Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- Seite 538 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Anschauungen in der Abfolge der Epochen ausdecken und schließlich die logische Geltung ethischer Lehren und ihren inneren Zusammenhang Nachweisen. Für alle drei Formen moralwissenschaftlicher Betrachtung sind die ethischen Lehren ein fest umrissener Komplex von Tatsachen, die ebenso, wie irgendeine Erscheinung der Natur, theoretisch untersucht werden. Neben, dieser rein wissenschaftlichen, theoretischen Ethik gibt es eine mehr praktische, auf Erziehung abzielende, die mit Rücksicht. auf die Verhältnisse des Lebens bald diese, bald jene? sittliche Forderung stärker betont und aus dem ethischen * Empfinden der Zeit heraus zur überlieferten Sittenlehre kritisch Stellung nimmt und neue Imperative aufstellt. Alle diese Formen finden sich in Lazarus „Ethik des Judentums" nebeneinander. Sie enthält feinsinnige psychologische ' Analysen, moralgefchichtliche Skizzen, erhebt mit durchaus - richtigem und sicherem Takt ethische Gegenwartsforderungen und versucht auch hier und da die logische Begründung sittlicher Lehren. Doch was wir vermissen, das ist vor allem das Durchleuchten eines leitenden Gesichtspunkts und die feste. Geschlossenheit des Systems. In der Form, wie der zweite Band der „Ethik des Judentums" vorliegt, macht er den Eindruck einer provisorischen Materialiensammlung, in der viel wertvoller Stoff zusammengetragen ist, ohne indes seine abschließende Form gefunden zu haben. Nur in ganz großen Linien ist eine Ordnung vollzogen. Lazarus unterscheidet Tugenden, die erworben, Pflichten, bie?- erfüllt und Ideen, die verwirklicht werden sollen; aber innerhalb der einzelnen Gruppen fehlt jeder strengere Zusammenhang,. und auch die Gruppen stehen lose und ohne Verbindung nebeneinander. Die Jdeenlehre erinnert an die Herbartsche Philosophie und enthält ein dem Judentum fremdes Element-cähnlich der Kantschen Moralphilosophie, die dem ersten Band sein Gepräge gibt. Doch während der Grundsatz der sittlichen: Autonomie die Bedeutung eines wissenschaftlichen Prinzips besitzt und für die Darstellung einer religiösen Ethik ungeeignet ist--- widerstrebt die Jdeenlehre weniger dem Charakter der jüdischen Sittenlehre. Die Propheten stellen ethische Forderungen von ge-- ringerem oder größerem Umfang und sprechen ihre Hoffnungen für die sittliche Entwicklung der Menschheit aus, während die Ideendie unbewußten Triebkräfte in ihrer Seele bilden. Doch die wissenschaftliche Darstellung hat diese Ideen ins Bewußtsein zu heben und begrifflich zu formulieren. Insofern ist die Darstellung, die Lazarus gibt, an sich berechtigt. Fraglich ist nur,, ob die Idee der Vereinigung, die ihm als die oberste erscheintauch die höchste Idee des Judentums ist. Das messianische Ideal der sittlich geeinten Menschheit enthält mehr den Glauben an den Sieg des Guten, an die volle Beherrschung des Lebens durch die Gesetze der Gerechtigkeit und der Menschenliebe, als die Hoffnung auf die absolute Vereinigung, die die Folge der Realisierung des Sittlichen ist. Wenn die wissenschaftliche Kritik so mancherlei Einwände gegen das vorliegende Werk zu erheben hat, so beeinträchtigt dies nicht unsere Dankbarkeit für die wertvolle.Bereicherung unserer jüdischen Wissenschaft, für die Herbeischaffung eines gediegenen und reichhaltigen Stoffes aus dem umfangreichen Gebiet unserer religiösen Literatur; und wenn auch die Leistung nicht völlig dem Anspruch einer wissenschaftlichen Ethik des Judentums genügt, so offenbart sie doch einen völlig vorurteilsfreien, vornehmen und reichen wissenschaftlichen Geist, dem unsere Ehrfurcht gebührt, und wir müssen es als einen unersetzlichen Verlust bezeichnen, daß es dem verewigten Verfasser vom Schicksal, versagt blieb, seinem Werk die letzte und abschließende Form zu geben. Leim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa Trencsäni. XXXX. wie hat mich Gott geschlagen'. Ach, wie hat er „ midj heimgesucht," stöhnte, wimmerte Eschkeles. — Inzwischen erlangte Esterchen das Bewußtsein, bewegte sich und stand auf. Während in der Gemeinde die schlimmsten Gerüchte über Esterchens Ohnmacht kolportiert wurden, überwand Esterchen ihre Schwäche bald und begann wieder auszuleben, wobei sich ihre jugendsrische Schönheit von neuem entfaltete. Jetzt brauchte sie ihre Mädchenträume nicht mehr geheim zu halten. Sie durfte mit ihren Eltern offen über Liweitzer sprechen, den schon alle als ihren zukünftigen Mann betrachteten. Keiner dachte daran, daß man Esterchen die Zukunft vielleicht mit mehr Vorsicht malen sollte, denn wie wenn Liweitzer jetzt anders denkt? Er selbst ist doch ein neuer Mensch geworden, da kann sich auch sein Herz verändert haben. Nun, obschon sie nicht eingebildet und wegen ihres Reichtums gar.nicht hochmütig waren, wußten sie sehr gut, daß sie unter den Juden eine Sonderstellung einnahmen und waren demzufolge der berechtigten Meinung, daß es sich auch die besten jungen Leute zur Ehre anrechnen dürften, in die Eschkelessche Familie ein heiraten zu können. Außerdem wußten sie Esterchens außergewöhnliche Schönheit und ihre sympathischen,' seellschen Eigenschaften zu würdigen. Mit einem solchen Mädchen muß man nicht Lotterie spielen. Sie braucht nur die Hand auszustrecken und Hunderte finden sich, die danach greifen. Warum also sollte Liweitzer mehr von sich halten als ein anderer? Warum gerade er, der auf dieses Glück am wenigsten gerechnet und der unter allen am meisten nach Esterchen geschmachtet hatte. „Wie ist denn das eigentlich zwischen Euch vorgegangen?" fragte lächelnd Eschkeles. „Ich weiß es nicht", erwiderte Esterchen. „Es kam über uns, wie im Lenzesmai das Blühen über die Natur kommt." „Du," neckte sich Gitl mit ihr, „vielleicht liebst Du ihn gar nicht. Ihr habt ja nie miteinander gesprochen." „O doch, einigemal. Aber nicht des Gesprochenen wegen haben wir einander liebgewonnen, sondern um dessenwegen, was wir verschwiegen haben." „Wie, wenn er Dich gar nicht liebt?" „Doch, er liebt mich." : Aus Esterchens Stimme klang feste Ueberzeugung. „Doch er weiß gewiß nicht, daß Du ihn liebst." „Er weiß es." „Du hast es ihm nie gesagt." „Er weiß es dennoch. So etwas muß man nicht sagen, das fühlt man auch ohne Worte." „Gottlob." mischte sich Frau Eschkeles in das Gespräch, „gottlob, die jüdischen Herzen finden einander auch ohne Roman. Mir hat Euer Vater auch nicht den Hof gemacht, doch deshalb — ich weiß es — hat er unsere Verbindung niemals bereut. Nicht wahr, mein Alter?" „Ach, mein Kind," lachte Eschkeles, „daraus werde ich Dir erst antworten, wenn jener deutsche Student hier sein wird und ich ihm die schönen Redensarten ablauschen kann."