dichterischen Phantasie zu bewundern, und sich als Jude den Leistungen jüdischen Geistes hinzugeben, mag auch die, philosophische Idee des Schöpfungsberichtes und anderer Stellen. heute überwunden sein." Dachau b. München, im November 19l1t.. ' - - - Georg Hecht. mm

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