Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- Seite 548 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Notwendigkeit geworden. Im Geist ihrer Begründerin soll sie aufblühen -und gedeihen. Nach kurzen Worten von Frau Direktor Bache ans' Frankfurt a. M., die als Abgesandte des Deutschen Fröbel-Verbandes erschienen war, und Kommerzienrat Henri Hiurichsen, des Stifters, gab Geheimer Hofrat Professor Dr. Albert Köster in feinsinnigelt Worten den Dank der Hochschule kund. Zahlreiche Gönner stifteten Beträge von 100 bis -5000 Mark/ zahlreiche Verlagsfirmen wertvolle Bücher. Frau Goldschmidt legt am 23. November ihr 86. Lebensjahr in bewundernswerter Jugendfrische, Geistesklarheit und Herzenswärme zurück.. Möge sie sich noch lange-des Gedeihens der ersten deutschen Hochschule für Frauen erfreuen! : V E Hugo Salus. Von Victor Klemperer. (Fortsetzung.) ' ber solche der Sehnsucht des Unnaiven nach Naivität, des Kraftlosen nach Kraft, des Naturentsremdeten nach Natuic entströmenden Uebertreibungen find doch die Ausnahme bei Salus; gewöhnlich zeigt er, daß ihm, wenn schon nicht die Kraft, so doch die Natur nicht nur die ersehnte, sondern die wahrhaft nähe und vertraute Gefährtin ist, indem er für sie unübertriebene, schlicht innige Töne findet. Verse wie das „Abendlied": / Nun schweigt das laute Treiben 7;/ Und still wird Dorf und Rain, In allen Fensterscheiben? Verglüht der Sonnenscheins v *>7 . Die Abendglocken freuen Sich hoch im Gotteshaus, Wie Weihrauchfässer streuen . Sie ihren Segen aus. Die.Wellen rauschen leise/ Schlaftrunken träumt der Fluß;; Die Blätter tauschen leise Den letzten Blumenkuß. - Die Abendenglein zünden - . - . Schon Stern um Sternlein an, . Auf lauen Abendwinden / > - .Schwebt mild die Nacht heran . solche Verse (und es ließen sich wohl ein gutes Dutzend gleichartiger aus den Büchern des Dichters herausdestillieren) gehören meines Erachtens zum besten, was auf dem Gebiete der Naturlyrik hervorgebracht worden ist, und übrigens auch, um dies den antisemitischen wie den jüdischen Chauvinisten zu sagen, zum reinst Deutschenin dem kein Tropfen jüdischer Unrast oder orientalischer Ueppigkeit rollt. k Und eben dieses milde Maßhalten bewährt Hugo Salus zumeist auch auf dem Gebiete, das dem schönheitsfreudigen Lyriker das Nächstliegende ist, und aus dem doch Wiederholungen Und Variationen so leicht zu krampfigen Uebertreibungen zu führen Pflegen: auf dem Gebiete der Liebe. In Salus^ Gedichtbüchern ist viel Erotik enthalten, er besingt die Schönheit des Mädchens Und der Frau mindestens ebensooft wie die Anmut des Frühlings und Sommers, er ist nicht prüde, er ist nicht immer feierlich gestimmt und weiß auch übermütig, weiß auch - derb zu scherzen. Aber niemals beleidigt einunsauberer Ton, niemals versengt ein Hauchen allzu glühender Sinnlichkeit. Der Dichter ist sich früh über seine Eigenheit klar, die' ihn mehr zu Zärtlichkeit und Treue als zu Wildheit und wechselndem Anfichreißen drangt. Schon' in seiner ersten Gedichtsammlung unterscheidet er scharf zwischen den wild und flackernd und den „flammenlos doch unverwandt" Liebenden und zählt sich zu diesen Stilleren. So bin auch ich! Mit glüh'nden Sinnen. Mit trunkner Lust nicht kann ich minnen, Mit schäumend wilder Herzensglut: Ich kann nur still ins Aug' dir schauen Und felsenfest auf dich vertrauen. Treu kann ich sein, recht treu und gut. Und niemals in aller Folgezeit tut er um der Wirkung willen seiner Natur Gewalt an, indem er den heißen Liebhaber spielt, ja Q schlägt aller lyrischen Sitte, die vom Dichter ungebundenes Verliebtsein in eine möglichst abwechslungsreiche Mädchenschar verlangt, mit Tapferkeit, ins Gesicht und besiegt mit Ausdauer die Eine, und nicht etwa die sehnsüchtig Begehrte oder die gesetzlos Erraffte, sondern die ganz legitime eigene Ehefrau. Diesem Wagnis — Wie philiströs! schmäht ihr gestrengen Richter. „Philisterglück!" Mein Weibchen tröstet mich PhUlister über dir! du bist ein Dichter! — diesem für einen Lyriker buchstäblichen Wagnis verdankt Salus sein vielleicht anmutigstes Versbuch, den „Ehefrühling", in dem er seiner Gattin, mit der er nun bald zwei Jahrzehnte in großer Harmonie lebt, ein erstes schönes Denkmal setzte. Zur sonnigen Verliebtheit tritt in dieser Gedichtsammlung bald eine schöne innige Feierlichkeit. Die Geliebte ist dem Dichter eben auch Freundin, sie ist die Vesta-Priesterin seines Hauses und hat den Segen, zu sprechen über der ersten Herdglut.. < ..... Ein Tempel sei dies Haus, drin frohen Mutes . ' . Der reinen Göttin klarer Blick verweil', Und eine Stätte, drin nur Schönes, Gutes Erblühe, uns und aller Welt zum Heil. Und dann: die Geliebte, die Freundin und Priesterin soll auch Mutter sein. Daß der glühende Wunsch des Dichters, Kinder zu haben — ein absichtlicher Plural! denn immer spricht er von den beiden Ersehnten: Wolfgang und Riccarda! allzulange auf seine Erfüllung warten. liefe indem Riccarda bisher überhaupt nicht, Wolfgang erst nach 15 jähriger Ehe in Erscheinung trat — das hat den größten und, wie mir scheint, keinen durchaus glücklichen Einfluß aus Salus' poetische Produktion gehabt. Man.nennt die Sehnsucht immer die beste Gehilfin des Dichters, und das ist sie gewiß, denn sie ist seine mächtigste Beflüglerin.. Aber was man häufig übersieht: sie schädigt doch auch oft den Dichter, sie führt ihn zu Uebertreibungen und Verzerrungen, weil eben die menschliche Phantasie das' nie Erlangte und immer Erehnte zu übertreiben und verzerren geneigt ist. Dieser Gefahr ist Hugo Salus, wo er die körperliche Kraft^ besingt, noch einigermaßen entgangen, wo er aber die Mutterschaft preist, etliche Mate bedenklich verfallen. Man verstehe dieses Bedenken recht. Wie jedem fühlenden Menschen ist dem Dichter die Mutterschaft eigentlich selbstverständlicherweise , etwas Großes und Heiliges. Und oft genug findet er schöne Worte für . dieses heiligende Glück, das eine Art Ausgleich zwischen den Menschen der verschiedenen Klassen,. schafft. So schildert er einmal die reiche Dame und das arme Weib, die zu gleicher Zeit Mutter geworden sind und sich nun/die Proletarierin ihr Kind im. Arm, von Fenster zu Fenster gegeNüberstehen. ..., .... Sie sctiau'n sich lange an, { Wie zwei Soldaten nach'erkämpftem Siege. Die Arme grüßt; die Reiche dankt. Und dann; Dann eilt sie glühend nach des Kindes Wiege.