Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-17 · Heft 46 (17.11.1911) · p. Seite 543

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 46 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
Seite 543 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3229008--67935-3280180
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

643 Verzichtleistung auf Marokko endigte. Sodann deswegen, weil die - Nichtkolonialfreunde überhaupt gegen jede Vermehrung des Kolonialbesitzes - eingenommen . sind, als eine - Quelle dauernder Mißhelligkeiten und unübersehbarer Ausgaben, die Kolonialsreunde der Negierung nicht verzeihen können, daß sie ein Stück deutschen Schutzgebietes abgetreten hat, für das Ströme deutschen Blutes geflossen sind. Alle sind aber darüber einig, daß diese Gebiete, zu deren Abtretung Frankreich sich entschlossen hat, trotz ihres außerordentlichen Umfanges für Deutschland keinen Gewinn bedeuten. In weiten Kreisen macht sich das Mißbehagen kund. Man hat sogar von einem zweiten Olmütz gesprochen und Preußen wiederum den Vorwurf gemacht, daß es nach anfänglichen Waffendemonstrationen schmählich zurückwich. Während aber die Freisinnigen ihren Haupttadel darauf richteten, daß Deutschland überflüssige demonstrierte, um nachher friedlich seine Forderungen fortzusetzen, sind die Konservativen und Alldeutschen, natürlich auch die Antisemiten besonders empört darüber, daß Deutschland nicht mit den Waffen drohte, ja geradezu einen Krieg vermied. Es scheint leider auch, daß selbst in höchsten Kreisen gegenüber den. allerhöchsten sich eine bedenkliche Kriegslust äußert, die für die Folgezeit zu den schwersten Bedenken Anlaß gibt. Ueber alle diese Dinge haben im Deutschen Reichstage lange Verhandlungen stattgefunden. Das Schauspiel, das sich hier vor der Welt kundgab, ist überaus beschämend. Und zwar ganz besonders deshalb, weil der Reichstag im Gegensatz zu Frankreich nicht etwa dazu berufen war, diesem Vertrag seine Zustimmung zu geben oder feine Ablehnung aUszusprechen, sondern nur dazu, Kenntnis von diesem Staatsvertrage zu nehmen. Wenn auch nach dem Wortlaute der Reichsversassung die Reichsregierung zu diesem Verfahren berechtigt war, so ist es ein überaus trauriger Vorgang, daß die Vertretung des deutschen Volkes kein Recht hat, über solche verhängnisvollen Beschlüsse ihr Urteil abzugeben. Friedliebende und Wohldenkende mögen sich freuen, daß über solche im Grunde kleinliche Angelegenheiten kein Krieg zwischeü Frankreich und Deutschland ausgebrochen' ist, aber die Tatsache, daß das deutsche Volk nur räsonieren, aber nicht mit- Laten darf, ist beschämend und niederdrückend. ' * Hinter diesen Debatten, deren Bericht zahllose Spalten unserer politischen Blätter füllten, ist' das Interesse an den beiden anderen wichtigen Ereignissen: der Revolution in China und dem türkisch-italienischen Kriege zurückgetreten. Die Revolutionäre in China rücken siegreich vor: eine Stadt nach der anderen gelangt in ihren Besitz) die kaiserliche Familie ist geflohen, und es sieht so aus, als wenn die Proklamierung der Republik nahe bevorstehe. Auch der türkisch-italienische Krieg entwickelt sich in ganz unvorhergesehener Weise. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Italiener eine furchtbare Enttäuschung erlebten, wenn sie meinten, daß der Zug nach Tripolis ein bloßer Spaziergang sei. Die Türken machen allen italienischen Ableugnungen zum Trotz gewaltige Fortschritte, und die italienische Proklamierung von der Besitzergreifung von Tripolis und Cyrenaika sieht gegenüber dem Vordringen der Türken und der mit ihnen vereinigten Araber von allen Seiten wie eine bloße Farce aus. Von einer Einmischung der europäischen Mächte kann bei diesem Stande der Sache einstweilen keine Rede sein, der Krieg scheint vielmehr sich ins Endlose auszudehnen, und ob nicht durch diese' Fortsetzung des Krieges sich die schwerstwiegenden Weltkomplikationen ergeben, kann keiner voraussehen. Da hier im Gegensaß zu öen früher erwähnen Äügelegenheiten einigermaßen auch jüdische