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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-10 · Heft 45 (10.11.1911) · p. Seite 539

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
Seite 539 (sequence 11)
Language
German
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„Du böser Mensch," sprach Frau Eschkeles, ihm mit dem Finger , drohend- „willst mir kein gutes Wort geben." „Wie sollte ich nicht wollen; doch jetzt, mein Kind, jetzt sind wir schon die letzten in der Reihe. Da, dieses schlimme Mädel hier ist jetzt im Vordergründe und ihretwegen gibt es noch manches zu tun. Die Entfernung zwischen zwei Ländern läßt sich heute nicht mehr so wie einst, da noch Wunder geschahen, ohne weiteres überbrücken. Vorläufig steht die Sache so, daß Liweitzer noch keine Ahnung von unseren Absichten hat." „Man muß es ihm schreiben." „Na, das geht nicht so leicht. Erst schicke ich ihm das Geld, welches ihm mein Vater hinterlassen hat. Siehst Du, gut, daß es mir eingefallen ist. Ich wollte es noch an dem Tage tun, als Flesch seinen Brief gebracht hatte, doch damals war das meine kleinste Sorge." „Ach, Papa," sprach Esterchen, „vielleicht hat er es nötig." „Nun, ich würde es ihm ja schicken, doch sieh> her, während des Frühstückens habe ich mir mit dem Messer den Finger verletzt und kann nicht schreiben. Aber, wenn Du die Anweisung adressieren wolltest . . ." Esterchen errötete. Sie stand auf, küßte ihrem Vater die Hand, dann den verletzten Finger, welcher gar nicht so sehr schmerzte, daß er deswegen nicht hätte schreiben können. Doch sie wußte genau, weshalb er nicht schrieb. Und Esterchen adressierte die Anweisung. Das war der erste stumme Gruß, welchen sie an Liweitzer saudte. Ob Liweitzer wohl ihre Schrift erkennen wird? Seitdem war es die liebste Zerstreuung der Eschkelesschen, zu raten, ob. Liweitzer wohl schon die Geldanweisung .erhalten habe und ob er an den schlanken Schristzügen Merchens Hand erkannte. Lajtinant Flesch, den man in Anbetracht seiner Freundschaft für Liweitzer zur Familie gehörig betrachtete, nahm das Bezweifeln dessen als persönliche Beleidigung auf. „Na, hören Sie," belächelte nf Gitls Zweifel, „so ein gebildeter Mensch!" Vergeblich machte ihn auch Esterchen darauf aufmerksam, daß Liweitzer noch niemals ihre Schrift gesehen habe, denn sie hätte Wohl einmal an ihn zu schreiben probiert, doch sei es nur beim Versuche geblieben. Lajtinant Flesch blieb halsstarrig bei seiner Meinung, denn er kenne seinen Freund besser. Esterchen wurde stiller und im geheimen war auch Eschkeles besorgt. Endlich kam der Brief. Aus Frankfurt, nicht aus Berlin. Es war ein warmer, dankerfüllter Brief. Liweitzer schrieb, daß er für die freundliche Erinnerung bis jetzt deshalb keinen Dank abstatten konnte, da er vor mehr als zwei Monaten wichtiger Studien halber nach Frankfurt mußte. In Berlin hatte er zwar keine übermäßig großen Einkünfte, doch.immerhin soviel, daß er etwas ersparen konnte, wovon er nun die Auslagen seines Frankfurter Aufenthaltes bestreite. Das Geld, welches ihm als Erbschaft zugefallen sei, figuriert demnach in seinem Budget als Ueberschuß. Desienungeachtet habe er sich damit sehr gefreut, denn es erschien ihm als ein lieber Gruß von der Seite solcher Menschen, die er immer hochgeschätzt und die er geliebt habe. — „Das ist schön gesagt", nickte Frau Eschkeles mit dem Kopfe und liebkoste Esterchens blutrotes Gesicht mit zärtlichen Blicken. Eschkeles las weiter: Seitdem ich hier bin, hatte ich noch keinen schöneren Tag, Ihre Botschaft hat mich hochbeglückt und noch glücklicher fühle ich mich vielleicht jetzt, da ich dieselbe beantworten kann. Gern würde. ich jedem einzeln schreiben, doch dazu mangelt es mir an Zeit, denn ernste Forschungen halten mich hier im Landesarchiv fest. Doch mögen Sie Überzeugt sein, daß in meinen Mußestunden meine Seele auch noch heute in den Söröder Gassen weilt, die guten Freunde und diejenigen suchend, an die sie Dankbarkeit und Liebe knüpft und mit banger Furcht darnach forscht, ob die Zeit keinen mir fremden Zug in ihr Gesicht gegraben hat, aus dem ich lesen müßte, daß sie , mich vergessen haben. Ich kann keinen vergessen, weder diejenigen, die ich wertschätzte, da ich sie kannte, noch diejenigen, die ich liebte, obwohl ich sie kaum gekannt habe. Eschkeles unterbrach sich hier selbst, indem er sagte, daß diese Zeile unterstrichen wäre. „Was dies wohl bedeuten mag?" fragte er scherzend und sah dabei auf Esterchen. Esterchen wurde abermals blutrot. „Na," fuhr Eschkeles fort, „das ist das Ganze. Jetzt folgen nur noch die Grüße. Da steht: Ich empfehle mich meinem lieben Freunde, Herrn Flesch." Flesch lächelte stolz. „Dann", fuhr Eschkeles fort, „lese ich hier: Bitte Fräulein Esterchen meinen herzlichsten Gruß zu übergeben.". Esterchen flog, wie aus der Flinte geschossen, aus dem Zimmer, worüber natürlich alle lachten. Die Konversation wandte sich nun wichtigeren Dingen zu und hatte alsbald das Aussehen eines Kriegsrats. Es war die Rede davon, was zu tun sei. 0 Endlich wurde beschlossen, daß Herr Flesch nach Frankfurt reisen sollte, um mit Liweitzer zu verhandeln. „Mama," sagte Eschkeles freudig erregt, „weißt Du was? Wenn Herr Flesch reist, so reist er nicht allein. Ohnehin habe ich draußen einige Geschäfte, die ich persönlich besser als brieflich erledigen kann. Willigst Du ein?" Natürlich willigte sie ein. Es wurde ferner beschlossen, daß Flesch, der das Briesschreiben besser verstehe, Liweitzer von dem Besuche verständigen möge. Noch an demselben Tage kam Flesch dem Austrage nach. Er beeilte sich, damit der Brief früher in Liweitzers Hände gelangen möge. Als er damit zu Eschkeles ging, leuchtete sein Gesicht vor Freude. „Wohin eilen Sie?" fragte ihn der Bäcker, der ihm begegnete. „Ich habe meinem Freunde nach Frankfurt geschrieben." „Aha, und jetzt schicken Sie den Brief fort?" „Ja, wenn Sie es wissen wollen." Stolz kamen diese Worte aus seinem Munde. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. r Chanuka-Zauber. Märchen - Singspiel in einem Aufzug mit Reigentänzen?) Text und Musik von H. Fa bi sch. Im Selbstverlag erschienen und vom Komponisten zu beziehen. H. Fabisch, der zu den hervorragendsten Kantoren Deutschlands zählt, hat durch die Herausgabe seines neuen Opus ^Chanuka- Zauber" wiederum Proben seines reichen musikalischen Könnens Die Texte zu den drei Reigentänzen sind aus: „Feierklänge" von S. Katz, Gelsenkirchen.

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