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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-17 · Heft 46 (17.11.1911) · p. Seite 549

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 46 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
Seite 549 (sequence 9)
Language
German
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549 Sie beugt sich nieder, nimmt ihr Kind hervor . Aus seines Bettchens spitzenreicher Seide, - Zum Fenster eilt sie, hebt es hoch empor: Wie Priester mit Monstranzen stehn sie beides Und schön wie dieses Pathos glückt dem Dichter auch die Innigkeit und Schelmerei des Kinderliedes. Da ist etwa das „Lied der Mutter", das die Mahlzeit der Kleinen schildert, ein Meisterstück, und eines unter mehreren. So, Kinder, wischt euch hübsch den Mund, Ein Stückchen Fleisch macht Mädel rund Und Buben zu Soldaten: Ein Stückchen du, ein Stückchen du, Und macht mir kein Gesicht dazu! Es gibt nicht immer Braten! Habt ihr auch alle den Teller leer? Sonst gibt es keinen Kuchen mehr, Kuchen, und noch was Feines! Wer nicht brav ißt und Mutter quält. Bekommt nie mehr ein Märchen erzählt..— Am besten pappt doch mein Kleines!. (Schluß folgt.) Tikrlchutz im IuÄmtum. Ein Beitrag zur jüdischen Volkskunde von Prof. Dr. Berthold Kohlbach. Einleitung. Soweit uns die schriftlichen Denkmäler über Israel unterrichten, hatte es die Steinzeit und das Nomadentum überwunden, als rein wirtschaftliche Verhältnisse Jacobs Clan gezwungen hatten, nach Aegypten aüszuwandern; als fremdes Element wurde es zum Frohndienst herangezogen, d. h. auch gewerblich beschäftigt. Die lange Wüstenwanderung warfen Israel dem Nomadentum in die Arme, und dieses prägt sich auch in seiner Gesetzgebung aus. Sympathie und Mitleid mit dem Tiere kannte vielleicht auch -das vorägyptische Israel, doch war es keine Verehrung, keine Anbetung, wie später, wo die Masse psychisch und intellektuell sich nicht sehr über die Tiere erhoben hatte. Die mündliche Tradition macht einen Unterschied zwischen vormosaischen, noahidisch genannten' Tierschutzgesetzen und mosaischen Institutionen. Wenn auch die Leiter des Volkes bestrebt waren, Die Tieranbetung und die damit verknüpften Gebräuche auszumerzen, finden wir dennoch in der mosaischen Gesetzgebung selbst gar manche Tierschutzmaßregel, deren Grund nicht das humane Denken, das sympathische Gefühl, noch aber der gesunde Egoismus ist, sondern die Lehre von der Seelenwanderung.(?) Das gesamte Vermögen des Hirtenvolkes ist seine Herde. Es versorgt, pflegt die Tiere, weil der Nutzen ersichtlich ist. Die Hauptstütze des Landwirtes ist das Haustier; seine Arbeitskraft das Pflugtier, den Dünger zum Verbessern des Bodens bietet ihm die Rinder- und Schafherde, der Hüter seines Zeltes und seines mobilen Gutes ist der Hund, die Beaufsichtigung seiner Ländereien ermöglichte ihm das Kamel, der Esel; gegen den Feind zog die waffenfähige Mannschaft hoch zu Roß oder auf von Rossen gezogenen Streitwagen; in seinem Kulte war seit Urzeiten ein unentbehrlicher Behelf das Opsertier. Die Tieranbetung verdrängte, wenn auch sehr schwer, der Jahvismus, doch finden wir Tierschutzmaßregeln, deren Ursprung totemistisch ist. Die Metempshchose kommt in der Bibel nicht vor; von einer Unsterblichkeit der Tierseele lesen wir darin nicht; bloß einem sehr späten Denker entlockt der Pessimismus jene Worte: „Alles gelangt.an einen Ort; alles ward