Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 574 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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wie die erwähnten sind die Notizen über die Bibelübersetzüngen, Uebertragungen der Gebetbücher und der moralischen Schriften^ des 18. Jahrhunderts; es genügt wohl zu seiner Charakteristik/' daß er genau sechs Zeilen den-Memoiren der Glücket'von Hameln widmetdie in einer wirklichen Geschichte der jüdisch-' deutschen Literatur ein umfangreiches Kapitel einnehmenmüßten.'- Ein anderer Abschnitt ist den Volksliedern gewidmet, nicht der großen von Rosenberg herausgegebenen und bearbeiteten großen Sammlungdie allerdings in unserem Buche gestreift, aber durchaus nicht nach Gebühr dargestellt wird, sondern den Volksliedern aus Rußland, die 1901 gesammelt erschienen sind. Nach dieser blitzzugsartigen Geschwindigkeit steht der Verfasser bereits auf Seite 71 (die ersten 30 Seiten wäreWder' Sprache gewidmet, dem literar-historischett Teil gehören also nur 40 Seiten an) am Anfänge des 19. Jahrhunderts. . H Hier beginnt nun der Teil des Werkes, der, wenn er uns auch nicht absolut Neues bietet, jedenfalls als die Domäne des Autors betrachtet werden kaum in der er selb-'" ständig herrscht. Zuerst wird die haskalitische Literatur, speziell in Litauen besprochen, die Anhänger dieser Gruppe werden als Maskilinn bezeichnet. Man versteht darunter die hebräisch-kundigen Literaten des Ostens, > die am Deutschen genährt, teils die Wiedererweckung der hebräischen Sprache^ träumten, teils den Chassidim Predigten und in ihrem nationalen Ideal sich lange gegen die Mischsprache sträubten, bis sie sich schließlich ihrer zur Ausbreitung ihrer eigenen Ideen bedienten. Unter ihnen wird besonders ausführlich' I. B. Levinsohn —. 1788 bis 1860 — behandelt, ferner Askenfeld, Ettinger, . <& Zweifel, wobei die Notiz Seite 105< hervorgehoben sein mag, daß bei einem dieser Dichter das- Gefühl der Treue zur (russischen) Regierung und das Vertrauen aus die Gerechtigkeit des Zaren lebhaft ausgesprochen wird. Bei der Besprechung eines der genannten Dichter: Ettinger, gibt der Verfasser eine Probe, bei der ich verweile-' weil hier eine allgemeine methodische Bemerkung anzuknüpfen ist. . Die Malpe. „Weis mir chotsch eine zwischen die chajes Ich soll nischt nochmachen ihre hawajes!" Aso tut sich a malpele berühmen Var a fuchs, wos is zu ihr gekürnmen. Dos fuchjel entwert teekef zurück: „Sog nor du, parschiwe marschelik! Wemen wet ober doS einfallen a ganz johr Er soll Woellen dir nochmachen auf a hoor?" Dos moschel maeg, chlleben, ohn a nimschel bleiben .. Jtlicher weißt es allein wemen zuzuschreiben. . Le singe. . V „Indique-nioi ne füt-ce qu’un;§eul parmi tous les animaux Dont je ne sacbe pas imiler les grimaces?“ .) G’est en ces termes qu’un petit singe se vantaii Devant un renard qui 6tait venu le voir. Le petit renard sur le champ riposte: „Mais dis donc, vilain com^dien! Y aurait-il par hasard quelqu’un ä qüi l’idee viendrait, ne fut ce qu’une fois l’an, De t’imiter, toi, dans le moindre de tes gestes?“ La fable, ma foi, peut rester sans morale Ghacun saura lui-meme, ä qui l’appliquer. Es handelt sich darum, ob man wirklich gut daran tut, diese jüdisch-deutschen Stellen in .eine moderne Sprache-umzugießen, ob es möglich ist, durch eine derartige neuere Fassung auch nur von fern den Eindruck hervorzurüfen, den das Original erzeugt. Gerade hier rächt-sich der Grund- und Hauptfehler des Buches. Der Autor hätte in einer Einleitung' oder in einem ersten Abschnitt den Leser vertraut,machen müssen: - mit' der -Sprache, in 'der! jene Literaturwerke geschrieben sind; ' dadurch wäre der Leser in den Stand