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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-17 · Heft 46 (17.11.1911) · p. Seite 546

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 46 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
Seite 546 (sequence 6)
Language
German
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546 zum Lächerlichen gefällig, und alle Leute - benutzten ihn zu Bestellungen. Er halte in Schlüchtern schon gehört, daß ich da sei und kam auch richtig den anderen Tag, ging in die Küche und sagte: „As en Herr Sohn von unserm Herrn Amtmann Grimm da ist, as ich en wohl sehn darf", kam die Treppe herauf, klopfte zweimal an.und trat herein. „Guten Tag, Preußje, wie gehts?" Er betrachtete mich eine Zeit" lang, die kleinen Augen. waren ihm ganz glänzend, und ich glaube noch-im dieser Stunde, er war gerührt! Dann sagte er: - „As ich alter Mann net dachte, daß ich im Lebe noch sollte sehen ein Herr Sohn von unserm Herrn Amtmann Grimm! As der Herr und die Frau Amtmann das Preußje als en ehrlichen Mann gut gekannt hab< as es ein Unglück is gewest, daß wir verloren haben unfern braven Herrn Hauptmann. Mit was kanndas alte Preußje dem Herrn Hauptmann diene?" usw. Als ich es zeichnete, saß es eine Stunde, ohne sich zu rühren: „No, Preußje, betrachtet einmal Euer Bild!" Er setzte seine Brille auf die spitze Nase und sagte dann wie versteinert: ,>Jst es möglich in der Welt, so was nmche zu kenne?" Da ich das Buch erwähnt habe, das mir zu Quelle gedient hat, so möchte ich es, wenn es auch sonst kaum etwas Jüdisches enthält, man müßte denn ein Bild Heines aus-' nehmen und ein paar interessante Bemerkungen über Heme (S. 389 sg.), doch allen denen empfehlen, die für Literatur und Kunstgeschichte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Interesse und Sinn haben, und die gern die schlichte Darstellung eines braven, vielseitig unterrichteten Mannes sich aneignen wollen, zumal eines Mannes, der außerordentlich viel gesehen hat. Wir erfahren in dem reichhaltigen Büche, sehr vieles über die kurhessischen Zeiten vor -1830,- die Befreiungskriege, über die Zeit der Reaktion; die Brüder Grimm, den Arnim-Brentano-Görresschen Kreis, die Politiker jener Zeit: Stein, Wangenheim und andere; die Frankfurter Gesellschaft, Goethe und die Weimaraner stehen lebendig vor uns. Bei Gelegenheit einer italienischen Reise, die Grimm mit einem Mitglieds der Brentanofchen Familie macht, werden Bilder, Landschaften, Künstler erwähnt und dargestellt, später werden wir in den Münchener und Berliner Kreis geführt, der sich um den Künstler schart. Das Buch ist eine Fundgrube interessanter Notizen und ist durch zahlreiche Kunstbeilagen, sehr wichtige literarische Mitteilungen, höchst wertvoll. Am wichtigsten aber ist es dadurch, daß es uns von einem ausgezeichneten, -kunstfrohen Menschen Kenntnis gibt, der es zwar weder in seiner Kunst noch in seiner Stellung so weit, gebracht hat, wie seine Brüder Jakob und Wilhelm in der Wissenschaft, der aber von feinen Zeitgenossen hoch geschätzt wurde, und der auch heute bekannter zu sein verdient, als er es wirklich ist. Denn gegenüber der sehr konventionellen, geleckten Manier, diekbei Porträts und Landschaften zu seiner Zeit Sitte war, proklamierte er nls den Grundsatz, dem er folgte: „Ich verlange alles treu nach der Natur, ohne eigenen Zusatz." Man kann aus seinen in diesem Buch mitgeteilten Zeichnungen, namentlich auch aus der, die hier wiedergegeben istden Schluß ziehen, daß er diesen seinen Grundsatz auch wirklich befolgt hat. '■ V - : \ L. G. v ■ Der Krmiprin? und die Juden.; Von Artur Schweriner. rplötzlich ist der Erbe der deutschen Kaiserkrone in den Mittelpunkt Politischen Kampfes gerückt worden. Anlaß dazu