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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-24 · Heft 47 (24.11.1911) · p. Seite 558

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 47 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
Seite 558 (sequence 6)
Language
German
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558 wodurch der -Dichter turmhoch über seinen deutschen Nachahmern, steht, nicht nur den schnellfertigen Zeitgenossen, die aus dem eben bereiteten.Boden gleich Pflügen zu können meinten, -sondern auch über den Verfassern der historischen Romane der-Folgezeit. Ferner gehören zu diesen/ Vorzügen -des englischen Dichters: Häufung von spannenden Abenteuern, die große Kunst in der Charakteristik der Personen und in den Beschreibungen der Oertlichkeiten, die Kraft,' Liebe und Leidenschaft vorzuführen, die Verklärung menschlicher Tugenden, wie Treue und Freundschaft, der sprühende Humor, der bei Beschreibung einzelner Karikaturen: weiser Narrentrunkliebender Priester und anderer sich offenbart. Neben den Vorzügen stehen freilich auch Mängel oder wenigstens Eigenschaften, die unserem Geschmack nicht mehr recht zusagen wollen: das Hervortreten des Ungewöhnlichen, Unwahrscheinlichen, geradezu Unmöglichen. Man wird gar :oft daran gemahnt, daß Walter Scott auf dem Standpunkt der Ritter- und Räuberromane des 18. Jahrhunderts steht, daß er mit Vorliebe den Triumph der brutalen Kraft oder den Sieg der verlogenen Schlauheit malt, daß er sich in Extremen gefällt, indem er hartgesottene Sünder neben engelreine Tugendbolde stelltwährend das wirkliche Leben im Gegensatz zu diesen Vorspieglungen der Phantasie.die unzähligen Abstufungen zwischen Rechtschaffenheit und Verbrechertum aufweist. Und noch ein anderes muß man bedenken, was eng damit zusammenhängt. Wir, die wir in gesetzlichen Zuständen ausgewachsen sind, wir, die wir eine Revolution nur dann begreifen und vielleicht auch billigen, wenn sie von^einem geknechteten, nach Freiheit dürstenden Volk begonnen wird, haben keine! rechte Sympathie für den einzelnen, der sich außerhalb des Gesetzes stellt; wir geben dem Ehrgeiz, der um seine Privatrache zu kühlen, den Weltball zerstören will, kein Recht rrüd schwärmen nicht für den Jüngling, der mit Spießgesellen vereint den Anspruch erhebt, eine neue Weltordnung auszurichten. Jene Gloriole des Räubertums, jene Verklärung der Geächteten, die rauben, plündern, morden, Verbrechen aller Art häufen, weil man ihnen persönlich ein Unrecht getan, die alles, dies aussühren unter dem Vorgeben der Gerechtigkeit zu dienen, sind uns unverständlich geworden. r Der Roman Jvanhoe führt uns nach England in die Zeit von Richard Löwenherz. Er schildert die Zeit und den König selbst, den letzteren freilich zunächst als einen Unbekannten, von den meisten Unerwarteten. Er war aus Palästina zurückgekehrt und verbirgt sich unter der Maske des schwarzen Ritters. Er ist das Musterbild aller Tugend: ein Löwe an Kraft, ein Engel an Gesinnung, mildtätig, großmütig, ein treuester Freund den Freunden, von einem fast schwächlichen Edelsinn gegen die Verräter und Feinde erfüllt, unbesonnen sich in Gefahren stürzend, weil er seiner Unbesiegbarkeit vertraut, große Pläne in seinem Sinne wälzend und doch durch einen fast frevelhaften Leichtsinn sein Leben und die Zukunft seines Landes aufs Spiel setzend. Walter Scott schildert uns den Gegensatz der Sachsen und Normannen, jener des unterdrückten Volksstammes, der die Herrschaft der Ankömmlinge unwillig anerkennt, dieser als der hochmütigen Eroberer und Unterdrücker. Er zeigt den elenden Zustand des damaligen Englands, das ohne seinen gesetzlichen Herrn in den Händen eines frivolen Abenteurers, des Johann, des Bruders Richards sich befindet, eines Mannes, der allen mißtraut, weil er, seiner selbst nicht sicher ist, ebenso riesig im Verbrechen, wie Richard reich an Tugenden, ebenso kleinlich wie jener-groß