Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-17 · Heft 46 (17.11.1911) · p. Seite 542

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 46 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
Seite 542 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3229008--67934-3280179
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

542 , -sdargetc. a haben, in den grundlegenden Gedanken von Gott und Sittlichkeit gleich von Anfang an auf die ganze Menschheit zugeschnitten, war von vornherein aus das große Allgemeine angelegt. Weil aber durch die langen Zeiten kein Volk die allgemeine Menschheitsidee und die ihr gemäß aus der reinen Gotteserkenntnis gewonnene Heilighaltung des Lebens in sich verwirklicht oder auch nur erkannt hat, jedes Volk vielmehr seine materiellen Sonderinteressen als das Einzige und Höchste schonungslos verfolgte, wobei eine reine religiöse Erkenntnis und ein wahres sittliches Leben nicht aufkommen konnte, so mußte Israel sich vorläufig auf sich selbst zurückziehen, seine großen religiös-sittlichen Weltgedanken und lehrreichen Erfahrungen in seinem eigenen Kreise pflegen, wozu ihm die Zeremonien und Ritualien im gottesdienstlichen und im Privaten Leben eine wirksame Stütze waren. Wenn das Christentum den Völkern den reinen jüdischen Monotheismus mit all den sittlichen und sozial beglückenden Ideen, die aus demselben hervorgehen, übermittelt hätte, mit der Wendung, es könne jedes Volk, um diese Gottes- und Sittlichkeitsideen festzuhalten und zu Pflegen, sich seine Zeremonien seinem Charakter, seinen, geschichtlichen Erfahrungen sowie seiner Gemüts- und Geistesdispositwn entsprechend bilden, genau so wie der jüdische Stamm seine Zeremonien seinem Charakter Und seinen besondern Bedürfnissen nach sich gestaltet hat, dann wäre schon dazumal der Fall eingetreten, den das Judentum als hohes Ideal ausgesprochen: „Ja, dann werde ich den Völkern eine reine Sprache verleihen, daß sie allesamt anrusen den Namen des Ewigen und ihm einmütig dienen." Zephania 3, 5. Es wären dann der Menschheit die schrecklichen Leiden der furchtbar verheerenden Religionskriege erspart geblieben, und der Weg zu dem vom Judentum immer und eifrig gehegten Zukunstsideal der allgemeinen Völkerverbrüderung — ein Weg, der uns jetzt'noch so weit und in Nebel gehüllt erscheint — wäre üm Jahrtausende abgekürzt. Und da unter solchen Verhältnissen auch der Islam bei seinem Eintritt in die Geschichte der Völker sicherlich nicht mit so verheerendem Fanatismus unter Anwendung von Feuer und Schwert hätte auftreten können, so ist es kaum zu berechnen, in wieviel glücklicheren Bahnen die Geschichte der Menschheit religiös, sittlich und kulturell sich entwickelt Hätte. Es wäre längst der Zustand eingetreten, den die alte, weise Bibel für jeden Menschen als den begehrenswertesten ersehnt, daß jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum lebt, und niemand schreckt. Das Christentum hat aber in dem Bestreben, der nach einer besseren Religion sich sehnenden, in sich ' zusammengebrochenen heidnischen Welt entgegenzukommen, den religiösen Vorstellungen derselben auf das weitestgehende Rechnung getragen und soden reinen jüdischen Monotheismus zu einer Dreifaltigkeit modifiziert. Es ist nicht unsere Sache, zu Untersuchen, ob und wie das Christentum die Schranken, die es an dem modernen Geiste findet, überwinden und die Schwierigkeiten wird ebnen könnerr. Aber wenn man die eben entwickelten, objektiv gehaltenen Darlegungen, besonders die über die Religion, - in Betracht ziehtso muß sich dem Betrachtenden der folgende Gedankengang aufdrängen:;v Wenn man in heidnischen Ländern christliche Mission treibt, so mag es, im der richtigen Form