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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-24 · Heft 47 (24.11.1911) · p. Seite 562

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 47 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
Seite 562 (sequence 10)
Language
German
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562 Hamürrabbi in §§ 280—252 seines Gesetzes unterläßt; im Tractate Chullin 138b noch lesen wir, daß ein „reiner" Vögel, der einen Menschen' getötet hatte, vor Gericht gebracht werde, doch kennt die Schrift und die mündliche Tradition Tierschuhvorschriften, die keine andere Deutung zulassen, als die Schonung der Gefühle des Tieres. Die Gefühle der Tiere sind am stärksten zur Paarungszeit. Wir wissen, daß viele Tiere ein monogames Eheleben führen; so entzückte z. B. das Eheleben der Vögel Brehm derart, daß er den Satz verkündete, eine echte, wahre Ehe finde man bloß bei den Vögeln. Diese Zucht bemerkte der Ur-Hebräer wahrscheinlich bei der Taube, der Gazelle und anderen. Wenn auch seine Haustiere nicht monogam gewesen find, wollte er doch in die Ordnung der Natur nicht eingreifen. „Paare dein Vieh nicht mi^Tieren anderer Gattung!" (Leviticus 19, 19.) ^Fortsetzung folgt.) , Mim Lämpchrn. Roman von Peter Ujväri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa Trencsäni. XI.II. zPN aran stieß sich keiner, daß sich Eschkeles und Flesch nach dein Gottesdienste in die Wohnung des Rabbis begaben. Eine so weite Reise kann man nicht ohne den Segen des alten Mannes antreten. Der Rabbi mochte sie sehr gründlich gesegnet haben, denn sie blieben sehr lange dort. Endlich langten Eschkeles und Flesch an. Wer es npr konnte, drängte sich üN sie heran, drückte ihnen die Hände, wünschte ihnen viel Glück ans die Reise. Nach längerer Zeit konnten sie den Wagen besteigen. Flesch hätte das Gefühl, daß die Zügel, welche der slowakische Kutscher in seinen rauhen Händen hielt, die Zügel der Weltgeschichte seien und er, Flesch, der Held welterschütternder Ereignisse sei. Der Wagen rollte eilig dahin, damit sie den Zug nicht versäumten. Zum Glück kamen sie noch rechtzeitig zur Station, lösten die Fahrkarten und, das Gepäck mit sich schleppend, nahmen in einem Abteil dritter. Klasse Platz. Flesch betrachtete mit Verachtung die Reisegenossen, denn er wußte bestimmt, daß keiner nach Berlin reise. Nach Berlin reist nur er. Es wurde ihm warm ums Herz, als er daran dachte. Die riesigen Weizenfelder längs der Wagen wurden beinahe von dem Feuer seiner Augen, aus denen das Glücksempfinden hervorsprühte, versengt, und je mehr der Zug vorwärts kam. um so höher wuchs dieses Glücksempfinden. Er hätte vor Freude jauchzen mögen, und so oster einen Turm oder irgend etwas erblickte, was er für eine Sehenswürdigkeit ansah, zuckte er zusammen. Gern hätte er auch Eschkeles zum Fenster gezogen, damit auch dieser sich ergötzen sollte, doch immer wieder entsagte er dieser Absicht, da er fürchtete, daß Eschkeles am Ende glauben könnte, er sei hingerissen vor Bewunderung. Wo ihn doch im Grunde genommen die ganze Gegend mit allem, was da ist, kalt ließ. Ein gebildeter Mensch läßt es nicht merken, daß er für etwas schwärmt. Warum sollte er übrigens schwärmen? Ihm ist das ja nichts Neues, aus Büchern kennt er alles das. „Wie die amerikanische Prärie", sagten er kalt, als - der Zug an einem großen Schilf vorüberfuhr. „Sie freilich haben noch nie so etwas gesehen. Na, Sie werden Augen machen, wenn wir nach Berlin kommen." Eschkeles war ein Mensch, der gern in stillen Gedanken versunken dasaß. - Nach des Tages Mühen pflegte, dies seine Erholung und auch unterwegs seine Zerstreuung zu sein. Jetzt aber wollte er sich vergebens in sich hineinflüchten. Lajtinant Flesch hielt ihm auf dem ganzen Wege Vorträge, er wußte über alles etwas zu sagen, seine ethnographischengeographischen, kulturhistorischen Bemerkungen waren wahrhaftig verblüffend. Und wenn Eschkeles . bei einer überaus kühnen und gewagten Behauptung bescheiden bemerkte, daß er das zum erstenmal höre, da lächelte Lajtinant Flesch mitleidig und sagte: . „Das glaube ich schon, Freund Eschkeles, das glaube ich schon." So sagte er, und Eschkeles stieß sich nur einmal an dieser ungewohnten Konfidenz. Das war noch vor Wien, doch später gewöhnte er sich daran. Denn je weiter sie der Zug entführte, um so selbständiger, um so überlegener wurde Flesch. Die achtungsvolle Zurückhaltung, welche er zu Hause dem reichen und vornehmen Eschkeles gegenüber beobachtete, verwandelte sich in freundschaftliche Vertraulichkeit. Späterhin nannte er ihn gar nicht, mehr Freund Eschkeles, sondern, nur Freundchen. „Ja wohl, mein Freundchen," sagte er, als sie die preußischeGrenze überschritten hatten, „hier ist eine andere Welt." „Ja," nickte Eschkeles, „und wissen Sie, was mir am meisten auffällt? Daß man die Juden nicht so erkennen kann, wie bei uns." „Das, Freundchen, überrascht mich nicht." . „Ich denke, daß der Jude doch anders ist." „Hier ist er Nicht anders. Sie freilich, wissen es nicht, daß man die Deutschen eigentlich nicht Deutsche nennt und daß es zweierlei Deutsche gibt." „Was Sie nicht sagen!" „Ja, wahrhaftig. Der wirkliche Name des Deutschen ist Teutone, doch nur jener des wirklichen, das heißt des christlichen Deutschen. Den Juden nennt man Germane." Eschkeles staunte. „Also wissen Sie", erklärte Herr Flesch, „das war so, daß vor vielen hundert Jahren die Deutschen in zwei Parteien zerfielen. Der eine Teil wurde christlich und erhielt den Namen Teuton, der andere Teil wurde jüdisch und erhielt den Namen German, zusammengesetzt aus dem hebräischen „Ger" und dem deutschen „man". Freilich waren die Teutonen die Herren, die, um sich von den besiegten Germanen zu unterscheiden, zumeist den Namen „Herrmann" führten. Daher kommt es, mein Freundchen, daß, obwohl es zweierlei Deutsche gibt, der Jude dennoch so ist, wie der Deutsche." Lajtinant Flesch hatte die Empfindung, schon längst nicht etwas so gelungen vorgetragen zu haben. Er war mit sich außerordentlich zufrieden und wandte sich wieder lächelnd an Eschkeles. „Ich glaube, mein Freundchen, daß ich auch germanischer Abstammung bin." „Woraus schließen Sie das?" „Nun daraus, daß wir beide so verschiedenartiger Natur sind. Sie, mein Freundchen, sind auch jetzt noch ebenso, wie Sie in Söröd gewesen sind. Ich bin ein anderer geworden. Ich war ja auch zu Hause gebildet genug, doch glauben Sie mir, seitdem ich die deutsche Luft einatme, fühle ich mich noch gebildeter. Denn das ist unsere Luft, die Lust det Germanen."

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