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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-17 · Heft 46 (17.11.1911) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 46 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Dieser soll in erster Linie den Vereinen an kleinen und mittleren Plätzen zu gute kommen. Bei der Gründungsversammlung zeigte sich das rege Interesse, welches die großen jüdischen Organisationen an den Bestrebungen des Vereins nehmen. — Weiterhin nahm er an der im Mai 1911 zu Elberfeld tagenden, von Herrn Staatsminister von Möller einberufenen dritten Iugendpflegekonferenz und an der 5. Konferenz der Zentralstelle für Volkswohlfahrt teil. -- Die Leistungen des Vorstandes waren nur durch die treue Mitarbeit seiner Kommissionen möglich. Ballotage-, Presse-, Bibliothek-, Lokal-, Wirtschafts-, Vergnügungs-, Kunst-, Sport-, Finanz-, Freitagabend- und Propaganda-Kommission, sie alle betätigten sich unermüdlich auf den ihnen zustehenden Gebieten. Der Bericht schließt mit folgenden Worten: Die Gewißheit, daß es mit dem Judentum nicht zu Ende ist und nie zu Ende sein darf — sie ist der treibende Motor, der unsere Kräfte in Bewegung hält, uns antreibt und beseelt zu schaffensfreudiger Tätigkeit. Kassel, 13. November. Am Donnerstag den 2. November und den vorhergehenden Tagen fand die zweite Lehrerprü fü ng am israelitischen Seminar statt. Es bestanden durchweg gut die Lehrer Abraham Niedenstein-Köln-Corbach, Oppenheimer-Lichenroth, Rosenbusch-Harmutsachsen und RülfiAhlem. Das Thema der schriftlichen Prüfung lautete: „Wie habe ich dafür gesorgt, daß meine Schüler nicht für die Schule, sondern für das Leben lernten?" Den Vorsitz führte Herr Provinzialschulrat Leist. Aus der mündlichen Prüfung seien nur einige Fragen erwähnt: Sorge für die Gesundheit der Schüler; Behandlung eigensinniger Kinder; Schulbänke. Verfahren bei ansteckenden Krankheiten; Behandlung lügenhafter Kinder; Veranschaulichung von Davids Feindesliebe; welche Züge aus der Geschichte „Isaaks Heirat" stellen Sie zusammen, damit die Kinder die Kennzeichen des treuen Knechts merken? wie zeigen Sie den Kindern, daß man ohne Kenntnis der Vergangenheit die Gegenwart nicht verstehen kann?" 5. W. Stratzburg, 10. November. Der in Belfort in Garnison stehende Lieutenant 6u 6enie Gaston Gimpel wurde dieser Tage im jugendlichen Alter von 28 Jahren zum Hauptmann befördert. Der Vater dieses hervorragend tüchtigen Offiziers wohnte früher in unserer Stadt und zählt heute noch hier zahlreiche Bekannte und Freunde. Vor Jahren ist er nach Paris übergesiedelt und nimmt dort besonders in der jüdischen Gemeinde als Vorstandsmitglied verschiedener Vereine eine angesehene Stellung ein. Als Stadtverordneter und Mitglied des Aufsichtsrats der Sparkassen der Stadt Paris steht er auch im Mittelpunkt des kommunalen und politischen Lebens und entwickelt daselbst eine segensreiche Wirksamkeit. Seine Verdienste wurden durch Verleihung der kalines ^.eaäömiques und der klosetts de l’Instruction publique auch Höheren Ortes gewürdigt und anerkannt. Die Mutter des jungen Hauptmanns ist eine geborene Kauffmann aus Lauterburg und Nichte des seligen Oberrabbiners von Frankreich Ullmann. Gesterretch-Mngarn. K. Wien, 12. November. Die „Sonn- und Montagszeitung" veröffentlicht die an sie gelangte Zuschrift eines Wiener jüdischen Bürgers, die folgenden Wortlaut hat: „Vor einiger Zeit begab ich mich zum Direktor der Realschule in der Schuttelstraße und bat ihn, meinem Sohne einen Platz in seiner Anstalt zu geben. Ich wäre nicht erstaunt gewesen, wenn mein Ersuchen abgelehnt worden wäre, aber ich erhielt die Antwort: „Für Juden ist in meiner Schule kein Platz!" Halten Sie es für angemessen, daß einem Staatsbürger eine solche, höchstens russischen Verhältnissen entsprechende Antwort gegeben wird?" Diese Antwort, so bemerkt dazu das genannte Blatt, ist in der Tat ungeheuerlich. Dieser Fall ist für die Wiener Verhältnisse leider typisch. Wann wird endlich die Zeit kommen, da für solche Schulleiter kein Platz mehr in Oesterreich sein wird? — Vor einigen Tagen wurde unter zahlreicher Teilnahme von Kollegen und Freunden der Schriftsteller und Redakteur des „Fremdenblatt" Siegmund Wilhelm zu Grabe getragen. Der Verblichene war ein bedeutender Journalist und ein hervorragender Publizist, der mit den höchsten Regierungskreisen in Beziehung stand.