Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- Seite 544 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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würden,der Kleinhandel vernichtet, die Lebensmittel verteuert- und die alten Sitten beseitigt werden. DieserJntereffenkrieg hindert die ottomanischen Juden indessen nicht, ihre Kinder in die italienische Schule,zu schicken, und die Sprache Dantes herrscht heute bereits in der ganzen Hara vor und in Amrus, einem jüdischen Dorfe, dreiviertel Meile von Tripolis entfernt,. wo die gesamte. Bevölkerung nur aus Handwerkern und Ackerbauern besteht. . ... Aber auch in den begüterten und gebildeten Kreisen beansprucht das israelitische Element einen weilen Raum, es gibt unter ihnen reiche Kaufleute und Gelehrte, die eine hervorragende Stellung im öffentlichen Leben einnehmen. Eommendatore Labi, früher deutscher, jetzt belgischer Konsul, ein eifriger Jtalienfreund, ist Jude. Die Familien Hassau, Nahum und Arbib sind die angesehensten von Tripolis. Juden sind ferner der Direktor der italienischen Schule, Cav. Paggi und der Herausgeber der einzigen, italienischen Zeitung ,,1’Eco di Tripoli“. Unter der weiblichen Bevölkerung Tripolitaniens gehören die Jüdinnen unbestritten zu den Schönheiten des Landes. In ihren weiten Beinkleidern, mit dem buntseidenen Kopstuch, das die Haare bedeckt, dem goldenen und silbernen Schmuck klingender Mariatheresienthaler und anderer Münzen, und eingehüllt in Mn farbiges, den Körperformen sich straff anpasiendes ÜmschlaaMrch gleichen sie den Märchengestalten aus Tausend und einer NachkU< Man begegnet ihnen in allen Variationen; blonde, bräune,, rote und schwarze, schlanke und volle, junonische Erscheinungen' Mannweiber und Sentimentale, aber allen eigen sind die großen» sammetnen Glutaugen, in denen sich der weibliche Zauber-des Orients offenbart. . "t * ' V’. '.v Von drei großen jüdischen'Ereignissen haben die öffent. lichen Blätter lange Berichte gebracht: von dem Judentag, von der Versammlung der deutschen Mitglieder der Alliance und von den Zollschanschen Vorträgen über „Rassentheorie".' Diese Berichte geben uns nur wenig Veranlassung zu Bemerkungen. Die antisemitischen und konservativen Blätter find schärf gegen die Auseinandersetzungen von Cohn und Goldstein vorgegangen; sie leugnen in gewohnter Weise eine Zurücksetzung der Juden oder halten' diese sogar für angemessen; sie machen ihrem Aerger über die Goldsteinschen Ausführungen Lust, deren Bedeutung sie durch ihren Widerspruchnicht abzuschwächen vermögen. Besonders energisch tritt z. B. die „Deutsche Tageszeitung" gegen Zollschans Ausführungen auf, doch haben wir nach den Darlegungen von Ludwig Stein, die in unserer Zeitung veröffentlicht waren, keine weitere Veranlassung aus diese heftigen, von Judenhaß diktierten Widerlegungen antisemitischer Organe einzugehen. * Daß es in Rußland sehr traurig steht, kann aus einzelnen Zeugnissen leider wiederum bewiesen werden. Zunächst durch ein Telegramm des „Berliner Tageblatts". ...Es lautet 1v: - In Tomsk ist der Polizeimeister Fuchs und. der Chef der Geheimpolizei Kosizki durch Senator Medem entlassen, da sie gleich Reinbott hohe Steuern von Freudenhäusern, Cafös und jüdischen Geschäfts', leuten zu ihrem Besten erhoben und im Weigerungsfall ihre Steuerzahler in das Gefängnis brachten. Die jüdischen Kaufleute klagten dem Senator Medem, daß die Polizei sie durch ihre' Erpressungen vollständig ruiniert habe. In Podolien hat die Revision der Gouvernementsbehörden grobe Mißbräuche der Polizei gegen die Juden festgestellt. Fast alle Beamten des Gouverneurs und viele Polizisten wurden wegen Bestechlichkeit entlassen. Sodann durch einen Artikel der „Breslauer Zeitung": „Kokowzew und die russische Presse", in dem folgendes ausgeführt wird: ' — Die . Nationalisten machen, .wie uns unser.: Petersburger Korrespondent meldet, fieberhafte Anstrengungen, um in der inneren . Politik den chauvinistischen Kurs . Stolhpins. gegen. die „ Fremdstämmigen" .aufrecht zu erhalten. Angesichts der 1912 bevorstehenden Wahlen wollen sich die Oktobristen nicht den Wind aus den Segeln nehmen lassen und