gesetzt worden, die Proben! im Original ohne weiteres/-vielleicht'unterstützt durch wenige; Anmerkungen, oder durch Hinweise auf ein an den Schluß zu setzendes Wörterverzeichnis zu verstehen. Ich bin kein übermäßiger Verehrerdieser jüdisch-deutschen Literatur vom ästhetischen Standpunkt aus, obgleich ich ihren gewaltigen kulturhistorischen Wert vollkommen anerkenneaber ich muß doch satzen, welche Naivität liegt bei der angeführten Probe im Original gegenüber der Uebersetzung. In einem besonderen Kapitel „Les badchens“ folgt eine Besprechung von Michel Gordon, Abraham Goldfaden, I Leb- E. Zunser, W. Ehrenkranz, die man mit Freude liest, denn in dieser Charakteristik der Neueren liegt der Hauptwert des Buches. Der Verfasser hält sich, was nur zu billigen ist, bei der eigentlichen Biographie der besprochenen Schriftsteller wenig auf, er bemüht sich, die Werke durch Hervorhebung von Proben zu charakterisieren, ist mit seinem Urteil zurückhaltend und überläßt die Kritik, Zustimmung oder Ablehnung dem Leser. Ich kann nicht mit der Ausführlichkeit, wie es bisher geschehen ist, alle einzelnen Kapitel durchnehmen, so sei nur erwähnt,' daß in dem folgenden Kapitel „Der volkstümliche Roman" Eysik Meyer Dick und seine Nachfolger durchgenommen werden, unter denen hauptsächlich Schaikowitz (Schomer) und Abramowicz als die. berühmtesten zu nennen sind. (Sollte die Schreibung der Namen nicht ganz richtig sein, so liegt dies daran, daß die französische Form keineswegs der bei uns üblichen entspricht.) Der Letztgenannte, dem ein großes Kapitel gewidmet ist, wird außerordentlich gerühmt; von seiner Naturbetrachtung, seiner Ironie, seiner Sprache werden viele Proben gegeben. Dann folgt der Satiriker I. I. Linetzki, der als. Uebersetzer, Journalist, Romanschriftsteller tätig war. - Das zweite Buch: „Die zeitgenössische Literatur" zerfällt in folgende Abschnitte: Das Ende des Maskilismus; S. S. Frug; I. L Perez (als Dichter); Morris Rosenfeld; M. Spektorl Jakob Dienesohn; S. Rabbinowicz (Scholem-Aleichem); I. L: Perez (als Prosaschriftsteller); das. jüdisch-deutsche Theater. Das letztgenannte Kapitel ist überaus dürftig, man möchte annehmen, daß der allzu große Umsang des Buches den Verfasser veranlaßt hätte, diesen wichtigen Abschnitt, der, weil er weitmehr auf die Massen wirkt als die gedruckte Literatur, eher hätte in den. Vordergrund gestellt werden müssen, nur anzudeuten, statt das gesammelte Material wirklich vorzulegen. Doch ist es kaum begreiflich, daß zwei sowichtige Autoren,, die auch bei uns sehr bekannt und oft aufgeführt worden sind', Asch und Pinki, und neben ihnen eine Anzahl weniger bekannte, z. B. Hirschbein nur in einer Anmerkung gestreift werden. In zwei sehr ausführlichen Abschnitten wird, wie man aus dem eben mitgeteilten Verzeichnis sieht, I. L. Perez durchgenommen. Bei ihm wird zunächst die Sympathie für die Armen als Hauptcharakteristikum erwähnt. Als Beispiel dafür dienen seine einzelnengrößeren Arbeiten, z.B. „der Kommissionär": Als das zweite, bei ihm hervortretende Moment wird die Stellung der Frau bezeichnet, die gleichfalls durch einzelne aus verschiedenen Erzählungen genommene Beispiele erläutert wird. Dann der Glaube an ein Jenseits. Dann werden verschiedene von Perez gezeichnete Typen geschildert, besonders der der Batlen, der Armen, die unlustig und unfähig etwas zu tun, sich in den Synagogen herumtreiben. Ferner der Elenden, die in Dürftigkeit, ohne ihre Lage durch Betteln verbessern zu wollen, ihr Leben hinbringen, endlich der Chassidim und ihrer Verklärung durch die Dichter. Ich habe diesen' Abschnitt etwas ausführlicher analysiert, um die Eigenheit, Vor? züge und Mängel der Darstellungsweise darzutun. -