Interessen in Frage kommensei folgender kurzen Erörterung der Frankfurter Zeitung Räum gewährt. Sie lautet: Die Spannung zwischen der italienischen und der österreichischen Presse beginnt politisch bedenklich zu werden. Ein Wort zur Aufklärung ist .deshalb wohl nicht unangebracht. Die Italiener irren vollständig, wenn sie bei der österreichischen Presse besondere Sympathien für die Türkei und politische Abneigung gegen Italien . voraussetzen. Vor allem irren sich alle diejenigen, die etwa die unfreundliche Haltung der österreichischen .Organe auf irgendwelche jüdische Interessen zurücksühren wollen. Die Juden in Oesterreich, sind die stärkste Stütze des Bundes mit Italien. Die offiziösen Blätter paffen ihre Haltung, wie es sich von selbst versteht, genau der' Politik des Ministers des Aeußern an, der bekanntlich durchaus bundessreundlich ist und sich sogar in beiden Parlamenten für das italienische Vorgehen stark exponiert hat. Die liberale Presse hat immer mit Italien sympathisiert und diesmal ist sogar ein Teil der klerikalen Presse auf seiten Italiens und des tripolitanischen Unternehmens. Es bleibt nur ein bestimmter Bruchteil der klerikäl« schwarz-gelben Pressender aus seiner Abneigung gegen den südwestlichen Nachbar nie ein Hehl gemacht hat. -T.:'. : <. Ueber die Juden in Tripolis, von denen in diesen Blättern schon vielfach die Rede war, handelt ein ausführlicher Artikel von Adolf Sommerfeld im „Berliner Börsen-Eourier". Außer einzelnen Schilderungen über jüdische Träuergebräuche finden sichdarin nachstehende allgemeine Schilderungen, die für unsere Leser von Interesse sein dürsten: Das Quartier der Juden, die Hara, ist in ein großes und in ein kleines Gebiet geteilt: bie Hara sagira und bie Hara gebira, die nebeneinander liegen und die City von Tripolis bilden. Durch ein erst kürzlich in der alten Mauer, südwestlich der Stadt geöffnetes Tor, den Lab el Jesu, führt ein Weg in die freie Campagna. , Die Hara ist ein Labyrinth hügliger enger Straßen und winkliger Sackgassen, wo dicht gedrängt, wie in einem ungeheuren Bienenhause, ein nach vielen Tausenden zählender Volksstamm lebt, der, durch.Bande der Religion und Verwandtschaft mächtig, die Bienen an Regsamkeit, die Ameisen an wirtschaftlichem Sinn und Sparsamkeit übertrifft. Zu Dutzenden in engen, dunklen und feuchten Räumen zusammengepfercht, ertragen sie geduldig ihr Elend im Vertrauen auf eine dereinstige Wiederaufrichtung Israels. Auf sich selbst angewiesen und oft — sehr zu Unrecht — von der muselmanischen Bevölkerung zurückgesetzt und gekränkt, halten sie treu und fest zueinander und bekunden ihren Sinn für die israelitische Gemeinschaft durch Beweise werktätiger Nächstenliebe und gegenseitiger Unterstützung. Zahllos sind die kleinen Krambuden in der Hara. Die Gassen passierend, windet man sich mühsam durch die Berge von Grünzeug, Fischen, Broten, Lammfleisch, Blumen und allerlei Hausgerät, denn alle Waren werden ausnahmslos vor dem Laden auf der Straße zur Schau gestellt und feilgeboten, Welch ein Drängen, Stoßen und. Fluchen und ein Durcheinander von schreienden, lachenden und feilschenden Stimmen! Dem Schmutz und den angehäuften Abfällen schon halb zersetzter Viktualien entströmen die widerlichsten Gerüche, die den Aufenthalt in diesem Straßengewirr unerträglich machen, obwohl die afrikanische Sonne in verschwenderischer Pracht das bunte Leben und Treiben in ein fröhlich stimmendes Lichtmeer taucht. In beiden Haras gibt es mehrere'Synagogen, und die Alliance Isra61ite unterstützt die Bedürftigen, unterhält Schulen und Heilstätten. ' . Die Mehrzahl der Israeliten in Tripolis gehört zur italienischen, französischen oder ottomanischen Nationalität. Letztere geben an Haß gegen alles Italienische den patriotischsten Jungtürken nichts nach. So haben.diese zur armen Bevölkerung zählenden türkischen Juden ein in hebräischer Sprache redigiertes Blatt gegründet: „Die Dardanellen*, in dem sie verkünden: Durch das Eindringen der Italiener

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.