Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- Seite 555 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sombart selbst, an dieser Stellenichts bewerten, sondernüns> wie er, an Tatsachen halten, das heißt nur das in knapper Form Mitteilen. was er seinen Zuhörern auseinandersetzte. Er teilte die Juden in drei Gruppen ein: die westlichen, die östlichen und die amerikanischen Juden, , . - Bei den westlichen Juden (Deutschland, Oesterreich rnit Ausnahme Galiziens, Italien, Niederlande, Frankreich, England), sind, alle Schattierungen vertreten vom „nicht völlig orthodoxen" bis zum völlig sreigeistigen Juden. Sie haben entschiedenen Anteil nicht bloß im modernen Kapitalismus, sondern auf allen Kulturgebieten, und stehen auch im gesellschaftlichen Leben in erster Linie. Im Gegensatz dazu beharren die östlichen Juden (Rußland, Galizien, Rumänien) in der Orthodoxie, und ihre politische Stellung innerhalb der christlichen Umgebung ist die der Nichtgleichberechtigung. Sie leben unter den denkbar erbärmlichsten Verhältnissen Zum Beispiel nehmen von den 150000 Juden Odessas 48 500 Armenunterstützung in Anspruch, und 53 Prozent der dort verstorbenen Juden müssen unentgeltlich beerdigt werden. Aehnlich ist die Lage in Galizien und erst recht in Rumänien. Die gesellschaftliche Stellung läßt sich mit dem einen Wort kennzeichnen: Pogrom. Was endlich die amerikanischen Juden anbetrifft, so läßt sich ihre Existenz nur aus der ungeheuren Abwanderung der Juden aus Rußland erklären. Sie gehören zu den ärmsten Einwanderern, erheben sich aber verhältnismäßig rasch zum Wohlstand — fast immer auf demselben Weg: nämlich durch das Mittel der Konfektionsindustrie, aus der sie in andere Gewerbe und Betriebe übergehen. Sie genießen vollständige politische Freiheit und Gleichberechtigung, aber im Kontrast dazu herrscht in Amerika ein gesellschaftlicher Antisemitismus wie in solcher Stärke sonst nirgends in der Welt. Auf den zweiten Punkt seines Vortrages übergehend, behandelte Sombart zunächst die russischen Juden. Was wird,'was kann aus ihnen werden? Wenn sie politische Gleichberechtigung erhalten, werden sie sich vielleicht ähnlich entwickeln wie die westlichen Juden. : Daran ist aber in absehbarer Zeit nicht zu denken. Man könnte?' also meinen, daß allmählich sämtliche fünf Millionen Juden nach Amerika abwandern. Aber auch da wird ihnen ein Riegel vor-- geschoben. Die amerikanischen Einwanderungsgesetze und ihre Handhabung nehmen von Jahr zu Jahr an Schärfe zu. Also keine Gleichberechtigung und eine Erschwerung oder Verhinderung der Auswanderung. Unter solchen Umständen könnte sich das Wort Podjedonoszews bewahrheiten: ein Drittel wird aus.wandern, ein Drittel verhungern, ein Drittel totgeschlagen werden. Für die westlichen Juden, führte Sombart werter aus, sind schon verschiedene Prognosen ausgestellt worden. Jüdische Kreise selbst sprechen vom Untergang der Juden, in anderen Kreisen spricht man von der immer größer werdenden „Verjudung" der christlichen Gesellschaft. Zweifellos vollzieht sich ein „gesinnungsmäßiger Abfall"^ der Juden von der jüdischen Gemeinschaft, aber ebenso zweifellos nimmt trotzdem der jüdische. Einfluß zu. Im Wirtschaftsleben scheint er allerdings schon den Kulminationspunkt erreicht zu haben, aber er wächst dafür auf anderen Gebieten. Auf diesem Wege kommt Sombart zu der ersten seiner paradoxen Thesen, die er in den Satz faßt: „In dem Maße, wie der Untergang der Juden sich vollzieht, schreitet die Judaisierung der christlichen Gesellschaft fort, und zwar weil dieser Untergang sich vollzieht." Von der sogenannten Assimilation hält Sombart nichts, das war seine zweite These. Ein restloses Aufgehen der beiden Elemente ineinander sei nicht möglich, weil der eine Teil ebensowenig dazuzu haben ist wie der andere. Man könne, das beklagen oder begrüßen, , man. könne wünschen, daß die Tinge sich in gleicher oder in. umgekehrter Richtung