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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-24 · Heft 47 (24.11.1911) · p. Seite 563

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 47 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
Seite 563 (sequence 11)
Language
German
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&63 r": ~~r' So unterhielt er Eschkeles aus der ganzen Reise. Still wurde er erst, als sie sich Berlin näherten. Irgendeine eigentümliche Aufregung bemächtigte sich hier seiner. Bald sprang er auf, bald setzte er sich; bald nahm er seinen Handkoffer herunter, bald tat er ihn wieder zurück. Mehrmals trug er ihn in den Korridor hinaus, und brachte ihn wieder herein. Eschkeles wußte nicht, was seinen Reisegefährten anfocht, der ab und zu einen scharfen Blick auf ihn warf, gleichsam, als wollte er etwas von ihm erfragen, um dann wieder diese Absicht auszugeben. Endlich schien er einen Entschluß gefaßt zu haben. Er verschwand mit dem Koffer und blieb längere Zeit draußen. Als er zurückkam, hatte Eschkeles Mühe, ihn zu erkennen. Lajtinant Flesch war in Uniform. In einer verschlossenen, schäbigen, alten Feldwebelunisorm. „Wissen Sie," erklärte er Eschkeles befangen, „ich tat es des Kaisers halber." „Des Kaisers halber?" staunte Eschkeles. „Seinetwegen", bekräftigte Lajtinant Flesch in der Feldwebeluniform. „Wissen Sie, im Kriege war ich mit dem Kaiser feind. Er hat uns stark geschlagen, und das hat uns weh getan. Aber das ist schon lange her. Und deshalb habe ich die Uniform angezogen. Möglich, daß ich ihn irgendwo sehen werde, und dann würde ich ihn gern salutieren. Er soll nicht glauben, daß ich auf ihn böse bin. Was für Nutzen habe ich davon, wenn wir böse sind." Lajtinant Flesch in der Feldwebeluniform hielt seinen Einzug in Berlin, stramm, aber nicht sehr ruhig. Er drehte den Kopf bald rechts, bald links, und die Augen traten ihm beinahe aus den Höhlen, so angestrengt blickte er in die dichten Reihen des wogenden Menschenstromes. Lajtinant Flesch suchte den Kaiser. Lajtinant Flesch breitete einen Schleier über die Vergangenheit und wollte sich mit dem Kaiser versöhnen. Selten pflegt man ohne Enttäuschung aus seinen Träumen zu erwachen. Lajtinant Flesch trafen nach seiner Ankunft in Berlin gleich zwei Enttäuschungen. Erstens mußte er die schmerzliche Erfahrung machen, daß seine wunderschöne Uniform durchaus kein Aufsehen erregte, wo er doch gemeint hatte, dadurch jedermanns Blicke auf sich zu lenken. Er forschte seitwärts schielend in Eschkeles Mienen, ob dieser wohl sein Nichtbeachtetwerden bemerkt habe. Und dann tat es ihm weh, daß er vergeblich nach rechts und links spähte, um den Kaiser zu erblicken. Wo kann doch nur der Kaiser sein? Es ist doch sicher, daß er in den Gassen spazieren geht, denn ein richtiger Kaiser spaziert in den Gassen herum," „Na, in welche Richtung gehen wir jetzt?" fragte „Ich glaube hierher, Herr Eschkeles," antwortete unsicher Lajtinant Flesch. In der großen Stadt, inmitten der drängenden, lärmenden Menschenmenge war es Plötzlich mit seiner Ueberhebung aus. Eschkeles lächelte. „Ei, mein Freund Flesch, ich habe geglaubt, daß Sie ganz Berlin in der Tasche haben. Na na," setzte er hinzu, als er sah, daß Flesch die Neckerei übel aufnahm, „darum werden wir uns schon zurechtfinden." Damit trat er zu einem Schutzmann und fragte diesen,, wo die Lazargasse sei, da Liweitzer dort wohnte. Der Schutzmann