Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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75. Jahrgang Nr. 47 Der Gemelndebme. Berlin, 24. November 1911 Beilage zur „Allgemeinen Leitung de^ IudentumK^ Ltlrrelpondm?m und Nachrichten. - Veutschland. y. Berlin, 21. November. Vertreter der L a n d esPro v inzi a l. und Bezirksverbände sowie Delegierte des Gemeindebundes und eine Anzahl von Freunden des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" waren dieser Tage zum V. Deutsch-Israelitischen 'Verbandstag zusammengetreten, um die zurzeit im Vordergrund des allgemeinen Interesses stehenden Fragen der Abänderung d er Statuten des Gemeindebundes und der Privatbeämtenversicher ung, soweit sie die Gemeindebeamten betrifft, einer eingehenden Besprechung zu unterziehen. Die erstgenannte Frage, die bekanntlich vom letzten außerordentlichen Gemeindetage einer besonderen Kommission zur Beratung überwiesen und in dieser Kommission auch bereits erörtert ist und zu bestimmten Beschlüssen geführt hat, nahm den weitaus größten Teil der Sitzung in Anspruch- Herr Prof. Philippson, der die auf den letzten Gemeindetagen vorgekommenen Skandal, und Lärmszenen aufs schärfste rügte, bezeichnete die beantragte Statutenänderung als das unumgängliche Mittel, um in Zukunft „die Würde der deutschen Iudenheit gegen solche Exzedenten und Tumultanten zu wahren". Da, ehe noch die zur Statutenänderung eingesetzte „Gemischte Kommission" auch nur getagt hatte, bereits ein von unbekannten Herren eingesetztes „Komitee zur Wahrung der Interessen der kleinen und mittleren Gemeinden" gegen die Statutenänderung in eine lebhafte Agitation eingetreten sei, wäre es notwendig, dieser Agitation durch Aufklärung in den kleinen und mittleren Gemeinden entgegenzutreten. Für diese Aufklärungsarbeit die hier einberusenen Herren zu gewinnen, sei eine der Aufgaben der Tagung, die hier zur Erörterung nicht zur Beschlußfassung etwa — über die Statutenänderung einberufen sei. Mit Ausnahme des Herrn Loevy-Rüwitscli, der als ein Vertreter des 'gesetzestreuen Judentums die Aufnahme von mehr Orthodoxen und auch Zionisten in den' Ausschuß des Gemeindebundes begehrte, sprachen sich sämtli che Herren, auch die der streng gesetzes- Ireuen Richtung und selbst der Kleingemeinden für die Anträge und Stellungnahme des Ausschusses aus. Selbst Herr Rabbiner Dr. Cohn- Ichenhausen, der bekannte, daß er ursprünglich zur OPPo fition gehörte, sprach sich in einem Sinne aus, der eher zustimMend, als oppositionell war. Er meinte nur, bezüglich, des passiven Wahlrechts ollte man es versuchsweise noch einmal beim alten lassen, die Kleingemeinden seien jetzt so weit aufgeklärt, daß sie auf den Unfug der Blankomandate nicht ein zweites Mal hereinfallen würden. In bezug auf diese Blankomändate war übrigens von allgemeinem Interesse das, was Professor Philippson darüber sagte. Er erklärte wörtlich: „Die' Opposition schickte Zirkulare aus, in denen sie unter dem Schlachtruf „Wahret die Freiheit der kleinen Gemeinden" Um Blankomandate ersuchte. Wir haben solche Blankomandate gesehen. Sie sind von den kleinen Gemeinden unterschrieben, aber der Na m e des Abgeordneten ist von ganz anderer Hand ausgefüllt. Wer bevormundet denn da die kleinen Gemeinden?" Allgemein zeigte sich die Bereitwilligkeit und der Entschluß maßgebender Persönlikcheiten, die Aufklärungsarbeit in den Kleingemeinden in die Hand zu nehmen, allgemein war der Tön schärfster Verurteilung jener unwürdigen Skandalszenen, die aus den letzten Gemeindetagen leider zu konstatieren waren, allgemein auch der Wille zum Frieden, zur Versöhnung und zum Ausgleich; auch,' was besonders betont fei, selbst bei Herrn Loevy-Rawitsch, dem Vertreter der Opposition. Aus der Reihe der Herren, die sich in eindrucksvollster Weise an der Debatte beteiligten, seien hier die Herren Sanitätsrat Dr. Apfel^Köln, Landgerichtsrat Löwe-Berlin, Sanitätsrat Dr. .Reich-Breslau, Rechtsanwalt Dr. Sälo.mon-Berlin, IustizratBerger-Königshütte, Senator Fisch er-Hannover^ Dr. Oppenheimer-Magdeburg. Dr. Kamnitz er» Allenstein genannt. Schließlich