Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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, — Köslin, 3. November. Ein Vierteljahrhundert war jetzt verflossen, seit der Zeit, da unsere Gemeinde ein würdiges, unserer Stadt zum Schmuck gereichendes Gotteshaus errichtete. Am 1. Juli 1884 wurde, der Grundstein in Gegenwart sämtlicher Behörden gelegt und am 23. September 1886 fand die Einweihung statt. Die jetzige Jubiläumsfeier beschränkte sich auf die sehr gediegene Festrede des. Herrn Prediger Kahn. Die Worte bei der Grundsteinlegung: „Gott zu Ehren, die Menschheit zu lehren und den Frieden zu mehren" gab Redner als das Ziel und die Parole für die Zukunft aus. Der Synagogenchor verschönte die gottesdienstliche Feier mit seinen Gesängen, und die renovierte Orgel trug das ihrige dazu bei, der feierlichen und andächtigen Stimmung einen festlichen Ausdruck zu verleihen. LI. Hamburg, 5. November. Der Verein selbständiger jüdischer Handwerker und Gewerbetreibender hielt seine Mitgliederversammlung im Logenheim, Hartungstraße, unter Vorsitz des Herrn B. Heinemann ab. Eine sehr lange Debatte rief ein Schreiben des Vorsitzenden des Zentralverbandes jüdischer Handwerkervereine Deutschlands hervor, in dem der Verein ersucht wurde, sich über die Abhaltung des nächsten Verbandstages zu äußern und eventuelle Anträge zu stellen. Es wurde von verschiedenen Seiten betont, daß der Zentralverband durchaus nicht den Erwartungen entsprochen habe, die man an seine Gründung geknüpft habe. Die Hauptursache scheine darin zu liegen, daß der Berliner Bruderverein sich zu wenig um die Meinung der übrigen Vereine kümmere und die Verbandsangelegenheiten fast ganz allein erledigen wolle. Es sei zu erwägen, ob es sich nicht für den Hamburger Verein empfehle, aus dem Zentralverband auszutreten und in Gemeinschaft mit den Vereinen der Nachbarstädte einen Gauverein zu gründen. Von anderer Seite wurde jedoch der eventuelle Austritt aus dem Verband bekämpft. Die Hauptsache sei. daß es an einer genügenden Geschäftsordnung für den Verbandsvorstand fehle. Nach längerer Debatte wurde beschlossen, den Verbandsvorstand zu ersuchen, den angeschlossenen Vereinen innerhalb vier Wochen den bereits aus - gearbeiteten Entwurf einer Geschäftsordnung zuzustellen. .'Gleichzeitig wurde beschlossen, beim Verbandsvorstand den Antrag szF stellen den nächstjährigen Verbandstag in Hamburg stattfindett zu lassen. Es wurde hierauf der Bericht des Ausschusses für Vergebung der Gemeindearbeiten erstattet und hierbei gerügt, daß von einzelnen Institutionen innerhalb der Gemeinde die Vereinsmitglieder bei Vergebung der Arbeiten nicht genügend berücksichtigt werden, Die hierauf bezüglichen Anträge der Kommission fanden denn auch einstimmige Annahme. — Karlsruhe i. B., 2. November. Die achte Konferenz des deutschnationalen Komitees.zur internationalen Bekämpfung desMädchen Handels hielt hier unter sehr zahlreicher Beteiligung aus allen Teilen des Reichs ihre Hauptversammlung ab. Der Vorsitzende Reichstagsabgeordneter v. Dirksen-Berlin verbreitete sich über Zwecke und Ziele des Komitees. „Die ganze Menschheit", so führte r aus, „abgesehen von der Gruppe der Mädchenhändler, steht auf unserer Seite. Unsere Bewegung kennt keinen Unterschied des Geschlechts, denn die Frauen sind mit uns, wenn es dem Kampf für ihre eigenen Schwestern gilt. Wir kennen auch keinen Religionsunterschied. Vertreter des Christentums und des Judentums arbeiten unter unseren Fahnen, ebenso gehören Freimaurerlogen: unseren ' Reihen an." Fräulein Pappenheim-Frankfurt a. M. begrüßte - die Konferenz namens der jüdischen Frauen und berichtete über ihre Orientreise. Sie sprach sich dafür aus, daß der Verband sich an die Verbandsstelle deutscher Exporteure in Hamburg und ähnliche Vereinigungen wenden möge, um bei ihnen anzuregen, daß sie Schritte'tun, daß für die jungen Geschäftsleute, die Rumänien und die Balkanstaäten besuchen, einwandfreie Logierhäuser geschaffen werden. Im ganzen'Balkan gebe es kaum ein Hotel oder eine Unterkunft, in der der junge Reisende nicht das Gefühl habe, daß er sich in einem Bordell befinde. Hotelier, Portier und das ganze Personal seien'nichts anderes als Kuppler. GrstrrrrtchMnssrn. K. Wien, 3. November. Der emeritierte Sekretär der Baron- Hirfch-Stiftung und hervorragende Gelehrte Dr. M. Friedländer eierte vor einigenTagen seinen 70 Geburtstag. Die Tätigkeit desJubilars bewegte sich auf kulturell-philanthropischem