- Nach den üblichen Trauergebeten auf dem israelitischen Friedhof sprach namens der Redaktion des „Fremdenblatt" Chefredakteur Dr. Emil Konrad herzliche Worte des Abschiedes. Er schilderte d en Verstorbenen, pries ihn als grundgütigen Menschen, den seine Freunde weit höher geschätzt und viel lieber gehabt hatten als er selbst es glauben wollte. Im Namen der „Concordia" sprach Vizepräsident Balduin Groller. Rußland. 2. Petersburg, 10. November. Wie groß auch die Bemühungen gewisser politischer Kreise sein mögen, das Menschenrecht unserer Glaubensgenossen auf ein Minimum zu beschränken, so sieht man doch in hiesigen jüdischen Kreisen den kommenden Verhandlungen der Duma mit etwas mehr Zuversicht, als es in letzterer Zeit der Fall war, entgegen. Man setzt auf den Premier Kokowzew große Hoffnungen, und man erwartet, daß die Läge der Juden schon in nächster Zeit eine Aenderung zum Besseren nehmen werde. Vorläufig allerdings kann man von einer Besserung der jüdischen Lage noch nicht reden. So erregte neuerdings ein Artikel des Herrn A. Stolypin, eines Bruders des verstorbenen Premiers, nicht geringes Aufsehen. Solange letzterer noch unter den Lebenden weilte, legte sich A. Stolypin eine gewisse Zurückhaltung betreffs antisemitischer Kundgebungen auf. Noch im Jahre 1905 veranstaltete er eine Protestversammlung von Journalisten gegen die Pogrome, und als der Vorwurf der Mitarbeiterschaft an der „Nowoje Wremja" gegen ihn erhoben wurde, wies er diese Anschuldigung äußerst erregt zurück , bemerkend, daß er niemals eine Zeile zugunsten antijüdischer Bewegungen geschrieben habe. Nachdem er kürzlich von einem russischen Revolutionär einen Brief empfangen hatte, in welchem die Befriedigung der revolutionären Partei über den Tod seines Bruders ausgesprochen war, brachte er den Inhalt dieses Briefes in Zusammenhang mit den russischen Juden und veröffentlichte folgende Zeilen in der „Nowoje Wremja": „Es ist an der Zeit, zu begreifen, daß Rasseninstinkte die Juden soweit von aller Menschlichkeit entfernt haben, daß man sie nicht länger als Geschöpfe zur Kategorie „Mensch" gehörig betrachten kann. Vom wissenschaftlichen Standpunkte aus existieren sie, und daher müssen wir danach trachten, uns von diesem Uebel zu befreien. Vor allem müßte man das Volk lehren, daß Juden nicht menschliche Wesen sind, sondern nur Imitationen solcher, mit denen man nichts zu tun haben dürfe. Wir können Juden wohl studieren, so wie man Tiere studiert, aber „von einem Haffe gegen sie" sprechen, würde gleichbedeutend sein „mit ihrer Erhebung auf unser Niveau". Gegen diese gehässigen Worte haben wohlbekannte Schriftsteller wie Solovjeva, Gippius» Filosofow und Mereszkowsky einen Protest erhoben, in dem sie darlegten, wie unchristlich dieser Angriff Stolypins wäre. „Einem Manne," so schreiben sie, „der seine Nation mit menschlicher Liebe liebt und nicht mit der eines Tieres, muß eS klar sein daß die Juden, wie jedes andere Volk, Freiheit. Achtung und brüderliche. Liebe verdienen. Stolypin hat mit seinem Artikel nur das Ansehen Rußlands beschimpft." — Daß in den Herzen unserer andersgläubigen Landesgenossen noch nicht alles menschliche Mitgefühl erstorben ist, davon gibt folgende kürzlich stattgehabte kleine Episode einen Beweis 300 russische Reservisten uns dem Gouvernement St. Petersburg erhoben vor einiger Zeit Protest gegen die Ansprache eines ihrer Offiziere, der die Juden öffentlich die Mörder Stolypins und, Justschinskhs nannte, und die Soldaten aufforderte, alle verdächtigen Juden der Polizei auszuliefern. Gegen diese ungerechtfertigte Beschuldigung und Zumutung legten die Soldaten allgemein Protest ein mit der Bemerkung, daß sie weder Spione seien noch durch den Verkehr mit Juden irgendwelchen Schaden genommen hätten. Dem Offizier blieb nichts anderes übrig, als sich schweigend zurückzuziehen. — Leider gehören solche Fälle des öffentlichen Eintretens für die Juden noch immer zu den Seltenheiten. Dagegen ist man von antisemitischer Seite desto eifriger bestrebt, das Ritualmord-Märchen und ähnliche Verleumdungen immer mehr zu verbreiten, ein Vorhaben, das bei der großen Menge unzivilisierter Halbasiaten fruchtbaren Boden findet. Auf diese Agitation sind auch die letzten Pogrome in Turkestan zurückzuführen, wo man die Juden wieder einmal des „Ritualmordes" an einem Knaben bezichtigt hatte, der eine Zeitlang spurlos verschwunden war. Obgleich ’ der für „ermordet" erklärte Knabe sich schon längst von selbst wieder eingefunden hat, sieht sich der fanatische Pöbel keineswegs veranlaßt,

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