Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- Seite 559 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3229009--67958-3280204- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Rebekka dagegen zeigt die höchste. Vollendung. Ganz abgesehen von ihrer blendenden Schönheit, aus die sie so wenig stolz ist, daß sie bereit ist, Angesicht und Gestalt ihrer Geschlechtsgenossinnen anzuerkennen, vereinigt sie alle Tugenden in sich. Sie ist fromm, aber nicht nur äußerlich, sondern sie hat eine tiefe Empfindung für die Schönheiten der hebräischen Poesie und eine Ahnung von den großen Aufgaben des Judentums. Sie ist erfahren in der Heilkunde und stets erbötig, ihre Geschicklichkeit an jedem Kranken zu üben, wes Standes und wes Glaubens er auch sei. Mit dieser Gewandtheit des Arztes verbindet sie das tiefste und innigste Mitgefühl der Pflegerin und Krankenschwester, sie leidet mit dem Schmerzersüllten und betet, als wäre sie eine seiner nächsten Verwandten, für seine Genesung. Sie ist leicht empfänglich für die Schönheit und Tapferkeit edler Männer, aber dieses weibliche Hingebungsbedürsnis verleitet sie nie zu Sinnlichkeitsgelüsten. Ihre Liebe ist unirdisch und unpersönlich zugleich. Sie ist zag wie ein Weib und doch in Momenten der Gefahr tapfer wie ein Mann. Diese Stärke beweist sie namentlich unlauteren Gelüsten gegenüber: da der Templer sie geranbt und in ein schwer zugängliches Turmgemach eingeschlossen hat, ist sie bereit, den Sprung in die Tiefe zu wagen, der sie zerschmettern muß, ehe sie sich seinem Verlangen preisgibt. Und da er sie aus dem brennenden Schlosse rettet, empfindet sie statt der Dankbarkeit, die eine Schwächere, nach dem Leben allein Verlangende wohl gefühlt hätte, nur Abscheu vor dem sich seiner Tat großsprecherisch rühmenden Ritter. Sie widersteht ihm, obgleich sie über diese ständige Werbung des stolzen, ehrgeizigen Mannes, der um ihres Besitzes willen alles wegzuwerfen bereit ist, eine gewisse Genugtuung empfindet. Denn so unbegreiflich es uns auch erscheint, wir glauben dem Dichter, in dessen Banne wir sind, daß dieses Judenmädchen ritterliche Größe zu würdigen weiß. Sie bewundert den schwarzen Ritter, lange bevor sie erfahren hat, daß sich unter dieser Maske Richard Löwenherz verbirgt, und sie fühlt lebhaft mit für Jvanhoe, obgleich sie die Unmöglichkeit erkennt, daß ein hochstehender Christ eine Jüdin ' lieben könne, obgleich sie ferner mit der Tatsache wohl vertraut ist, daß dieser Ritter für die schöne Rowena erglüht ist. Den Gipfel der Hoheit aber erklimmt sie, da sie der eigenen Liebe entsagend, die Nebenbuhlerin segnet, nachdem sie ihr den schönsten Schmuck überreicht hat und neidlos die Glückliche verläßt. Durch die Schilderung dieser Frauengestalt besitzt der Roman, der auch sonst, wie oben auseinandergesetzt ist, treffliche Einzelheiten enthält und von ganz außerordentlichem kulturgeschichtlichen Wert ist, für jüdische Leser einen unendlichen Reiz. Es ist eine weibliche jüdische Figur von solcher Anmut und Kraft, von der schönsten Herzensreinheit, ohne jede Schwäche und Zimperlichkeit, wie sie sonst, wenn man etwa die Bibel ausnimmt, kaum ein Dichter, weder ein christlicher noch: ein jüdischer, geschaffen hat. Hugo Sslus. Von Victor Klemperer. , (Schluß.) ber eben die allzulang mangelnde Stillung der Sehnsucht H nach dem Kind ließ den Dichter in gelegentliche Uebertrei- « bungen des Ausdrucks und desJnhalts verfallen. Seine Lyriktrifft * wohl nur der erste Vorwurf: Salus übernimmt sich bisweilen im Darstellen mütterlicher Funktionen und erweckt dann weniger die Vorstellung, des Heiligen, oder auch nur des erquickend Natürlichen als die des roh. Animalischen. Bis zur Völligen Geschmacklosigkeit ist er so