gelängte die folgende Resolution zureinstimmigen Annahme: „Die heute versammelten Abgeordneten der Landes-, Provinzial-- und Bezirksverbände im „Deutsch-Israelitischen Gemeindebund" sowie Delegierte und sonstige Freunde des ^Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" verschiedener religiöser Richtungen, aus großen, Mittel- und'Kleingemeinden erblicken in den Grundsätzen der Beschlüsse der Kommission eine geeignete Grundlage für die Aenderung der Statuten des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" und wollen dafür wirkendaß die Aenderung' der Satzungen in diesem Sinne durchgeführt werde." Zum Schluß sprach noch Herr Waisenhausdirektor Peritz- Königsberg über das Privatbeamtenversicherungsgesetz und über die Notwendigkeit der Schaffung einer eigenen Ersatzkasse für die jüdischen Gemeindebeamten. - — Berlin, 21. November.' Die Mitglieder der „Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle“ waren zum letzten Sonntag den 19. d. M. zu einer Sitzung nach dem zweiten Verwaltungsgeb.äude Per Gemeinde Berlin eingeladen. Eine Anzahl Herren von außerhalb, die Berliner Mitglieder des Zentralkomitees sowie Mitglieder des Berliner Lokalkomitees wären erschienen^ Da am 22. d. AU in Paris die Sitzung des Zentralkomitees stattfindet, in welcher die Frage der Ersetzung der allgemeinen Wahlen durch das System der Kooptation zur zweiten statutenmäßigen Lesung gelangt und dort zugleich der auf dem Alliance-Tage gefaßte Protest zur Erledigung kommen soll, wollte man zu diesen Fragen in der Deutschen Konferenzgemeinschaft Stellung nehmen. Inzwischen ist der Autor jener Protestresolution des Alliance-Tages Herr Justizrat Blau - Frankfurt a. M. in Paris gewesen und hat dort Verhandlungen angeknüpft, um eine Einigung zu erzielen. Nach diesen seinen Verhandlungen in Paris ist Herr IUstizrat Blau der Meinung, daß Hoffnung vorhanden wäre, auf folgender Basis zu einer Einigung zu gelangen: „1. Die noch aüsstehenden Wahlen zum Zentralkomitee sollen in nächster Zeit stattfinden, aber dergestalt, daß man sich zuvor zwischen Paris und Deutschland über eine Liste eini gt, die dann unbedingt gewählt wird. 2, Nach Vollziehung dieser Wahl sollen weitere Beratungen darüber stattfindech ob eine Kooptation an Stelle der allgemeinen Wahlen eingeführt werden soll oder der bisherige Wahlmodus in jedem Falle einer Aenderung unterzogen wird." Aus den Reden sämtlicher Versammlungsteilnehmer konnte man entnehmen, daß man einhellig der Meinung war, sich auf den Boden dieses Vergleichsvorschlages zu stellen^ Auch die beiden Herren Präsidenten Justizrät Fuchs Und Geheimrät Landau sowie insbesondere eindrucksvoll Herr Direktor Ba er Wald-Frankfurt a. M. und die Breslauer Herren Dr. Brann Und Oschinski träten für die Annahme dieses Vorschlages sinder denn auch einhellig die Zustimmung der Versammlung fand. Man hofft, daß das Entgegenkommen, das die deutschen. Alliancemitglieder durch bedingungslose Annahme dieser Ausgleichsmöglichkeitbetätigt haben, durch ein gleiches Entgegenkommen seitens der Pariser Herren vergolten werden und so der Frieden endlich wieder bei der Alliance eintreten wird. *** Berlin- 21. November. AM Montag den 27. d. M. (6. Kislew) findet auf dem'Friedhof der Synagogengemeinde „Ääass Jsroei“ die Aufstellung des. Grabsteins für Dr. Hirsch Hildesheimer statt. Um das Andenken dieses um das 'Judentum hochverdienten Mannes auch über das Grab hinaus zu ehren, soll, wie in einem uns zugegangenen Rundschreiben aufgefordert wird, an diesem ersten „Iahrzeits"-Tage in den weitesten Kreisen' der Iudenheit eine Geldsammlung vorgenommen und die Beträge, die das Bankhaus Jaffa & Levin. SJetlin NW. 7 Neustädtische Kirchsträße 11 entgegenzunehmen bereit ist, zur Errichtung einer Hirsch - Hildeshe imer- Stiftung verwendet werden. Das von Liebe und Verehrung für den unvergeßlichen Entschlafenen diktierte Rundschreiben lautet zum Schluß: Wie Hirsch Hildesheimer in seiner fast beispiellosen Hilfsbereitschaft bei' allen Werken der Mildtätigkeit niemals und niemanden fragte, wie er sein Judentum auffaßte oder betätigte, so