gab die Manifestätiön in der Hofloge für die Ansichten der kriegsbereiten Alldeutschen. Ob der Kronprinz ohne oder mit Absicht demonstriert hat, ob sein Verhalten berechtigt oder unberechtigt wcir, darüber.ist in der großen deutschen ' politischen Presse viel gestritten worden. Uns sollen diese Fragen an dieser Stelle nicht beschäftigen. Wir wollen, wie das in weiten Kreisen bereits geschehen ist, auf die BBegleiterscheinung en der vielerörterten Vorgänge unser Augenmerk richten. Ein Blick in die alldeutsch-antisemitische Presse genügt, um sich ausreichend überzeugen zu können;, die judenseindlichen politischen Gruppen nehmen „ihren" Kronprinzen für. sich und ihre „Weltanschauung" in Beschlag. Seitdem der< Kronprinz auf einem . antisemitischen Kommers Herrn v. Liebermann die Hand geschüttelt hat, verstummt das Freudengeheul nicht: der Enkel Kaiser Friedrichs ist unser! Und jetzt' vollends schlägt man im Rausch überschwenglicher Freude einen Purzelbaum nach dem anderen: unser Kronprinz will auch von seinem englandjudensreundlichen Vater nichts wissen. Und die Lattmann, Raab und Bruhn wittern die Morgenröte einer neuen großen Zeit,, die mit dem Regierungsantritt des künftigen Kaisers Heranbrechen wird. Herr Lattmann sieht sich im Geiste schon auf dem Reichökanzlersessel, die „Deutsch-sozialen Blätter" werden die „Norddeutsche Allgemeine -Zeitung" ablösen, und Herr Bruhn und seine „Wahrheit" werden hoffähig. Wir Juden haben trotz der antisemitischen Jubelhymnen auch nicht den geringsten Anlaß zu irgendwelcher Beunruhigung. Es ist von unseren Feinden schon mancher gekrönte und ungekrönte Fürst auf ihrem Schild erhoben worden, und nachher war man bitterlich enttäuscht: Der Kronprinz hat uns auch nicht durch die kleinste Tat gezeigt, daß er den Bestrebungen nahesteht, die sein hochseliger Großvater als Schmach des Jahrhunderts gegeißelt hat: Daß er in jugendlichem Alter zu einem - Kommers gegangen ist, das ist' Schuld der Umgebung des Kronprinzen gewesen, die ihn nicht darauf aufmerksam gemacht hat, daß sein privater Besuch politisch gedeutet werden könnte. Wie sollte der damals über das Studentenalter noch nicht hinausgewachsene Thronfolger auch gewußt haben, daß es eine Sünde ist, in die Gemeinschaft judenreiner Korps zu gehen, da er als Student in diesem Milieu gelebt hat. Aber selbst wenn die Gesinnung in diesen uns feindlichen Studentenkreisen des Kronprinzen Anschauungen nicht ganz unberührt gelassen haben, — wir haben, wie gesagt, dafür auch nicht die Spureines Beweises wie viele Studenten sind Nicht Zierden des Vereins deutscher Studenten gewesen, und haben sich in späteren Jahren, in den Jahren politischer Reise, aus diesem Sozialismus 8er Summen,-wie Bismarck den Antisemitismus nannte, herausgerettet. Ich erinnere, nur an den fortschrittlichen Friedrich Naumann, an den demokratischen v. Gerl ach und an den sozialdemokratischen Geheimratssohn Wolsgang Heine. — Daß die jüngsten Vorgänge nur einen weiteren Schritt des Kronprinzen auf dem Weg in das Land des Antisemitismus bedeuten,- muß von jedem ruhig denkenden Menschen als Unsinn, bezeichnet werden. Was in aller Welt hat Marokko mit dem Antisemitismus zu tun? Gibt es unter uns Juden nicht, viele Politiker, die alles in allem ganz mit dem Kronprinzen einverstanden sind, man hätte von Frankreich größere Konzessionen verlangen können? Nicht viele, die Englands versteckte Drohungen gegen uns bedauern und verurteilen? Hätten trotz aller.Zurücksetzungen unsere jüdischen Soldaten -nicht ihr Blut, unsere wohlhabenden jüdischen Kreise nicht ihr Gut für die Ehre' ihres deutschen Vaterlandes eingesetzt? Wie kommt, man also zu der Behauptung, der -Kronprinz, -der die

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