Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- Seite 547 (sequence 7)
- Language
- German
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-r 547 Auffassung seines;, kaiserlichen Vaters in der. Marokkofrage nicht. teilt, habe sich dem Antisemitismus verschrieben? Des Rätsels Lösung ist nicht schwer.' Jene Kreise in der Umgebung des Kronprinzen, die ihn bestimmt haben, die alldeutschen Hetzereien als Forderungen des deutschen Volkes .anzusehen, sind zum Teil,Gönner des Antisemitismus. Schon die Hoffnung, das; der Kronprinz sich , mit ihren chauvinistischen Ideen in der. Marokkofrage befreundet haben könnte, gibt ihnen die Zuversicht, der. Kronprinz habe ihre antisemitischen Allüren in Erbpacht genommen. Und da der Antisemitismus heute machtloser ist denn je, drängt man sich an den Kronprinzen heran, umschmeichelt ihn und ruft ihm aus vollem, patriotischem, echtdeutschem Herzen zu; „Folge nicht den Wegen Deines kaiserlichen Vaters, folge uns, führe uns!" Dieselben Kreise, die sich in schweren Beleidigungen gegen den Kaiser ergehen, die die Staatsautorität vernichten,. indem sie Kaiser und Kronprinz entfremden wollen, die, um mit dem Reichskanzler zu sprechen, um ihren Parteizwecken zu dienen, chauvinistische Leidenschaften erwecken, dieselben Kreise haben auch stets aus Parteizwecken die „jüdische Gefahr" als das größte nationale Unglück dem deutschen Volke gepredigt. Daß der Kaiser ihnen nicht geglaubt hat, daß ein Stöcker hat gehen müssen, daß das deutsche Volk, als es zur Besinnung kam, sich von den skrupellosen Demagogen abgewendet hat, daß der politische Antisemitismus allmählich zur Ohnmacht verdammt wird — das kann die kleine antisemitisch-nationalistische Clihue nicht verschmerzen. Und daß der Kaiser hier und da einen Staatsbürger jüdischen Glaubens mit seinem Besuch beehrt und nicht Herrn Lattmann, das vergessen diese Triarier des Kaisers dem Monarchen nicht. Daher die Umschmeichlung des Kronprinzen in dem Augenblick, wo dieser scheinbar die Politik seines Vaters nicht billigt. Lassen wir unseren Feinden den Glauben an „ihren" .Kronprinz. Wer so vor einem Zusammenbruch steht, wie der Antisemitismus, wird leichtgläubig. Uns kann es nur recht sein, wenn dem deutschen Volk über das Treiben der Chauvinisten. die ebenso judenwie englandfeindlich sind, vom Regierungstisch aus die Augen geöffnet werden, wie das in den letzten Tagen geschehen ist. Unsere kampferprobte Vergangenheit bewahrt uns vor Optimismus. Wir haben aber auch nicht nötig, sorgenvoll in die Zukunft zu sehen. Wir kämpfen unentwegt weiter für unsere Gleichberechtigung, und wir werden siegen! Die Lräkknung der Hochschule kür Frauen * in Leipzig. Von Regina Ne iß er. ie ausgezeichnete Frau, die in der Errichtung der Hochschule für Frauen in hohem Greisenalter sich der Erreichung ihres Lebenszieles' erfreuen darfist in' ihrem Lebens¬ und Werdegang dem geschätzten Leserkreise dieses Blattes wohl bekannt Und vertraut. Henriette Goldschmidt, aüf die sich jüngst die Blicke der gesamten gebildeten Welt anläßlich der Eröffnung der ersten Hochschule für Frauen 'in Deutschland richteten, hat mit deren Begründung ein Werk von höchster kultureller Bedeutung geschaffen, und dies kann insbesondere die deutsche Judenheit mit freudigem Stolze erfüllen. ' Als sie, die begeisterte Schülerin und Verehrerin Friedrich Fröbels, vor gerade 40 Jahren nnt gleichgesinnten Männern und Frauen den „Verein für Familien- und Volkserziehung" in Leipzig. begründete, lebte in ihrem schöpferischen Geiste schyn -der Plan,, das weibliche.Geschlecht vom Kindergarten bis M Universität