Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- Seite 557 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3229009--67956-3280202- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
König Maximilian sei ein gerechter Herrscher gewesen, von dem man mit dem Propheten Hiskiah sagen könne, er habe das Rechte getan, und zwar von ganzem Herzen. So gütig und liebevoll er auch gewesen und so gern er auch jeden Herzenswunsch erfüllt und jeder Bitte gewährt habe, so habe ihn doch seine Herzensgüte^ nie verleitet, dem Recht und der Gerechtigkeit Eintrag zu tun. Nicht nur die Verfassung des Landes, an der er so treu und gewissenhaft festgehalten habe, sondern auch die göttlichen Gesetze der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit seien ihm über alles heilig und ehrwürdig gewesen, und soviel er an den bayrischen Gesetzen habe verbessern können, um sie mit den Gesetzen der Gerechtigkeit und der Liebe in Einklang zu bringen, habe er während seiner 16 jährigen, ach nur so kurzen Regierungszeit mit ganzem Herzen getan. Davon könnten die Israeliten noch besonders rühmliches Zeugnis ablegen, da sie die gesetzlichen Segnungen, die von Maximilian II. aüsgegangen seien, schon lange in vollem Maße genießen. Auch ein wahrheitsliebender Regent sei der König gewesen. Daß es dem Fürsten, besonders demLzurWegierung berufenen, schwerer als allen anderen Menschen werde, die Wahrheit kennen zu lernen, sei klar, denn er sei von der Wiege an häufig von Menschen umgeben, die ein Interesse daran hüben,' ihm die Wahrheit zu verhehlen, aber der verewigte Monarch habe aufrichtig die Wahrheit geliebt und die Lüge und die das Kleid der Lobhudelei sich umwerfende Augendienerei verachtet. Er habe der Wahrheit um so freier ins Auge blicken können', als seine Menschenliebe und seine Gerechtigkeit ihn nichts habe fürchten lassen von ihrem strengen Blick. Aub schloß mit den Worten: „Darum fühlte jeder Bayer' einen so gewaltigen Riß in seinem Herzen bei der Nachricht seines-Todes; darum bestrebten sich alle, Hohe und Niedrige, ihm Ehre zu erweisen an seinem Grabe, das ganze Vaterland und besonders die Bewohner unserer Stadt, wie einst ganz Juda und Jerusalem beim Tode des Königs Hiskiah. Denn wie dieser, tat auch unser König das Gute, Rechte und Wahre und war uns allen ein gütiger, liebevoller Vater, ein gerechter Herrscher und ein wahrheitsliebender Regent. . . Doch dem Herrn sei Preis und Dank, auf diesen Sonnenuntergang ist keine Nacht eingetreten, sondern ein frühes Morgenrot angebrochen, wie zu den Tagen Hiskiahs die Sonne um zehn Stufen zurückgetreten, so ist sie bei uns aus dem hellen Mittag in den frühen Morgen zurückgewichen. Statt des männlichen Vaters ist uns ein junges Reis aus seinem Stamme entsprossen, ein grüner Zweig aus den edlen Pflanzen des angestammten Herrscherhauses erblüht. Sein Sohn, des edlen Vaters würdig.. ward uns von der Vorsehung gegeben. Wir haben alle Ursache zu hoffen, daß der Sohn, der das Vaterland bereits mit seinen Erstlingsstrahlen *) freudig und tröstend begrüßt, des vollendeten Vaters würdig, uns das sein wird, was der Vater uns war, und daß auf ihm ruhen wird der Geist Gottes, der Geist der Gerechtigkeit und der Liebe und der Wahrheit." Walter Lrotts Josnhor. Von Ludwig Geiger. ie Zeit der Neudrucke, in der wir augenblicklich zu leben scheinen, bringt außer manchem Fragwürdigen auch ganz vortreffliche Arbeiten der Weltliteratur, die vergessen oder wenigstens verschollen waren, ans Tageslicht. Wenn auch die /) Dies hatte Bezug auf das Wort des jungen Königs Ludwig II. nach dessen Eidesleistung. meisten dieser Publikationen mehr' der allgemeinen Literatur angehören und nicht der, welcher dieses Blatt bestimmt ist, so ist, gerade der vorliegende Band derart, daß er ausführlich zu behandeln und damit der Blick aus die ganze treffliche Sammlung*) zu lenken ist. Ich freue mich, das neue Unternehmen auch der Gunst meiner Lesern warm ans Herz, legen zu können. Seit meiner Kindheit kenne ich manches von Walter Scott, dem großen englischen Romanschriftsteller, Jvanhoe war mir bisher unbekannt. Als älterer Mann liest man Romane nicht mehr mit der Spannung eines Kindes und mit der leichten Entzündlichkeit, dem schnell auflodernden Enthusiasmus des Jünglings, aber an dieser Lektüre hatte ich doch große Freude. Die Vorzüge der Walter Scottschen Schilderungen find folgende: Vorführung eines gewaltigen großen