Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- Seite 551 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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eine Liste einschicken soll- .um.so weniger, -da -auch Sie sehrgut wissen, was man unter Lawine - zu verstehen. hat., und auch wissen dürften, daß obengenanntes Ftäulein; außer nhrer Mitgift von- 30 000 Gülden eine Bildung' besitzt, .für deren würdigen Mittelpunkt ich nur Berlin anerkennen kann, an der Seite eines solchen Mannes, den das'stiefmütterliche Verhängnis, der alles, in Vergessenheit bringenden Zeit nicht mih sich gerissen hat.". . ..«; Flesch versagte die Stimme, als er diesen Brief vorgelesen hatte/ und durch. Tränen lächelte, er seinen. Zuhörern zu, die er ohne Zweifeldamit. erobert hatte. „Herr Flesch," sagte Eschkeles,. „der Brief ist sehr schön, aber sind- Sie micht böfe,'mit. foäte e§ lieber gewesenwentt Sie Nur einfach geschriebenhätten: Esterchen läßt''Sie '-schön grüßen." '' ' „Ich bitte um Entschuldigung," erwiderte Flesch beleidigt, „aber ich weiß doch, was der gebildete Stil ist." Der Brief wurde abgeschickt und die Antwort kam sehr schnell. Der in Aussicht gestellte Besuchschrieb Liweitzer — mache ihn sehr glücklich. In zwei Wochen dürfte er mit seinen Studien in Frankfurt fertig sein und dann nach Berlin zurückkehren.. Die vielen-anstrengenden Forschungen hätten ihn dermaßen erschöpft, daß er unbedingt einige. Zeitlang ruhenmüsse, und diese arbeitslosen Tage könnte er gar nicht angenehmer zubringen, als in Gesellschaft 1 der Herren Eschkeles " und Flesch. Bis dorthin danke er für die freundlichen Grüßet besonders für jenen Fräulein Esterchens, welcher ihm nur dann noch lieber fein werde, wenn er die liebenswürdige Botschaft aus dem Munde ihres geehrten Vaters entgegennehmen dürfe. „Weißt Du, was das zu bedeuten hat?" fragte Frau Eschkeles mit strahlender Miene. Eschkeles nickte bejahend mit dem Kopf. Offenbar wußte es auch Esterchen, obwohl sie nichts sagte:' Doch ohne Grund öffnete sie nicht mit solchem Eifer die Schränke, wo die vielen, kostbaren Sachen, welche ihre Mutter zur Ausstattung für sie bestimmt hatte, hoch aufgestapelt lagern Und, wiewohl hier Spitzen, Stickereien und dergleichen Ware in riesigen Mengen vorhanden waren, drängte sie immer wieder zu neuen Anschaffungen. . Inzwischen, mußte man auch Eschkeles für die große Reise ausstatten, und das war keine Kleinigkeit. , Frau Eschkeles unternahm eine wahrhaftige Tatarenplünderung in Kellern und Vorratskammern, da man doch den Menschen nicht ohne Proviant in fremde Länder schicken kann, wo es möglicherweise gar keine jüdischen Gasthäuser gibt. Da mußte natürlich auch recht viel Backwerk mitgepackt werden, was aber, da man schon seit vielen Tagen zu Blümele Beers Hochzeit ohnehin welches bereitete, keine besondere Arbeit und Sorge, verursachte. Dieser Pflicht nämlich mußte sich Frau Eschkeles unterziehen, weil Berele Beer sie mit dem Amt einer Brautsührerin beehrt hatte. Frau Eschkeles nahm es gern an, denn wer arme Mädchen unter die Ehupe führt, denwürdigt der liebe Gott dessen, dem Glück des eigenen Kindes beiwohnen zu dürfen. „Man sieht, daß ihr Hochzeitsvorbereitungen macht," lächelte Eschkeles, als er das eifrige Treiben sah. „Ja. ja," sagte Frau Eschkeles, „mit diesen wäre ich schon fertig, aber ich weiß nicht, was das Brautgeschenk sein soll." Das