denkend und groß handelnd und nur in einem ihm gleich, daß er dem Augenblicke lebt und.nie an die Zukunft denkt. Der Dichter schildert uns die Weltlichkeit des Klerus, . der in Prachtliebe, Schwelgerei, Weltlichkeit untergeht, des Rittertums, dasauf' die Kraft seines Armes vertraut, die Niedergedrücktheit des Volkes, des großen.Haufens, der kaum ein menschenwürdiges Dasein führt. Aber noch schlimmer als das Schicksal dieser großen Masse ist das der Juden. Das Volk lebt dumpf dahin, es ist stumpf geworden in seiner Rechtlosigkeit, aber es begehrt kaum etwas anderes als die notdürftige.Befriedigung tierischer Instinkte, es hat nichts zu verlieren, da es nie etwas besaß. Die Juden dagegen, im schmerzlichen Gedenken ihrer großen Vergangenheit, fühlen um so. schwerer die Not des Augenblicks und die Unsicherheit der Zukunft; als Träger und Bewahrer der heiligen Gedanken empfinden sie mit desto größerem Schmerze die Unmöglichkeit, ihrer Ausgabe zu genügen; als Besitzer großer Schätze, die sie vielleicht nicht immer auf die redlichste Weise erwarben, sind sie bedrückt von der stets drohenden Gefahr, ihr sorgsam behütetes Besitztum einzubüßen. Das ist der reiche Isaak von Jork und seine ebenso schöne wie geist- und gemütvolle Tochter Rebekka. Sie sind nicht etwa Nebenfiguren des Romans, sondern Hauptpersonen. Ehe von ihnen etwas eingehender gesprochen wird, muß kurz an die Hauptvorgänge des Romans erinnert werden, denn ich denke nicht eine ausführliche Analyse zu geben. Vater und Tochter, die schon vorher manche Schicksale erlebt, u. a. einem großen Turnier beigewohnt hatten, in welchem Jvanhoe, der Sohn Cedriks des Sachsen, und der schon genannte schwarze Ritter sich auszeichneten, befinden sich in der Gefolgschaft des genannten Cedrik, der sie weniger aus Mitleid mit den von .ihm gehaßten Juden, als aus Gutmütigkeit mitgenommen hat. Alle werden von normannischen Rittern aufgegriffen, die es hauptsächlich aus Cedrik abgesehen hatten, aber sehr zufrieden sind, den reichen Juden und die schöne Jüdin in ihre Gewalt zu bekommen. Isaak und Rebekka lausen im Schlosse, in dem sie gefangen gehalten werden, die größten Gefahren: Isaak soll verbrannt, Rebekka von dem Templer entehrt werden. Beide jedoch werden noch, ehe das von den Gegnern gestürmte Schloß völlig in sich zusammenbricht, befreit, Rebekka von dem Templer gerettet, der die Hoffnung nicht aufgibt, den Widerstand seines schönen Opfers zu besiegen, sie wird von ihrem Retter in das Gebäude des Ordens geführt, aber auch' dort drohen ihr die schlimmsten Gefahren. Denn der Großmeister, der unerwartet ankommt, läßt sie der Zauberei anklagen, teils wegen ihrer Wirkung aus den Templer, teils wegen der von ihr ausgeübteu wunderbaren Heiltätigkeit; mit Mühe erwirkt sie, daß ein Kämpe für ihre Unschuld auftreten darf., Isaak bringt die Botschaft zu Jvanhoe, dem verstoßenen, dann wieder zu Gnaden aufgenommenen Sohne Cedriks, dieser kommt .noch im letzten Momente an, wagt den Kamps mit dem Templer, würde aber in diesem unterlegen sein, wenn der Templer nicht durch einen Plötzlichen Tod dem Erdenleben entrückt würde. Die so wunderbar befreite Jüdin zieht mit ihrem Vater nach Spanien. Bei der Schilderung dieser beiden jüdischen Persönlichkeiten kann man einerseits die Kunst des Romanschriftstellers bewundern, anderseits seine Tendenzsich in Extremen zu bewegen. Bei Isaak die tiefste Schwärze, bei Rebekka das hellste Licht. Isaak ist der Jude im schlimmsten Sinne, wie ihn mehr die schaurige Phantasie der Erzähler, als die nüchterne Wirklichkeit gestaltet. Freilich ist er fromm, von starkem Familiengefühl beseelt, aber kriechend und schleichend allen Mächtigen gegenüber, stets auf seinen Vorteil bedacht, Armut heuchelnd, wenn er auch in Schätzen wühlt, jede Ausgabe scheuend, selbst wenn es großen Zwecken gilt, rachsüchtig und grausam gegen die Feinde seines Glaubens.

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