in dem Ammenbild gegangen, das er seinem robusteren Freunde Liliencron widmete. (möglicherweise um mit dessen Robustheit zu wetteifern). Man könnte solche Geschmacksverirrung des Ausdrucks vielleicht auch aus dem bürgerlichen Beruf des Dichters erklären; dem beschäftigten Frauenarzt mag das viele Betrachten und Besprechen des Säugens etwas Selbstverständliches sein. Dagegen kommt das gedankliche Uebertreiben wohl ganz allein auf die Rechnung jener Sehnsucht. Salus stellt es bisweilen so hin, als sei Mutterschaft nicht allein ein Heiliges, sondern fast das einzig Heilige und jedenfalls das, was einzig eine Ehe heiligen und glücklich gestalten könnte, derart, daß kinderlose Ehepaare eines besonderen Zuspruchs bedürften. Aus solchem Gedanken erwuchs das „Trostbüchlein für Kinderlose", und der Gedanke scheint mir ein verzerrter. Denn gerade unter den geistig und sittlich hochstehenden Menschen wird es manches Paar geben, das seine Ehe durch ein bloßes Handin-Handgehen, das bloße Sichstützen und gemeinsame Wirken -irgendwohin ins Leben hinaus für erfüllt und beglückt hält, iund den Zuspruch wegen versagter Nachkommenschaft mit einiger Entrüstung ablehnt, weil jede Tröstung doch einen unvollkommenen Zustand voraussetzt. Doch kann es freilich mit der Entrüstung über das „Trostbüchlein für Kinderlose" nicht sonderlich schlimm werden, denn von dem Grundirrtum -abgesehen enthält es nichts als zarte und innige Ergießungen über Liebe und Mütterlichkeit, auch über Pädagogisches. Die in einer edlen Prosa geschriebenen Stücke haben einiges, vom Wesen des Prosagedichtes, einiges vom Wesen. der Novelle, manches von dem der Predigt an sich. So bedeutet das! -//Trostbüchlein" formal gesprochen einen der mehrfachen Versuche,, die Salus bisher zur Erweiterung seines dichterischen : >Gebietes unternommen hat. Ich sagte „Versuche" und deutete so vorwegnehmend an, j daß ein völliges Gelingen dieser Bestrebung noch nicht zu verzeichnen ist. „Ach, man ist nicht ungestraft 20 Jahre seines Lebens Lyriker, bloß Lyriker!", seufzt der Dichter in dem Einj: leitungskapitel seines ersten Geschichtenbuchs, der „Novellen I des Lyrikers". Er schildert da sehr humorvoll, wie ein eingefleischter Lyriker sich vergeblich mit festen Schritten auf der irdischen Landstraße zu halten bemüht und immer wieder ins Schweben gerät und sich in die Wolken verfliegt. Der Humor wird nur durch eine leise Koketterie beeinträchtigt, da diese Erzählung an dieser Stelle doch nur heißen kann: „Gott sei Dank, ich bin nicht so — ich kann auch Novellen schreiben." Und wirklich sind die Erzählungen dieses Bandes in ihrer Art vollkommen und bedeuten so eine wirkliche Bereicherung des Salusschen.Wirkens. Aber - wie es ja der Titel mit Offenheit bekennt — es sind Schöpfungen, die , noch zum Teil im Lyrischen wurzeln, in denen also Subjektivität, Empfindung, Stimmung, Träumerei ein festes objektives Gestalten weit überwiegen. Hugo Salus hat nur eben die rhythmische Uniform des Lyrikers abgelegt, bewegt sich im Zivil der lässigeren Prosa, und bewegt sich darin sogar mit der anerkennenswertesten Geschmeidigkeit für jemanden, der 20 Jahre einzig in der Uniform stak - — aber deshalb ist er doch durchaus innerlich ein Lyriker geblieben und entfernt sich auch stofflich nicht allzu weit von den Dingendenen seine Verse gelten. Wenn sich aber Hugo Salus in der Folgezeit ernsthafter, sozusagen auch innerlich, als Novellist versucht, dann wird es eben mit dem ersehnten festen Schritt auf dem Boden des Realen noch nichts ganz Rechtes, und manchmal gerät der Dichter genau so wie jener Lyriker ins Schweben, und manchmal, wenn er allzu dröhnend auftreten will, setzt es auch einen derben Fall. Der mildere Vorwurf des Schwedens