Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 570 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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570. bei geselligen Zusammenkünften hielt, begeisterten die Zuhörer und regten sie an; besonders das, was der Freund denu Freunde, was der erfahrene Mann dem Jüngling, was der kluge Ratgeber den um Rät bittenden zu sagen wußte, das wirkte^ das packte. WaZ er sagte, war klug, was er dachte, war gut, was erfühlte, war edel. Ein guter Jude war er stets und ist es auch geblieben, ohne sich an überlieferte Formen zu binden. Er hatte Interesse für alle jüdischen Fragen. Er selbst war, wie in der Politik, so auch als Jude freidenkend. Tolerant war er in allen Fragen, intolerant nur gegen Intoleranz. Jede Religion, jede Anschauung ehrte er. „Was einer denkt, ist gleichgültig, nur auf die Taten kommt es an," so äußerte er sich einmal Schreiber dieses gegenüber. Ein wie liebenswürdiger Gesellschaster, ein wie guter Freund, ein wie reizender Gastgeber war er bis in die letzte Zeit. Niemand sah ihm seine 83 Jahre an, sein chevalereskes Wesen hat er nie verloren. Obgleich er das höchste biblische Alter überschritten hättet überraschte und betrübte sein Tod alle seine Freunde. Eine große Lücke hat Wollner bei all . denen hinterlaffen, die ihm im Leben nahe standen und glück- ' lich waren, wenn sie sich an seinen anregenden und belehrenden Unterhaltungen erfreuen konnten. Ldusrd Lrndkmsnn. Von Dr. Adolph Ko Hut. - (Nachdruck verboten) , iner der Hauptführer der Düsseldorfer älteren Historien--' Malerei, auch als Bildnismaler hervorragend, der am 3. Dezember 1811 in Berlin geborene und am 27. DezemM 1889 in Düsseldorf gestorbene Eduard Bendemann war jüdischen Ursprungs. Sohn eines israelitischen Bankiers, hing er Zeit seines Lebens pietätvoll an den ruhmreichen historischen Vorgängen des alten Judentums, immer bemüht, den plastischen Gestalten und Erscheinungen, die seine Seele bewegten und seinen Geist beschäftigten, einen weihevollen, künstlerischen Ausdruck zu verleihen. Erbesaß ein sehr ausgeprägtes Gefühl für keusche Schönheit und Adel bei großer Naivetät und Einfachheit in der Auffassung und Darstellung und wußte seinen Gebilden die hinreißendsten Formen zu geben. Eine poetische Natur, neigte er mehr zum Idyllisch-Elegischen, zu Schöpfungen, die Friede und Unschuld atmen. Gewaltige Charaktere und die Darstellung roher Kraft und wilder Leidenschaft waren nicht - die Vorwürfe, die er liebte. Der naiven und edlen Auffassung von allem, was er darzustellen unternahm, entsprach auch der Stil seiner Zeichnungen und ' Gemälde. Treffend kennzeichnet den Künstler und Menschen ein Zeitgenosse mit den 'Worten: „Seine großartige und! wenigstens dem Geiste nach ganz eigentümliche Auffassung der verschiedensten Geschichts- und Kulturperioden geht aus einer tiefen und lebendigen Empfindung des Göttlichen und ewig Wahren in allen Entwicklungsphasen der Menschheit hervor. Seiner Anschauung entgeht nicht der höhere Zusammenhang dev einzelnen zeitlichen Erscheinungen und die Beziehungen derselben zu dem Urgrund aller Dinge. . . . In ihm durchdringen der Künstler und der Mensch einanderauf das innigste und bilden einen Charakter von seltenster Gediegenheit und Liebenswürdigkeit." •' Durch seine Abkunft dem alten Testament nahestehend, fand er in demselben seine vornehmsten Motive, die : jedoch! nicht so sehr von dramatischem, als vielmehr von jenem lyri-! schen Charakter/ sind, der der damaligen Düsseldorfer Kunst durchweg den