nicht-als schwächliche Verteidiger der russischen nationalen Interessen erscheinen. Sie haben daher in den Arbeitsplan der letzten Session die Abteilung des Cholmgebiets vomZartum Polen ausgenommen (die Herr Kokowzew als Finanzminister im Kabinett Stolhpins bekämpft hatte) und eine Reihe von Finnlandgesetzen. Zugleich nehmen, die Angriffe gegen Kokowzew in der Presse eine immer schärfere Form an. Einer der einflußreichsten russischen Publizisten, Menschikow in der „Nowoje Wremja", erklärt geradezu, daß Kokowzew.einen „neuen Kurs" einschlage, der sich teils durch „Gleichgültigkeit gegen die nationalen Interessen, teils durch direkte Förderung der Fremdstämmigen in ihren antirussischen Bestrebungen" . aus» zeichne. Daß Herr Kokowzew anfängt, sich über dieses Kesseltreiben ernste Sorgen zu machen, können wir daraus ersehen, daß heute die offiziöse „Rossija" an leitender Stelle gegen die Wühlarbeit der „Nowoje Wremja" mobil macht. Der.Offiziosüs weist unter anderem darauf hin, mit welch gewissenlosen Argumenten gegen den Premier gearbeitet wird. So werde eine Begünstigung der „Fremdstämmigen" seitens des Premiers daraus gefolgert, daß derselbe sofort nach der Ermordung Stolhpins in Kiew „entschiedene Maßnahmen" getroffen habe, um einen Judenpogrom zu verhüten. Die „Rossija" meint,, es heiße das Andenken Stolhpins verleumden, wenn bei der russischen. Masse die Vorstellung erweckt werde, daß Stolypin hätte anders handeln können. Natürlich hat die „Rossija" recht, aber der gewissenlose Kampf gegen Kokowzew wird damit nicht aus der Welt geschafft. Sehr schlimm ist es für Kokowzew, daß er zu den Hofkreisen wenig intime Beziehungen hat, und diese weit lieber den Leiter des Ackerbau-Refforts Kriwoschein an der Spitze des Kabinetts sehen würden. ' '^.Endlich durch nachstehende Korrespondenz der „N. I. K." unter dem Titel: „Antisemitismus in der russischen Duma". Nach viermonatigen Ferien wurde am '28. Oktober die neue Sessiow der Reichsduma eröffnet. In die Ferienzeit fielen die Kiewer Ereignisse. Man war daher in weiten Kreisen gespannt, wie die gesetzgebende Körperschaft' des Reiches auf diese Ereignisse reagieren würde. Dazu kam, daß die meisten größeren Dumaparteien Interpellationen über die Ermordung Stolhpins und über die Tätigkeit der stark kompromittierten Kiewer „Ochrana" (Lockspitzelorganisation > der Geheimpolizei) angekündigt hatten. Die jüdische Bevölkerung hatte Grund zu befürchten, daß die Mehrheitsparteien der Duma die Gelegenheit benutzen würden, um eine Pogromhetze von der Parlamentstribüne aus in Szene zu setzen. Man war sich von vornherein klar, vaßdie Nationalisten-Fraktion es nicht unterlassen würde, die Ermordung des Ministerpräsidenten durch einen Anarchisten jüdischer Abkunft zum Anlaß zu nehmen, um das blutige Pogvomgespenst heraufzubeschwören Daß aber auch die Oktobristen, gewissermaßen die „Nationalliberalen" Rußlands den Ton der Pogromagitation anschlagen würden,-wollte niemand recht für möglich halten. Und doch kam es so. Die Interpellation der Oktobristenpartei begann mit den Worten: „Der Jude Mordko Bagrow ..." Als der jüdische Abgeordnete Nisselowitfch seinem Erstaunen darüber Ausdruck gab,'daß die führende Partei der Duma in ihrer Interpellation die jüdische. Abstammung BagrowS in ganz unmotivierter Weise so scharf betonen zu sollen glaubte, erteilte ihm der Führer der Oktobristen, Alexander Gutschkow, eine Antwort, die an Deutlichkeit hinter der Sprache Markows nicht .zurückblieb. Gutschkow rief ihm nämlich zu, er möchte, seine Stammesgenoffen lieber lehren, daß sie sich von der Revolution fernhielten. Nisselowitsch sah sich dadurch zu einer Replik veranlaßt, in welcher er die geistige Verwandtschaft zwischen den Oktobristen und der blutrünstigsten Reaktion kennzeichnete. „Bis jetzt glaubte .ich," erklärte Niffelowitsch, „daß nur die Angehörigen der Rechten bestrebt sind,, mit jüdischem Blute jene Grundsätze zu verwischen, die . dem? Manifeste vom 17. Oktober historische Bedeutung verleihen, ich konnte aber nicht annehmen, daß auch, die Oktobristen einen.jüdischen Pogrom anstreben. Nun sehe ich, daß ich mich auch hierin getäuscht habe.