Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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B erlitt, 7. November. Die st a a t liche Prüfung von elf Schwestern hat am letzten Dienstag im Schwesternheim des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen, Auguststraße 17, stattgefunden und haben sämtliche Schwestern gut bestanden. . Die Schwestern sind im Krankenhause. der jüdischen Gemeinde ausge-; bildet, die ärztlichen Direktoren, Professor Dr. Israel und Dr. H. Strauß, bilden unter dem: Vorsitz des Geheimen Medizinalrats Dr. Schlegtendal die Prüfungskommission. .S)ie Schwestern sind ebenfalls in der Massage gut ausgebildet und haben in der Königlichen Charitö einen achtwöchigen Kursus in der Wöchnerinnen» und Säuglingspflege absolviert. Aufnahmegesuche sowie Gesuche um Ueberweisung von Schwestern werden von der Oberin Fräulein Blau im Schwesternheim entgegengenommen. 6. Aus Oberschlefien, im November. Der Verband der Synagogengemeinden im Regierungsbezirk Oppeln hatte seine Mitglieder zu feiner diesjährigen Tagung nach Rhbnik, dem Mächtig aufstrebenden neuen Industriezentrum, geladen und war damit zum erstenmal von dem Brauch abgekommen, den Verbandstag in einem der großen Verkehrszentren, Kattowitz, Gleiwitz usw. abzuhalten. Es läßt sich nicht verkennen, daß solche Veranstaltungen in kleinen Gemeinden ungemein anregend auf diese wirken und allein geeignet sind, das Augenmerk der Mitglieder dieser kleinen Gemeinden aus unsere großen gemeinsamen Interessen hinzulenken, die über den engen Rahmen des Gemeindelebens hinausgehen. Indes dürften für die Entschließung der Verbandsleitung weniger diese Erwägungen ausschlaggebend gewesen sein, als vielmehr der Wunsch, des Verbandes wichtigste und vornehmste Institution, das schlechtweg mustergültige Waisenhaus in Rybnik weiteren Kreisen Oberschlesiens bekannt zu machen und — last not least — ihm neue Freunde und Gönner zu werben. Es waren über 100 Delegierte aus Oberschlesien erschienen, darunter — zum erstenmal — auch Frauen zur Mitarbeit für den Verband herangezogen. Nach den üblichen Begrüßungsworten erstattete Justizrat Berger den Geschäftsbericht über das abgelaufene Jahr. Danach hat der Vorstand auch im verflossenen Jahr eine überaus rege Tätigkeit entfaltet in Sachen Organisation, Religionsunterricht, Waisenhaus, Wanderbettelei usw. In letzter Frage, . für Oberschlesien besonders dringlich, war trotzeifriger Bemühungen ein Anschluß der oberschlesischen Gemeinden an den Zentralverband nicht zu erreichen. Nachdrücklich wurde . darauf hingewiesen, daß das Wirken des Verbandes vornehmlich dem Wohl und Wehe der kleinen Gemeinden gelte. Konsequent dem nachgehend, hat der Verband seine Sorge für die kleinen Gemeinden in die praktischste Fürsorge umgesetzt und seit zwei Jahren einen Verbandsrabbiner für die rabbinerlosen Gemeinden des Bezirks angestellt. Dieser, Herr Dr. Nischkowski, berichtete über seine Tätigkeit: In allen diesen Gemeinden, wo sowohl das religiöse Leben wie auch das Zusammengehörigkeitsbewußtsein der einzelnen Glieder naturgemäß schwindet, hat er Predigten und Vorträge gehalten, wo es die Umstände erheischten, auch an Sonntag Nachmittagen — eine Wanderbibliothek eingerichtet, so daß tatsächlich schon nach dieser kurzen Zeit den besagten Mängeln in erfreulicher Weise entgegengewirkt ist. Die Königliche Regierung zu Oppeln hat den Verband mehrfach zu Begutachtungen herangezogen. Der Verband hat stets in enger Fühlung mit den großen jüdischen Organisationen gestanden und — durch die Person feines. Vorsitzenden — namentlich an den schwebenden Fragen im Deutsch-Israelitischen Gemeindebund lebhaften tätigen Anteil genommen. Rechtsanwalt Neumann-Beuthen O.-S., erstattete sodann Bericht über die letzte Tagung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. In ungemein fesselnder Art entrollta er den Zuhörern ein anschauliches Bild der Verhandlungen und löste stürmischen Beifall aus. Nach kurzen geschäftlichen Mitteilungen folgten die Erschienenen der Einladung-des Gemeindevorstandes zum Mittagsmahle. Nachher begaben sich' die Festteilnehmerin das Waisenhaus, um dem Stiftungsfeste beizuwohnen. Das Waisenhaus, äußerlich ein schlichter, schmuckloser Ban. repräsentiert sich in seiner inneren Einrichtung, dem schmucken, * gefälligen Anstrich seiner Räume, überaus freundlich. Die Gäste — außer den Delegierten noch eine Anzahl von Gemeindemitgliedern und prominenten Persönlichkeiten aus der Stadt — wurden