romantischen /Stempel aufdrückte. Was Karl Jmmermann treffend von der ganzen Schule sagt: daß das Weiche, Ferne- Musikalische, Kontemplative, Subjektive vordem Starken, Nahen, Plastischen, Handeln vorwalte, das gilt größtenteils auch von ihm. Nicht nur die. großen und aktuellen Ereignisse, sondern auch die Zustände und das Passive der Vergangenheit begeisterten seinen Pinsel. Die jüdische Geschichte mit ihren mehr oder weniger tragischen und >, psychologischen Vorgängen innerhalb des alten Israels waren daher die Hauptgegenstände seiner Schöpfungen. Besonders die Propheten und das Hohelied Salomonis boten ihm eine Fülle " prächtigen Stoffes und geistig künstlerischer Anregungen. Reicher und ergreifender Inhalt ging bei ihm mit Formschönheit und vollendeter Durchführung Hand in Hand. Koloristische Effekte verschmähend, erfreute er sich einer harmonischen, durchsichtigen und zuweilen fast feurigen Farbe. Er kam jung nach Düsseldorf, malte bereits im Herbst 1828, den er in Berlin zubrachte, das Bildnis seiner Großmutter, das auf der damaligen großen Kunstausstellung allgemeine Bewunderung erregte und den Ruf des jugendlichen Künstlers begründete. In Düsseldorf unternahm er, ausgemuntert' durch den Erfolg der ersten Arbeit, sein erstes Figurenbild „Boas und Ruth" (halb lebensgroß). Im Herbst 1831 nach einem Aufenthalt in Italien, begann er die Vorarbeiten zu dem Bilde, das ein Jahr -darauf ans der Berliner Kunstausstellung einen bis dahin fast unerhörten Beifall fand. Israel und seine Leiden und Freuden hatten! nämlich auf das empfängliche Gemüt des jugendlichen Meisters einen solch tiefen Eindruck ausgeübt, daß er diese seine Gefühle und Gesinnungen in einem monumentalen Bildniswerke zu verwirklichen suchte. Dieses große Gemälde nannte er „Die trauernden Juden in Babylon" (Museum in. Köln, gestochen von Ruscheweih). Tiefe und schlichte Empfindung, edle Komposition, Grazie der Form und Harmonie der Farben sind diesem berühmten Bilde eigen. Es ist nicht so sehr der ungeheure Schmerz der Vorfahren über die Zerstörung Jerusalems und das Exil, der sich hier ausprägt, als vielmehr eine ergreifende elegische Rührung, die ihm den Pinsel führte. Auch in bezug auf Bendemann kann man das Wort anwenden: „Senk Genre war klein, aber er war groß, in feinem Genre." Den' großen überwältigenden geschichtlichen Stoff hatte er in einen engen Rahmen gebracht, da er nur eine Gruppe von wenigen Figuren um einen gefesselten Greis umschloß. : * - , - Die nächsten Bilder des Künstlers waren die beiden Mädchen am Brunnen': „Heiterkeit und Trübsinn" (gestochen von Felsing) und „Hirt und Hirtin", nach einem Gedichte von Ludwig Uhland (gestochen von Steifensand), beide vom Kunstverein für Rheinland und Westfalen erworben, sowie „Die Ernte" (Kunstverein in Berlin). 1834/35 entstand das zweite gleichfalls der jüdischen Geschichte entnommene Hauptwerk „Jeremias auf den Trümmern Jerusalems", das in der Größe und der Charakteristik einen Fortschritt gegen die Juden in Babylon bezeichnet (Königliches Schloß in Hannover). Hier ist der Schauplatz die Trümmerstätte des zerstörten Jerusalems, der Greis individualisiert sich zum sinnenden Jeremias, während zur Linken Frauen ihre toten Kinder betrauern und zur Rechten ein Knabe zu einem verwundeten Krieger emporblickt. Ben demanns spätere Tätigkeit, der er nach manchen großen Reisen in Düsseldorf sich widmete, besteht in großen geschichtlichen Bildern verschiedener Herrscher, in vielen Gemälden, die .den Ball- und Konzertsaal des Dresdener Schlosses,