und auf wissenschaftlichliterarischem Gebiete. Als Vertrauensmann des Barons und der verewigten BaroninHirsch bei ihren philanthropischen Unternehmungen hatteerauch die Aufgabe,-die große galizische Sckulaktion'zu inaugurieren. Die ersten Schulen wurden mit den Mitteln des Baron Hirsch durch die Israelitische Allianz kkn Wien, deren Sekretär der Jubilar damals war, unter seiner Aegide gegründet. Dank des energischen Eingreifens des Dr. Friedländer gelang es in kürzet» Zeiträume von zehn Jahren, trotz Lehrermangels und ungeachtet der Schwierigkeit der Beschaffung geeigneter Schulräume, 50 Schulen zu organisieren und mit Lehrern zu besetzen. Seine hervorragendsten Schriften sind: „Zur Entstehungsgeschichte des Christentums", „Griechische Philosophie im alten Testament", „Die religiösen Bewegungen im Zeitalter Jesu". Dem Jubilar kamen aus Anlaß seines 70. Geburtstages viele herzliche Gratulationen aus nah und fern zu. — Während der neue Reichsrat in eifrigster Tätigkeit sich befindet und die Wahl des neuen Präsidenten definitiv vollzogen ist, wird nachträglich bekannt, daß der frühere Präsident des österreichischen Abgeordnetenhauses Dr. Pattai, bekanntlich ein Angehöriger der christlich-sozialen Partei, während seines Regimes von der Bibliothek des Hauses alle Schriften fernhielt, die Juden zu Verfassern hatten. So oft die Bibliothekverwaltung ihm das Verzeichnis der anzuschaffenden Werke vorlegte, ging er es genau durch, und stieß er auf den Namen eines Juden, so strich er ihn einfach durch. Was das Buch behandelte, war ihm gleichgültig, ausschlaggebend war für ihn nur die Tatsache, daß das Buch von einem . Juden geschrieben wurde. Die Abgeordneten sollten nicht durch den s jüdischen Geist korrumpiert werden. So hat Dr. Pattai seinen Posten als Präsident des Abgeordnetenhauses ganz im Sinne der erhabenen Traditionen seiner bildungsfreundlichen 0) Partei ausgefüllt. Oesterreichisch, allzu österreichisch ... — Vorige Woche wurden die von der Statthalterei untersuchten und bestätigten Volks- ' zählungsresultate für Böhmen veröffentlicht. Aus dieser Verlaut- "barung ist zu ersehen, daß die Zahl der Juden in den letzten zehn -Jahren erheblich abgenommen hat. Im Jahre 1900 wurden in Böhmen noch 92 806 Juden gezählt, während die letzte Zählung nur mehr 85 799 Juden, also um 7007 weniger ausweist, was einer Verminderung von 7,5 Prozent gleichkommt. Diese Verringerung der Kopfzahl hängt nur zum geringeren Teile mit der Konvertiten- -bewegung zusammen. Das Zweikindershstem hat unter den Juden, besonders in den Städten stark Eingang gefunden, und endlich hat der zunehmende Antisemitismus am Lande die Juden bewogen, ihr - engeres Heimatland zu verlassen und sich außerhalb Böhmens eine Existenz zu gründen. L2 Brünn, 2. November. Am 26. v. M. ist der Brünner Buchhändler Bernard Epstein nach längerer Krankheit, im Alter von 87 Jahren gestorben. Mit ihm hat die Brünner Kultus- Gemeinde ein sehr schätzenswertes Mitglied verloren; denn er war nicht nur Biedermann durch und durch im Privat wie im Geschäftsleben, sondern auch ein intelligenter, in der hebräischen Literatur sehr bewanderter, für das Judentum warm fühlender -Mann, dem Sinn und Verständnis für jüdisches Leben niemals fehlten. Insbesondere war er durch Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit ausgezeichnet, so daß sein Wahlspruch immer war „Nur fremder Mund, nicht dein eigener, darf dich loben", welche Eigenschaften auch Rabbiner Dr.' Löwy in seiner gehaltenen Leichenrede rühmend hervorhob. Im Mai d. I. waren es eben 50 Jahre geworden, seitdem er, als erster jüdischer Buchhändler in Mähren, sein 5 Geschäft gegründet hat. Aus diesem Anlasse erhielt er auch im Mai d. I. von dem Leipziger Buchhändlervereine das Diplom als Ehrenr Mitglied. -Noch in den letzten Jahren seines Lebens stellte er einen Katalog feines Antiquariats in bedräieis zusammen, der manche -interessante Antiquität enthält und nunmehr erscheinen wird. Seine Tochter Berta, verwitwete Pick, eine durch männliche Klugheit und weiblichen Zartsinn ausgezeichnete Frau, die ihm seit Jahren geschäftlich zur Seite stand, führt die Firma weiter. Ein Sohn von ihm, Dr. Julius Epstein, ist Advokat in Teplitz und Ausschußmitglied der Prager Advökatenkammer. Ein Bruder von ihm ist Dr. Markus - Epstein, einer. Advokat in Brünn, der sich bereits durch mehrere Publikationen, namentliche durch seine' in der letzten Zeit im Verlage