erforderte eine ernste Beratschlagung. „Am klügsten wäre," meinte Eschkeles, „Du würdest ihr die Ausstattung ergänzen." „Ja, ja," nickte Frau Eschkeles, „doch es mangelt mir an Zeit. Ei, wie schade." Esterchen wurde rot. ^Mütterchen-" sagte sie verlegen, „ich.glaube, daß Blümele nichts, mehr braucht." „Nicht?" . \ „Weißt Du, ich habe.ihr manches von meinen Sachen hingetragen." - . „Darum also mußte man Deine so viel ergänzen." „Bist Du böse?" . ' Wir sollten ihr böse sein. Der Vater küßte sie. „Na," sprach er, „wenn Ihr? beide für Blümele so schön sorgt, dann will ich für Ore etwas tun." V; Er tat auch Vas Seinige. Ore nämlich erhielt zwei Tage vor seiner Trauung' die Fleischbank zurück. Es ging das Nicht leicht, denn.als man ihm das Hackrecht entzog, hatte man es provisorisch! dem 'Schwiegersohn Tojwije Notflecks -gegeben. Rotsteck war ein gewalttätiger Mensch und wollte nichts davon wissen, daß man seinen Schwiegersohn aus der Fleischbank entfernte. Es gab deswegen wirkliche Kämpfe, welche den Frieden der Gemeinde ernstlich bedroht haben würden, wenn der Rabbi sich nicht.ins Mittel gelegt hätte, um die Rotfleckfamilie durch, einen klugen Beschluß auszusöhnen. Das erreichte es;.aber damit, daß er den Ro.tfleckschen das Recht des Mazzebackens verlieh, welches um die Osternzeit innerhalb weniger Wochen ebensoviel Nutzen bringt, als das Fleisch- Hacken während eines ganzen Jahres. Auf diese. Art konnte man Ore nach zweijähriger schwerer Büße in die früheren Rechte zurücksetzen. Nun eben zu dieser Fleischbankeröffnung schickte Eschkeles dem Ore eine prachtvolle Kuh, die er schon seit sechs Wochen mästen ließ. Berele war bis zum Tage der Trauung in ungetrübt heiterer Laune, doch dann wurde er ein wenig wehmütig. „Was-fehltdir?" fragte ihn Bruchele besorgt. „Ich mache mir Sorgen wegen -der Nedan (Mitgift)", seufzte Berele. „Wir können doch keine Nedan geben", sagte beschämt die Frau. j,Freilich, freilich. Doch ich glaube, daß ich zu wenig versprochen habe. Ich hätte mehr versprechen können, Bruchele, bas wäre doch schöner gewesen, und Ore hätte daraus gesehen, daß wir ihn schätzen." Doch dem war nicht mehr' abzuhelfen. Was sie versprochen Hatten, das konnte weder mehr noch weniger werden. „Reb Ore," sagte Berele, als erihn mit Herrn Eschkeles, dem Bräutigämführer, aussuchte, „Du weißt, daß ich Dir fünfhundert Gulden-versprochen habe." „Ich weiß es," erwiderte Ore gerührt. „Also, wenn mir Gott helfen wird, dann wirst Du dieselben auch bekommen. Und Gott wird mir gewiß helfen." „Gewiß," stimmte Ore bei und setzte das weiße Seidenkäppchen auf, das zum Totengewand gehört, welches aber der Mann nach uralter Tradition auch als Hochzeitskleid benutzt. Dann.sagte er. still und bedächtig das Jom-Kippur- Gebet her und klopfte sich die Brust wegen seiner vielen Sünden. Als die Versammelten ihr Gebet verrichtet hatten, nahmen ihn die Bräutigamführer unter den Arm und geleiteten ihn in das Haus der Brarrt. Die Nagysörö der lebten jetzt erinnerungswürdige Zeiten. „Das sind lauter große Wunder," sprachen sie unter einander und erwarteten das Kommen großartiger Geschehnisse. Denn Gott.häuft nicht ohne Grund Wunder auf Wunder. Siehe, Ore Heimlich nimmt Blümele Beer zur Frau. Das ist doch keine gewöhnliche Sache? Dann reist Eschkeles mit -Lajtinant Flesch --ins- Ausland: Das ist - das größte Wunder. Das hat sicherlich etwas.zu bedeuten.