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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-12-01 · Heft 48 (1.12.1911) · p. Seite 569

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 48 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
Seite 569 (sequence 5)
Language
German
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und ihr Ziel ist, die Juden nach und nach gänzlich aus dem Laude zu verdrängen. Als Beispiele der finnischen Judengesetze seien - folgende Bestimmungen angeführt: Die Juden dürfen weder Synagogen noch..Schulen unterhaltend Heiratet ein Jude eine Glaubensgenossin, die nicht - aus Finnland, gebürtig ist, so gewinnt diese nicht' das:Recht, mit ihrem Manne in Finnland zu leben. Zeugenaussagen von Juden vor Gericht sind nicht.rechtsgültig: Juden dürfen weder Gold noch Silber kaufen, verkaufen, noch besitzen usw. usw. Ausweisung aus dem Lande wird als Rüge für Verstöße gegen diese Bestimmungen in weitestem Umfange praktiziert. Das. Bekanntwerden dieser unsanften Behandlung der Juden hat der finnischen Agitation in der ausländischen Presse stark geschadet, und da gleichzeitig Verhandlungen wegen einer finnländischen Anleihe stattfanden,' beeilte sich der. Landtag, eine Revision der Judengesetzgebung anzuordnen. Das war im Jahre 1907, die Ausarbeitung der Vorlage nahm zwei Jahre in Anspruch und. seitdem hat man keine Zeit gefunden, ihr näherzutreten. Außerdem würden die Juden durch die Annahme der Vorlage nur wenig gewinnen, denn sie bleiben ihr zufolge in steter Abhängigkeit von den Polizeibehörden Und Gemeinden. Liberale Gesinnung schließt also durchaus nicht schärfste Unterdrückung anderer aus, wie ja auch die äußerst liberalen polnischen Abgeordneten in der Dumakommission sich energisch gegen die Gewährung der kommunalen Gleichberechtigung an die Juden im Zärtum Polen gewehrt haben. Die Regierung' hatte nicht die Absicht, den Finnländern gegen deren Wunsch jüdische Mitbürger aufzuzwingen, und daher enthält die Vorlage über die Gleichberechtigung der Reichsuntertanen in Finnland die Klausel, daß ihre Gültigkeit sich nicht auf die Juden erstreckt. Für diese ist der Nationalist Krupenski eingetreten, indem er ein Amendement einbrachte auf Gewährung derselben Rechte an die Juden in Finnland, die sie im übrigen Reiche außerhalb der Ansiedlungszone genießen. In Wirklichkeit lag es aber Krupenski daran, die ebenso finnlandwie judenfreundliche Partei der Kadetten in die schwere Verlegenheit zu bringen, sich für diese oder jene entscheiden zu müssen. In der Tat war die Lage der kadettischeN Redner keine beneidenswerte, als sie das Amendement, um konsequent zu bleiben, bekämpfen mußten. Die rechten Parteien nahmen gegen das Amendement Stellung, weil sie den Finnländern nicht unnötigerweise eine „schwere Kränkung" zufügen wollten, und so bleibt die Lage der Juden in Finnland eine ebenso traurige wie bisher. Vielleicht wird sie sich, wie die „Kreuz-Zeitung", der wir diesen Bericht entnehmen, diesmal richtig bemerkt, zum Besseren wenden, wenn man die jüdischen Bankiers wieder brauchen wird. Ueber den Sturz des „Königs von Odessa" wird dem „Berliner Tageblatt" von seinem Petersburger Korrespondenten gemeldet: General Tolmatschow, der bekannte Stadthauptmann von Odessa, der zum Nachfolger des. Generals Kurlow als Kommandeur, des Gendarmeriekorps ausersehen war und dessen Ernennung dicht. Geh. San.-Rat Dr. M. Wollner. bevorstand, ist ganz plötzlich schlicht verabschiedet worden. Der Vorfall erregt in Beamtenkreisen großes Aufsehen und wird heute in Petersburg lebhaft besprochen. Die plötzliche'Berabschiedunghat. eine sehr Peinliche Vorgeschickste. General Tolmatschow soll, so erzählt man sich in unterrichteten Kreisen, einem gewissen Konsortium in Odessa die Erwirkung einer Baukonzession für eine Bahn .von Odessa nach einer südrussischen Stadt zugesichert haben, wofür er eine nicht unbedeutende Entschädigung im voraus erhalten haben soll. Die Erwirkung der Konzession kam nicht zustande, worauf das Konsortium die betreffenden Bescheinigungsdokümente an maßgebender Stelle vorlegte. Darauf erfolgte die Verabschiedung. Wenige Tage Verzögerung, und^Tolmatschow wäre machtvoll emporgestiegen! In Odessa herrscht förmlicher Jubel, da Tolmatschow die Stadt im Verlaus von .vier Jahren sehr geschädigt, die Juden verfolgt, die Professoren gemaßregelt, die Presse in unerhörter .Weise geknebelt hat. Das Ereignis wird von der gesamten Petersburger. Presse ausführlich besprochen. £ Weniger erfreulich und. für. unsere russischen Glaubensgenossen deprimierend lautet folgende Mitteilung: Der russische Reichsrat hat . den. § 1 der Gesetzesvorlage,, die.Heu Uebergang von einer Konfession, zur anderen regelt, in der Fassung der Kommission angenommen. Danach ist der Uebergang erst nach Erreichung der Volljährigkeit und., .nach Ablauf von 40 Tagen nach Anmeldung des Entschlusses gestattet. Ferner ist nur der Uebergang von einer christlichen Konfession zu einer anderen oder aus einer nichtchristlichen Religion zu einer christlichen Konfession zugelassen. Der Vorschlag der Duma, jedem Volljährigen das Recht der freien Wahl einer nicht strafbaren Konfession zuzugestehen, ist abgelehnt worden. Michael Wollner. . Von Amiens. - 25. Oktober 1911 starb nach kurzem Leiden in Berlin der Geheime Sanitätsrat Dr. Michael Wollner. Mit ihm ist der Edelsten einer dahingegangen. Am 22. Januar 1828 wurde er in Gleiwitz geboren. Seinen ärztlichen Beruf übte er zunächst in seiner Vaterstadt, dann in Breslau aus. Da die Praxis nicht groß genug war< um seine zahlreiche Familie zu ernähren, entschloß er sich, als er Mitte der Vierziger war, in Prag nochmals sich einem medizinischen Examen zu unterwerfen, um in Karlsbad praktizieren zu können; dort blieb er 18 Jahre. Die Wintermonate verlebte er in Breslau; um sich wissenschaftlich weiter auszubilden, besuchte er dort die Kliniken, hörte Vorträge usw- Nachdem er sich - von seinem Beruf zurückgezogen, siedelte Wollner vor 14 Jahren nach Berlin über. Das sein äußerer Lebensgang. Sein Innenleben gestaltete sich überaus vielseitig. Ein Philosoph war er und blieb er bis in sein spätes Alter. Seine schwungvollen, geistreichen, von idealen Anschauungen erfüllten Reden gingen zu Herzen, denn sie kamen von Herzen. Nicht nur die Reden, die er in verschiedenen politischen und anderen Versammlungen, in seiner Freimaurer-Loge- oder

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