ausgeübt, wähl angebracht sein, in den Wust -von götzendienerischem Aberglauben und sittlicher Verkehrtheit mit dem Licht des Christentums hineinzuleuchten. Aber es muß doch sonderbar anmuten, wenn man - sieht, mit welcher Borniertheit gewisse Leute darangehen, auch unter Juden christliche Mission zu treiben, unter Judeü, bie das klare Bewußtsein habe n, in ihrem Glauben das Höchste und Heiligste zu besitzen, das Höchste und Heiligste, was man unter Religion und Ethik versteht; unter Judendie genau wissen, daß das Beste und Universelle, welches das Christentum sein nennt und was ihm ganz eigentlich zu dem Erfolge verholfen hat: die'' Ethik der' Menschenliebe^ ureigenster Besitz des Judentums ist; unter Juden, die dem, was aus dem Christentum niemals universell werden kann, die Menschwerdung und Dreieinigkeit Gottes, weil der Verstand keineswegs dazu nötigt, dasjenige, was als wahrhaft universell dem Denken und Glauben der Menschen sich äusdrängt: die Geistigkeit, Einheit und Unteilbarkeit Gottes entgegenzusetzen vermögen. Doch nicht nur Missionsanstalten treiben Mission. Vielmehr verraten auch unter dem Motto: „Das Gesetz ist eine Zuchtrute auf Christum", sonst respektable Professoren der Theologie, ja auch Weltliche die Neigung dazu; auch Kulturstäaten üben sie bewußt aus, indem sie dem Juden mit dem Taufschein in der Hand die Karriere zu den Staatsanstellungen öffnen, die ihm ohne diesen Schein verschlossen bleibt. Der Unterschied zwischen dem Missionar, der den heidnischen Wilden in Afrika oder Hinterindien durch allerlei glitzernde Geschenke dazu willfährig macht, und dem Staate, der glänzende Aussichten auf Aemter, Titel, Würden und Orden für den Uebertritt eröffnet, ist demnach nur ein formeller; im Wesen kommen beide auf dasselbe hinaus. Damit stecken manche Kulturstaaten der Gegenwart zum großen Teil noch im finsteren Mittelalter. Aber wie die Sonne, je höher sie am Horizont heraufzieht,: die Schleier der Nacht immer weiter hinter sich zurückwirst und mit ihrem leuchtenden Antlitz die Erde grüßtso wird der Geist der Gerechtigkeit im Laus der Zeiten die Schatten der Vorurteile niederwerfen und im Judentum nicht einseitig eine Religion von jüdisch-nationalen: Grenzen umschlossen sehen, sondern in demselben das schätzenwas es in Wirklichkeit ist-: Eine Weltreligion, nicht mit dem aufdringlichen Anspruch des Alleinseligmachens, sondern in dem Sinne, daß in sein Gottes- und Sittlichkeitsbewußtsein ohne Unterschied alles eingefchlossen ist, was ein Menschenantlitz trägt. Die Woche. Berlin, 14. November. ie hohe Politik nimmt das allgemeine Interesse dermaßen in Anspruch, daß ihr auch in diesen Blättern einige Worte gewidmet werden müssen. Wie unsere Leser aus den politischen Zeitungen wissen, ist nach langem mühsamen Verhandlungen zwischen Deutschland uud Frankreich das -Abkommen über Marokko und über das Kongogebiet zum Abschluß gekommen. Bei jenem handelt es sich darum, daß Deutschland in Marokko Frankreich freie Hand läßt und sich mit Begünstigungen seiner Handelsinteressen, in ähnlicher Weise wie die änderen Mächte, begnügt; das Kongoabkommen gewährt Deutschland einen sehr beträchtlichen, freilich zum Teil unkultivierten, oder durch Krankheiten gefährdeten Länderbesitz, macht ihm den Zugang zu großen Flüssen möglich, nötigt aber Deutschland zu einzelnen, verhältnismäßig kleinen Gebietsabtretungen. Beide Verträge, die in Frankreich allgemeine Befriedigung hervorgerufen, -haben den Deutschen nrge Enttäuschung bereitet. Aus den verschiedensten Gründen, zunächst deshalb-: weil man; die Demonstration mit der Entsendung eines Schiffes nach Agadir nicht begriff, wenn, sie mit einer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.