zu erziehen, der allmählich reifte, und nun ay ihremLebensabend zur Ausführung gekommen ist. In jenem Winter, als, ihr treffliches Erziehungsbuch „Was , ich vo^ Fröbel lerntr und lehrte", dessen wir an dieser Stelle seinerzeit .anerkennend erwähnten, erschien, hielt die Greisinin Magde? bürg und Leipzig Vorträge „Vom Kindergarten bis . zur Frauenhochschule", die begeistert ausgenommen wurden. - Hatte das Lyzeum, das Frau Goldschmidt 1878 ins,Leben rief, sich schon seit drei Jahrzehnten als Vorläuferin per „Frauenschule" unserer Tage erwiesen, in den Schlußworten des Berichtes von 1909 lag die Aufgabe, der es sich nunmehr widmen will, klar vorgezeichnet.i „Das Lyzeum soll sich zu einer Hochschule für Frauen erweitern, in welcher wissenschaftlich tüchtige Männer und; Frauen der weiblichen Jugend zu dem natürlichen, idealsten,, zu dem schwierigsten und verantwortlichsten Berufe, dem der Erziehung des Geschlechts der Zukunft die Weihe der Wissenschaft geben, denn „der Erziehungsberus ist der Kulturberuf der Frau". Kurze Zeit darauf sah Frau Goldschmidt der Erfüllung ihrer Sehnsucht sich nähergerückt. Ein' hochherziger Leipziger Bürger stiftete dem . „Verein für Familien- und Volkserziehung" zwei wertvolle Grundstücke und ein ansehnliches Kapital zum Ausbau seiner Anstalten, und am 29. Oktober ist die Hochschule für Frauen in Anwesenheit eines großen und glänzenden Kreises, Vertreter von Staat, Stadt und Universität wie aller ^Schichten der Bevölkerung,. biebem Unternehmen wohlwollend und sympathisch gegenüberftehen, feierlich eröffnet worden. Das hauptsächliche Ziel dieser Bildungsanstatt besteht darin, der Frau für die verständnisvolle Mitarbeit an dem Kulturleben unserer Zeit die Grundlage wissenschaftlicher Bildung zu geben. In erster Reihe für die Ausübung des mütterlichen Erziehungsberufes, alsdann die Frau zu befähigen, sich den Aufgaben, die ihr in Gemeinde, Staat und Gesellschaft erwachsen, mit weitem Blick und mit vollem Verständnis für die Gegenwart zu widmen. Ferner sollen künftige Lehrerinnen an Kindergärten, Seminaren, Frauenschulen und anderen höheren Lehranstalten ihre Berufsbildung erhalten, ebenso zur Uebernahme von Stellungen an Wohlfahrtseinrichtungen in Staat und Gemeinde ausgerüstet werden. Es fehlte bisher an einer höheren pädagogisch-sozialen Bildungsstätte für die Frauenwelt, und diesem Mangel soll nun abgeholsen werden. Idee und Werdegang des Unternehmens hatte hiermit Frau Goldschmidt eingehend geschildert,, nachdem sie mit tief-, bewegtem Herzen die Versammlung in herzlichster Weise mit warmen Dankesworten im Namen des „Vereins sür-Familien- und Volkserziehung" als dessen Vorsitzende begrüßt und aller Männer und. Frauen, als Träger und Pfleger des Gedankens, die in und mit dem Verein je gearbeitet, in Treue gedacht hatte. Nach ihr hielt der Vorsitzende des Kuratoriums der Hochschule, Geheimer Rat Professor Volkelt, die Festrede: „Die Pildungswege der Frau". . Leider müssen wir uns versagen, näher. darauf einzugehen. Mt seinem Glückwunsch namens der Stadt betonte hierauf Oberbürgermeister Dr. Dittrich, daß der Rat den innigsten Anteil an der Feier nehme, dankte der, Frau, deren Lebenswerk durch die Errichtung der Anstalt gekrönt werde, dem Manne,, der das Heim geschaffen und wünschte, daß, die. Anstalt zum Segen der Stadt und der Frauenwelt, zur Freude aller, derer,, die. an ihrer Gründung Anteil ..haben, an. ihr lehren und lernen, sich entwickeln möge. Diesem Wunsch, schloß sich de,r Rektor der Universität,. Geheimer.Hofrat Professor,Dr. Lamprecht, am Die-Schaffung einer HochsHul.e für Frauen sei *epe