aus Staub und wird zu Staub. Wer weiß es, ob die Menschenseele aufwärts strebt, die Tierseele hingegen unterhalb der Erde sinkt" (Koheleth 3, 20—21). Die Verehrung des Tieres hingegen offenbart sich im Judentum nach zwei Richtungen hin, und zwar als theoretische und als praktische — Tierschutz. Die theoretische Verehrung des Tieres ist in Israel ebenso alt wie bei den meisten Völkern der alten und neuen Welt. Diesen Geist spiegeln nicht bloß die Institutionen, sondern auch mannigfache Gebräuche, ja sogar Ausdrücke. So pflegt man z. B. Menschen nach Tieren zu benamen, ja selbst dann, wenn der Urquell dieser Sitte nicht mehr der Totemismus ist, d. h. das betreffende Tier nicht mehr das Symbol irgendeines Ahnen ist.*) Ein anderer Beweis für die Beachtung des Tierlebens und die Verehrung einzelner Tiere liegt in dem Stil der Bibel; Tropen und Gleichnisse entnehmen die Autoren dein Tierreich, und hierbei will ich bemerken, was vom zoogeogrqphischen Standpunkt intereffant ist, daß sehr oft der Löwe und seine Abarten angeführt werden, also Tiere, die heute ebensowenig in Palästina anzutreffen sind, wie der noch zur mykenischen Zeit in Hellas lebende Löwe im heutigen Griechenland. Es wäre weit über den Rahmen dieser Abhandlung hinausgehend, wollte ich hier all jene Tropen und Gleichnisse ansühren, die in der Bibel von Tieren reden. Es seien daher bloß einige bedeutendere angeführt. Zuerst das 49. Kapitel der Genesis: „Ein junger Leu ist Jehuda. . ." (9. V.); „Jsaschar ist ein knochiger Esel . . ." (14. V.); „. . . Es sei Dün wie die Schlange am Wege, wie der Basilisk am Pfade!" (17. V.); „Naftäli eine schlanke Gazelle..." (21. V.); „... Benjamin ein reißender Wolf . . ." (27. V.). Weniger reich an Bildern ist der Segen Mosis (Deut. 33. Kap.): „Von Josef sprach er: . . . Er hat die Pracht des Bullenerstlings, des Büffels Horn seine Macht . . ." (17. V.); von Gad: „... wie ein Löwe lagert er . . ." (20. V); „. . . Dan ist ein junger Löwe, der hervorstürzt aus Basan" (22. V.). Wie mannigfach und schön sind die Bilder in Bileams Sprüchen (Numeri 23. und 24. Kap.), in Mosis Schwanengesang (Deut. 32.' Kap.)! Es folgt das Prophetentum: das verlassene Nest (10, 14), das messianische Zeitalter (11,6—8; 65, 25) bei Jesaja; in Jeremia von dem unverständigen Tiere (2,, 23—24), von den Wandervögeln (8, 17), vom Tiger (13, 23), vom Löwen (49, 19), vom Adler (z. B. 48, 40; 49, 16. 22); Ezechiel hat ein herrlich es. Bild aus dem Hirtenleben (34,1—25); von Tieren spricht Hosea (13, 7-8), Joel (1, 17), Amos (3, 4-5; 5, 19), Micha (5, 7), Nahum (2, 12-13). Gar vieles ging aus den Psalmen in die Weltliteratur über. Wer kennt nicht den 104. Psalm? Zu erwähnen sind *) AIS Beispiele dienen aus der Bibel: Nimrod (nämer Tiger), Chamür (Esel), KLleb (Hund), Seäb (Wolf), SchLfan (Berghase), Achbor (Maus), Zippür (Vogel), Jönah (Taube), Oreb (Nabe), Nachschön (Schlange), Thüla (Wurm) als Männernamen; Frauennamen z. B. Rachel (Mutterschaf). Zippürah (Vogel), Debürah (Biene) ufw. Im Neuhebräischen ist die Liste erweitert, so z. B. Arjeh (Löwe). Töb (Bär), Zeb! (Hirsch), Chajjah (Tier), Zir'ah (Wespe) und andere, im Jargon analogisch fortgesetzt z. B. Löb. Löw (Löwe), Hirsch,. Hersch. Harsch,- Hirz (Hirsch), Wolf, Wolfele (Wolf, Wölflein), Hähndel (Hahn), Fegele (Vöglein), Taube (Taube) Hindel (Hühnchen) usw.

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