Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 575 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Bei der Durchnahme eines Schriftstellers sind zwei Arten; möglich: die chronologische, um die Entwicklung -des Autoxs darzutun oder die sachliche (stoffliche),., welche die von dem Autor behandelten Stoffe oderTypennachweisi.Dieerstere ist empfehlenswerter bei Autoren,: die einen großen sichtbaren Fortschritt (oder ein Nachlaßen ihrer Kraft) iwMren Merken zeigen; die letztere bei solchen, die mit gleicher oder ahn-, licher Kunst und Bedeutung sich auf verschiedenen Gebieten bewegen. Unser Verfasser schlägt zumeist den letzteren Weg ein, und darin ist ihm recht, zu geben. - Auch . darin wird man ihm zu stimmen, daß er sich bei den Werken nicht mit Nennung der-Titel begnügt (das versteht sich eigentlich in einer Literaturgeschichte von selbst), auch nicht damit, bloß ein Urteil über die Bücher zu fällen oder ausschließlich eine Inhaltsangabe zu geben, sondern daß er bei den meisten der von ihm besprochenen Arbeiten Proben abdruckt; nur Hütten diese, wie schon oben ausgesührt. meines Erachtens in der Ursprache und nicht in französischer Uebersetzung gegeben werden müssen. Bei' einem Stoffe, wie derist, der in unserem Buche behandelt wird und den französische Lesern, für die das Brrch in erster Linie bestimmt ist/ bisher sogut wie unbekannt war, ist jedenfalls diese Methode die einzig mögliche. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß am Schluffe des Werkes zwei Anhänge stehen-, eme Bibliographie und ein Verzeichnis der Eigennamen. In der Bibliographie werden die Autoren, Zeitungen und pseudonymen Schriften in einem Alphabet zusammengefaßt. Ich halte dies Prinzip der Anordnung für nicht ganz richtig; weil dadurch die Uebersicht erschwert wird; das Register hätte vielmehr in drei Teile getrennt werden müssen: Autoren; anonyme und pseudonyme Schriften--Zeitungen und Zeitschriften. Man kann das Urteil über das Buch in folgende Worte zusammenfassen: es ist eine recht fleißige, übrigens lesbar geschriebene Darstellung der sogenannten jiddischen Literatur des Ostens Europas, Rußlands und Galiziens im )9. Jahrhundert, speziell in dessen zweiter Hälfte. Das aber, was es zu sein vorgibt, nämlich eine wirkliche-Geschichte der jüdischdeutschen Literatur von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, speziell eine Darstellung jener wunderbaren Entwicklung in Deutschland selbst, eine Beschreibung der mühsamen, häufig ungelenken und doch kulturgeschichtlich so ungemein interessanten Versuche, den Juden .in Deutschland - deutsche Geistesprodukte, in einer ihnen verständlichen Sprachehebräische Werke in einer Form darzubietendie sich auch Ungelehrte aneignenkönnten, ein solches Werk, das seit lange hätte geschrieben werden müssen, ist es leider durchaus nicht. Seim Lämpchen. Roman von Peter.UjvLri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa Trencsäni. XLIII. _ '' Jr,.;.",-' sie in der Lazargaffe in. das Haus traten, wy Liweitzer wohnte, begegneten sie auf den Stiegen einem alten Manne. Er stieg.vergnügt die steilen Treppenstufen hinan und ermunterte dabei einen Tagelöhner, von deffen Oberkörper man nichts sehen konnte, da ein riesenhafter, hochlehniger Armstuhl, den er hinaustrug, diesen vollständig-bedeckte. . „Achtung, Gasperl," schrie das alte. Männchen, als dieser mit dem - kostbaren Möbelstück . die Mauer streifte, „Was. - glauben Sie, Gaspert? Sie wollen doch nicht, haß der Samt - in Fetzen davon herunterhängen soll. Sie tragen diesen Arm- : stuhl Herrn Rabbiner Liweitzer, . keinem gewöhnlichen Menschen, nein, , keinem gewöhnlichen Menschen. . Eschkeles und Flesch blickten einander an. Diese Leute hatten Liweitzer erwähnt. ,. „Haben Sie es gehört?" srug Flesch mit gedämpfter Stimme. . »Ich . habe es . gehört." „Er sagte: Herr Rabbiner. Was denken Sie darüber?" Eschkeles sagte nicht, was er darüber denke/ sondern trat zu dem alten Seeligmann hin und grüßte höflich. „Bitte um Verzeihung," entschuldigte er sich, „wir sind hier fremd. Wir suchen Herrn Liweitzer." Seeligmann wollte mehr erfahren. „So? Sie sind also Fremdlinge? Und woher kommen Sie?" fragte er forschend.. „Wir sind Ungarn." Der Alte schlug die Hände zusammen: „Sie sind Ungarn? Herrn Liweitzers Landsleute." „Wenn der Liweitzer, den Sie erwähnen, derselbe Liweitzer ist, welchen wir suchen, dann sind wir nicht nur seine Landsleute, sondern auch seine Bekannten." „Das ist großartig," sprach er entzückt. „So etwas habe ich noch nicht erlebt. Ich sage Ihnen, das ist großartig. Na, wird aber unser Freund große Augen machen. Aber auch Sie werden etwas sehen können. In fünf Minuten wird die Deputation hier sein: Herr von Hagen und Glauber und Schapira und andere. Die ersten Herren im Stiftstempel." „Dann sind wir vielleicht zur Unrechten Zeit gekommen." ~ „Sie sind eben zur rechten Zeit da," sprach, der Alte, „das müssen auch Sie sehen. Herr von Hagen wird die Rede halten." ' \ ' Und er erzählte, daß Liweitzer ein Buch geschrieben habe, ein großartiges, wissenschaftliches Werk über den Talmud, welches die Akademie mit dem ersten Preise ausgezeichnet habe. Und daß man im Stiststempel beschlossen habe, den jungen Gelehrten, welcher, der jüdischen Wissenschaft solchen Ruhm erworben, zu ihrem Rabbiner zu erwählen. „Bitte," sagte Flesch befangen, „ich frage nicht aus Neugierde, sondern aus pflichtgemäßer Achtung vor der Zivilisation. Ich hoffe, daß Sie es mir, geehrter Herr, nicht für übel nehmen, wenn ich Sie mit der unter gebildeten Leuten gestatteten Emotion frage, ob denn jener besagte Herr Liweitzer, unser Freund, wie auch Sie ihn richtig nennen, schon an der Universität den Doktorgrad erhalten hat!" „Er hat diesen noch nicht erhalten, wird ihn aber bald bekommen. Uebrigens ist das Doktorat für uns gleich. Wir im Stiststempel brauchen Wissenschaft, und davon steckt in meinem jungen Freunde mehr als in zehn Doktoren." Seeligmann trippelte hurtig die Treppe hinaus. Bei Liweitzers Tür angekommen, pochte er und rief hinein: „Ist es erlaubt, Herr Liweitzer? Ich bin es, der alte Seeligmann." „Bitte, nur herein," klang von innen die freundliche Antwort. ■ , , „Ein Fauteuil habe ich gebracht, Herr Liweitzer. Im Magazin hat es keinen Platz, da habe ich mir gedacht, ich bringe es her. Hier werden es wenigstens nicht die Motten sreffen. Dann bringe ich noch anderes." Er riß die Tür auf und rieb sich glückstrahlend die Hände.' Worüber sich wohl sein Freund mehr freuen wird, ob über den Fauteuil oder über die Söröder Freunde?