von Direktor Katz und seiner Frau empfangen und in den Festsaal geleitet. Um Va5 Uhr begann die Feier. In dem stirnmungsvollen Raum Harmoniumklänge und Chorgesang. Dann die'Festrede des Direktors; ebenso geistvoll durchdacht wie von wahrer innerer Wärme getragen: er sprach von dem treibenden Motiv, das Unglücklichen Hilfe reicht, der wohltätigen Liebe und von dem sozialen Hilfswerk, das der Verband durch die Gründung des Waisenhauses geschaffen, er feierte das Gedenken der verstorbenen Wohltäter der Anstalt und ließ seine Rede ausklingen in einem Gebet, in das die Kinder mit einstimmten. Zum Schluß sprach der Vorsitzende des Verbandes, Herr Iustizrat Berger, der auch Vorsitzender des Kuratoriums des Waisenhauses ist. Wer den glühenden Eifer dieses Mannes gesehen, der im freudigen Schaffen für das Waisenhaus ein Lebenswerk erfüllt, der selbst mit seinen lieben Schutzbefohlenen fröhlich turnt und spielt, wer den feurigen Appell an die Versammlung gehört, der wird sich nicht wohl einen beredteren, wahrhaften Anwalt der Waisen denken können. In diesen Zeiten heftiger Zwistigkeiten und auch düsterer Prophezeiungen über die Geschicke des deutschen Judentums wirkte es geradezu wohltuend und hoffnungerweckend, den Geist zu spüren, der über diesem Festtage des Verbandes waltete: ein einmütiger Zusammenschluß alles dessen, was jüdisch fühlt, zu eminent praktischer, begeisterter, ernster Arbeit im Dienste unserer jüdischen Gemeinschaft. LL Bad Königsdorff-Jastrzemb, 3. November. Die in dem altbewährten Solbads Königsdorff-Jastrzemb im Jahre 1890 gegründete Kinderheilstätte hat in der vergangenen Saison (1911) 152 Pfleglingen Aufnahme gewährt. Bei allen Kindern, war ein' günstiger Kurerfolg zu verzeichnen. Die Gewichtszunahme betrug durchschnittlich 3 bis 9 Pfund. Insgesamt hat die Anstalt seit ihrem Bestände 2030 Pfleglinge beherbergt und ihnen zur Kräftigung und Gesundheit verholfen. Sicherlich eine anerkennenswerte Leistung auf dem Gebiete humanitärer und sozialer Fürsorge. Das schmuckvolle Anstaltsgebäude liegt in der Nähe des großen Parks mit seinen prächtigen alten Baumbeständen und ist von schönen Gartenanlagen umgeben. Die Erhaltung des segensreichen Werkes, das der Förderung edler Menschenfreunde würdig ist, geschieht durch milde Beiträge. Vorsitzender der Kinderheilstätte ist Rabbiner Dr. Wilhelm Münz in Gleiwitz. w Posen, 3. November. Das 50jährige Bestehen der Ritsche- Flataufchen Erziehungsanstalt für Mädchen wurde am 29. v. M. in ernstwürdiger Weise gefeiert. Hierzu hatte sich namentlich eine große Anzahl von Damen versammelt, auch die bereits aus der Anstalt Entlassenen nahmen an der Gedächtnisfeier teil. Der Saal der Anstalt war mit Topfgewächsen reichlich geschmückt, und die Bilder der Gründer mit Laub umrahmt. Eingeleitet wurde die Feier durch ein Präludium von Herrn Chordirigenten Seeligmann. Hieran schloß sich das „Minchahgebet" mit den: darauf folgenden Gesang des Psalm 103, 15 — 17: „Der Mensch, einem Grashalme gleichen" seine Tage." Von einem Waisenmädchen wurde ein Gebet für die Gründer der Anstalt, Frau Ritsche-Flatau, Herrn Isidor Flatau, Frau Philippine Demuth, geborene Flatau, sowie für die Spender des Wohltätigkeitsinsiituts gesprochen. Der Vorsitzende des'Vorstandes für die Waisen-Erziehungsanstalt Herr Manasse Werner hielt dann eine Ansprache an die Zöglinge und an die Versammelten. Redner verstand es in leicht fassender Weise, den Mädchen die Bedeutung eines Waisenhauses klar zumachen, und gab ein treues Bild über Zweck und Ziel einer solchen Anstalt. Namentlich hob er die religiöse und soziale Erziehung hervor, wodurch die Mädchen zu tüchtigen Mitgliedern der Menschheit herangebildet werden sollen Die Anstalt hat seinerzeit mit der Unterbringung von drei Waisenmädchen in Familien begonnen und ist jetzt in der Lage, 20 Zöglinge zu beherbergen. Auch der verstorbenen Leiterin Fräulein Fuchs, welche aus der Anstalt selbst hervorgegangen und 18 Jahre mit Fleiß und Umsicht ihres-Amtes gewaltet, wurde rührend gedacht. Nach Vorlesung der Namen der Heimgegangenen Wohltäter trug Herr Oberkantor Leibowitz das Gebet für die Dahingeschiedenen stimmungsvoll vor. Die Zöglinge sangen dann: „Himmelsruh und Frieden." Herr Kantor Gordon verrichtete noch, das „Olenu"-Gebet. Nachdem das Terzett: „Hebe deine Augen auf", verklungen war, sprach Herr Werner das „Kaddisch"-Gebet. Mit einem Schlußgesang endete die Feier, worauf die Gäste die Anstalt in ihren Einzelheiten besichtigten.