gab ihm die Richtung an, woraus Lajtinant Flesch wieder den Helden hervorkehrte: „Nun, habe ich es nicht gesagt, Herr Eschkeles?" Eschkeles wollte ihm nicht die Laune verderben und nickte bejahend mit dem Kopfe. . Sie bogen von einer Gasse in die andere ein, und jede Gasse breitete neue Großartigkeiten vor ihnen aus. Flesch schwamm in Seligkeit und hundertmal wiederholte er: „Das ist etwas für einen gebildeten Menschen." In der Nähe der Lazargasse kehrten sie in einem Gasthofe zweiten Ranges ein, machten sich's bequem, wuschen sich, kleideten sich um und besprachen inzwischen, was zu tun sei. „Na, ich weiß," freute sich Flesch, „daß mein Freund große Augen machen wird. Wird das eine Freude sein." „Vielleicht war es ein Fehler," meinte Eschkeles, „daß wir ihm unsere Ankunft nicht vorher angezeigt haben." „Es war kein Fehler, Herr Eschkeles. Es gibt keine schönere Sache in der Welt, als eine Ueberraschung. Stellen Sie sich nur vor, wie mein Freund schauen wird, wenn er mich erblickt. Es soll ihm nur nicht schaden. Denn auch die Freude kann schaden, wenn sie plötzlich kommt." „Man sollte ihm vielleicht schreiben." Flesch hielt sich den Bauch vor Lachen. „Schreiben, Herr Eschkeles? Sie glauben vielleicht, daß wir in Söröd sind? Woher wollen Sie ihm schreiben. Man kann aus Preßburg nach Budapest schreiben, oder aus Söröd nach Berlin. Aber wer schreibt aus Berlin nach Berlin? Nein, Herr Eschkeles, wir werden schön hingehen, langsam vor ihn hintreten, und dann werden wir in Ordnung sein." Eschkeles mußte einsehen, daß Flesch recht habe. Beide begaben sich zusammen in die Lazargasse. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. ----- Sabbatlust. Festspiel für jüdische Kinder- und Vereinsfeste isieinemAkt von S. Katz. Im Anhang: Prologe. Gelsenkirchen 1911* Selbstverlag. Das kleine Buch enthält außer dem Festspiel „Sabbatlust" einzelne Prologe und Gelegenheitsgedichte. Unter den ersteren solche zu Stiftungsfesten, zur Chanukafeier, zur Einweihung einer Synagoge und ähnlichem sowie einzelne Gelegenheitsdichtungen zur Barmizwa- Feier. Der Verfasser macht anständige Verse in einer durchaus einwandfreien Sprache. Gegen die Prologe läßt sich durchaus nichts sagen, sie sind ihrem Gegenstände völlig angepaßt. Gegen das Stückchen hätte ich freilich manches einzuwenden, man kann die Weihe des Sabbat gewiß in viel poetischere Form bringen, und auch die Pointe, daß ein Knabe, der am Sabbatanfang Schularbeiten macht, seine Bücher und sich selbst mit Tinte begießt, ist nicht gerade besonders geistvoll. Um eine wahrhaft poetische Wirkung zu üben, müßte man die Sabbatfreüde der Kinder doch aus einer anderen Ursache herleiten, als aus der Lust am Nichtstun und am guten Essen, dagegen ist. die Schilderung der eigentlichen Sabbatfeier ganz gut geraten. L. G. Mchrreinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Avv. Raffaele Ottolenghi: Israels nella societä moderna e il suo problema angosciante. Roma, Direzione della Riforma Laica, 1911. Die Gedichte und kleinen Dramen von Hugo v. Hofmannsthal. Leipzig, Insel-Verlag, 1911. Ludwig Emil Grimm. Erinnerungen aus meinem Leben. Herausgegeben und ergänzt von Prof. Adolf Stoll. Leipzig, Hesse & Becker Verlag, 1911. Lieder des Ghetto. Text von M. Rosenfeld. Für Gesang und Klavier komponiert von I. Dhmont. A trähr ausiu Eisen. Preis 1 Mark. Berlin 6. %, Verlag von Louis Lamm.

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