entwickeln, man dürfe sich aber den Tatsachen, wie sie nun einmal liegen', nicht absichtlich verschließen. Wir geben einstweilen diesen Bericht, es wird sich wohl Gelegenheit finden, daß wir uns? weiter mit diesen Darlegungen beschäftigen. ", * An sonstigen Nachrichten ist die Wochedurchausarm. Die „Tägliche Rundschau" plaudert in einem Artikel „Merker Russisches" von einer neu zu bauenden Eisenbahn,' der sogenannten slawischen, der man nach dem russischen Generälstab großes Gewicht beilegt, weil sie den Weg von Petersburg nach Kiew sehr-verkürzt und Petersburg mit Könstäntiuopel verbindet, ohne Oesterreich zu berühren.Sie geht insGouvernement Minsk von der Station Schlobin (am Dnjeper) der Bahn Wilna—Minsk—Bobrinsk usw. aus, und führt in schnurgerader "Linie,-' 618 Kilometer lang, durch die Gouvernements Wolhynien und Podolien an die rumänische Grenze: Der Artikel fährt dann fort: ' ' 1 1 Die Bahn ist bereits abgesteckt, doch noch immer ist nicht sicher, aufwessen Kostensie gebaut werden soll; durch eine Gesellschaft, in der viele Polen, mit dem reichen Grafen Pototzki an der Spitze, oder, wie in der Duma gewünscht wird, durch den Staat. Ueber eine Bedingung ist mag rsich jedoch, bereits klar, daß das - Judentum gänzlich von der Beteiligung ausgeschlossen sein soll, , selbst von den geringsten Lieferungen. Die Maßregeln gegen die Juden stammen allerdings alle noch aus der Zeit Stolypins, dessen Ermordung'durch jüdische Hand die allgemeine Erbitterung noch steigerte. Es ist jetzt nilcht mit den bekannten Pogroms zu rechnen wie in früheren Jahren. sondern mit amtlichen Maßregeln. Der Kriegsminister boird vor der Duma die Entfernung der Juden aus dem- Heere vertreten; auch an den Lieferungen für dieses sollen sie. ausgeschlossen sein, als Folge der Jntendanturprozesse. Der Oberbefehlshaber s in Kiew, Generaladjutant- Iwanow, hat in seinem, fünf Armeekorps umfassenden Befehlsbereich unter Androhung, von Strafen die. ihm unterstellten Truppen angewiesen, keinerlei Bedürfnisse bei Juden zu beziehen; selbst christliche Lieferanten werden ausgeschlossen, falls sie... Juden in ihrem Dienst haben. ' König Maximilian ». von Layern I und die Machten. Von Dr. ,Adolph Kohnt. (Nachruck: verboten.) m 28. November d. I. ist ein Jahrhundert üerfloffen, seitdem einer der weisesten und edelsten Könige, die je auf dem Thron gesessen, Maxim iliam II.? v o n B ayern CT 10. März 1864), das Licht der Welt erblickt hat. Seine auch nur so kurze,, nur 16 Jahre dauernde Regierung war eine Kette segensreicher Taten. Ein Friedensfürst ersten Ranges, ein mächtiger Förderer; der Kunst- Wissenschaft Und Literatur, ein selbständiger Denker, war sein ganzes Sinnen und Trachten daraus gerichtet, sein. Volk glücklich zu machen und ihm: die Segnungen des. Friedens, der Wohlfahrt und die Früchte geistiger. Bildung und? geistigen Fortschritts zukommen zu lassem Nichts war dem Herrscher so sehr verhaßt als konfessionelle Zwietracht. Obschon überzeugter und frommer Katholik, schützte er mit aller Macht die evangelische Kirche und machte keinen Unterschied in der Wertschätzung der weltlichen und kirchlichen Organe derselben und der der katholischen Kirche. Dem Dank der Protestanten gab der Dekan Dr. Mayer in der Rede Ausdruck, die er beim Gedächtnis-- göttesdienste des verewigten Königs in der protestantischen Stadtpsarrkirche zu München am 16. Marz 1864 hielt. Er sagte dort unter anderem: „... Der Königs hat seinem Volk viel.Gutes getan: auf., jedem Gebiete und nach - allen Richtungen des LeberO. Essinduns': unter seiner: Regierung treffliche Gesetze;- deren -Segen: bereitsgefühlt tvird> - geschenkt worden. Kunst: und Wissenschaft haben in Hitfett- Freund und Schirmherrn gefunden. - 'Md drei: Landes-UniversitRen und namentlich die Universität hiesiger Stadt (München) werden davon zu rühmen wissen. Kirche und Schule sind geschätzt und gepflegt worden, nirgends mehr und nirgends