Zeitbildes, strenge Wahrung des lokalen und Zeit-Kolorits, *) Der Insel-Verlag in Leipzig,' dem auch die gleich zu nennende Publikation angehört, bringt seit einiger Zeit 2-Mark-Bände in den Handel, von denen ich schon mehrere gewürdigt habe: Lessings Briese und Herders Ideen zur Kulturphilosophie; ebenso 3-Mürk-Bände, von denen einer, Karl Friedrich v. Klödens Jugenderinnerungen,. uns Material zu einer Anzeige geboten. Jetzt veröffentlicht derselbe Verlag eine Bibliothek der Romane, herau'sgegeben von Paul Ernst, von der jährlich 10 Bände erscheinen spllen. (Jeder Band in Leinen 3 Mark, in Leder geb. 5 Mark.) Bis jetzt sind 10 Bände erschienen, sie enthalten folgendes: 1. Louise v. Francois, Die letzte Reckenburgerin. ' 2. Jens Peter Jacvbsen, Niels Lhhne. Autorisierte Uebersetzung von Änkä Mann. 3. Walter Scott, Jvanhoe. In der Uebersetzung von L. Tafel, die für hie Bibliothek der Romane revidiert wurde. . 4. Gustave Flaubert, Frau Bovary. Uebertragen von Arthur Schurig.! k 5. Willibald Alexis, Die Hosen des Herrn v. Bredow. - ,.. '6. Walter Scott, Der Talisman. In der Uebertragung von August Schäfer, gleichfalls für die Bibliothek der Romane revidiert. 7. Jeremias Gotthelf,'Wie Üli, der Knecht, glücklich wird. i-^8.- Iwan Turgenjew, Väter und Söhne. In der vom Dichter selbst revidierten Uebertragung. ' - ' 9. Jens Peter Jacobson, Frau Marie Grubbe. Autorisierte UeberseHüsig von. Mathilde Mann. ' / fiO. .g>ettici v S)ie ©0^010. Szenen aus dem Pariser Künstlerleben. - Uebertragung von Felix P. Greve. ■.. v:';. - ...Die Auswahl ist vortrefflich, nur könnte man vielleicht tadeln, daß di? •'SWsche-'Literatur.verhältnismäßig wenig berücksichtigt wird, denn von den HO--bisher - erschienenen' .Bänden, gehören nur drei der deutschen, die übrigen dex englischen, französischen, dänischen und russischen Literatur an. Indessen, da nun einmal in den Romanen die Ausländer eine außerordentliche Bedeutung besitzen,' so wird man diese Bevorzugung gelten lassen müssen. Jedenfalls sind die deutschen Romane, die gebracht werden, zwei aus.der ersten Hälfte, einer aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als höchst charakteristische Proben ihrer Zeit ausgewählt. Ich - will keine ins einzelne gehende Kritik der Sammlung üben, nur aus zwei Punkte, die gerade bei Besprechung dos vorliegenden Bandes wichtig..sind, gehe ich, mit einem Worte ein. Der eine ist, daß es besser gewesen wäre, , neue Uebersetzungen statt Revisionen älterer Uebertragung zu geben. Bei einzelnen Werken detWelt, literatur, man denke etwa an Ludwig Pfaus Verdeutschung von Claude Tilliers- . „Mein Onkel Benjamin",' existieren Uebersetzungen, die als klassische gelten können und deshalb nicht durch eine andere ersetzt werden können; bei den Werken Walter Scotts z. B. ist dies nicht der Fall. Das.Deutsch des vorliegenden Werkes wäre weit mehr als es wirklich geschehen ist, einer Verbesserung fähig gewesen. Es ist nicht altertümlich in dem guten Sinne, der für unseren Roman gepaßt hätte, sondern steif, antiquiert. Auch einen anderen Wunsch möchte ich ausdrücken: die Nachworte könnten besser sein. Paul Ernst gilt — vergleiche den Leitartikel zu Nr. 43 oben Seite 506 bei manchen. als bedeutender Schriftsteller. Sind seine Zugaben indessen zu all .den Werken nicht besser als bei dem vorliegenden so entsprechen sie durchaus nicht den. Erwartungen, die man an ein solches-Nachwort stellt/ Aus dem unserigen erfährt man z. B. nicht eintlwl, wann der Roman erschienen .ist. Ueber seine ganze.Art wird kein Wort gesagt, statt dessen finden sich höchst gleichgültige Bemerkungen über das Lebett des Dichters, die maü in jedem Konversationslexikon ebensogut, wenn nicht besser finden kann. Welchem Leser von Jvanhoe kann es zum Verständnis des Werkes wirklich interessieren, daß Walter Scott eine große Schuld' seines Verlegers und seines Bankiers übernommen, und daß er durch seine Dichterwerke große Honorare erzielt hat. Statt dessen hätte jedoch eine wirkliche; wenn auch noch so kurze Einführung in das den meisten Lesern so fremde Werk, in das ganze Gebiet, aus dom es stammt, sehr' erwünscht .sein müssen. Diese tadelnden Bemerkungen sollen indessen die Anerkennung des Unternehmens des Verlegers nicht mindern. . Ich halte die Herausgabe dieser Bibliothek der Romane vielmehr für etwas sehr Nützliches; die Auswahlverdient -höchste.-Anerkennung, die Ausstattung ist -ganz vortrefflich.C;