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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-10 · Heft 45 (10.11.1911) · p. Seite 537

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
Seite 537 (sequence 9)
Language
German
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hat' sich, sein Aufenthalt verlängert, und ist in die Zeit gefallen, da „die Feinde des Vaterlands" in die Gegend eingedrungen sind. (Die Engländer machten damals einen Versuch', 'die französische Herrschaft in den Niederlanden zu erschüttern. Der Verfasser.) Von einem durchaus ehrenwerten Bürger von Brüssels erfahren wir, daß der Unglückliche überzeugend Nachweisen kann, daß er drei Monate in Island krank darniedergelegen hat und aus diesem Grunde nicht in der Lage war, die Gegend vor dem Eintreffen der Feinde zu verlassen. Von allen Seilen erhallen wir die günstigsten Berichte über Verhalten und Moral des Verhafteten. - Wir haben uns daher für verpflichtet gehalten, Ihnen von dem Vorgang Bericht zu erstatten und die Weiterbehandlung der>Angelegenheit ihrer Weisheit und Erleuchtung zu überlassen. Sie mögen beurteilen, ob es angeht, sie zur Kenntnis der „kompetenten Autoritäten" zu bringen und hierdurch zu bewirken, daß der Angeschuldigte baldigst verhört und seine Sache geprüft werde .. ." So ungemein fleißig das Pariser Konsistorium auch im Antwortschreiben gewesen, so ergibt sich doch aus der mir vorliegenden Korrespondenz nicht der mindeste Anhalt dafür, wie sich" diese Zentralinstanz mit der heiklen Anregung abgefunden hat. Es war in jener Zeit gefährlich, nicht als Patriot zu erscheinen. Und dieser Gefahr setzte sich — nicht damals bloß -- in Frankreich jeder aus, der sich bemüht zeigte, die Unschuld eines Angeklagten.darzutun, der landesyerräterischer Absichten oder Handlungen beschuldigt war. Man hat den Dreyfushandel als Ausfluß bestimmter Zustände und Zettelungen beurteilt. Vor einer geschichtlichen Betrachtung kann diese Auffassung des Politikers nicht standhalten. In solchen Vorkommnissen spiegelt sich nicht lediglich der Geist ihrer Zeit, sondern der Geist einer unbegrenzten Entwicklungsreihe und Entwicktungsrichtung. Sie Lthik des Judentums? Von Rabbiner Dr. Lewkowitz-Schneidemühl. er zweite Band der Lazarusschen,,Ethik des Judentums" bietet der Beurteilung eine Fülle interessanter^Probleme. Aus zusammenhangslosen Notizen und mehr oder weniger ausführlichen Skizzen ist hier von zwei dem Autor fernstehenden Gelehrten ein lesbares Buch geschaffen worden. Daraus ergeben sich drei verschiedene Fragen: Wie haben die Herausgeber sich ihrer schwierigen Aufgabe, entledigt? Welchen Wert besitzt das von ihnen verarbeitete Material? Kann die Form, in der es der Oeffentlichkeit dargeboten wird, als einer wissenschaftlichen Ethik angemessen bezeichnet werden? Die Herausgeber verdienen uneingeschränkte Anerkennung ihrer -Leistung. Sie waren durch die Pflicht der Pietät gegen den verewigten Autor gezwungen, jede tiefer ' eingreifende Aenderung des Stoffes, sowie der Anordnung seiner Teile zu unterlassen und haben sich trotzdem eine gewisse Freiheit der redaktionellen Gestaltung zu wahren gewußt. Dadurch ist es ihnen gelungen, den fragmentarischen Charakter der einzelnen Aufzeichnungen so weit wie möglich zu verwischen und die glänzenden Vorzüge des Lazarusschen Stils, die anschauliche N Dieser Gewährsmann war zweifellos Salomon Fürth, ein hochangesehener Notable und Vorsteher der jüdischen Gemeinschaft zu Brüssel. Lazarus, Die Ethik des Judentums, zweiter Band. Aus dem Nachlaß herausgegeben von I. Winter und Aüg. Wünsche. Frank, furt 1911, Verlag I. Kauffmann.' . . . . - i'A . : 5 . Lebendigkeit und Eleganz der Darstellung zur' vollen Geltung zu bringen. Den Stoff für seine „Ethik des Judentums" hat Lazarus in der Hauptsache dem Talmud und der späteren rabbinischen Literatur entnommen. Das erscheint auffällig, wenn man bedenkt, daß der Talmud in ethischer Hinsicht nicht schöpferisch ist und nur die Goldbarren der biblischen Lehren in kleine Münze umprägt. Indes, wenn Lazarus ein ausgesührtes System der jüdischen Ethik bieten wollte, das nicht nur die Prinzipien, sondern auch das gesamte Detail moralischer Anschauung enthält, blieb ihm kein anderer Weg. Vielleicht war für die Auswahl des Stoffes auch ein apologetisches Interesse bestimmend. Der imponierende Reichtum ethischer Gedanken sollte allen denen vor Augen geführt werden, die im rabbinischen Judentum immernoch eine Gesetzesreligion sehen, deren sittliche Forderungen angeblich in der verwirrenden Fülle zeremonieller Bestimmungen verschwinden. Diese Apologetik ist um so wirksamer, weil sie nicht kritiklos ist, bei aller Ehrfurcht vor der Lauterkeit und Energie sittlichen Strebens, vor der Tiefe und Innigkeit religiöser Empfindung, die die Weisen des Talmud erfüllt, auf die Einseitigkeit und Enge ihrer Gedankenwelt deutlich und entschieden hingewiesen wird. Es ist erstaunlich, wie Lazarus sich in die eigentümliche und ihm fremde Denkweise der Rabbinen hineingelebt hat, den letzten Sinn ihrer Gedanken erfaßt und aus ihrer zeitgeschichtlichen Form in die moderne überseht. Nach dieser Richtung zeigt der zweite. Band einen bedeutenden Fortschritt gegenüber dem ersten. Hier vermeidet Lazarus die geistreiche, aber unhistorische Deutung rabbinischer Sätze. Ob er dem Ansprüche historischer Treue vollkommen genügt, erscheint trotzdem zweifelhaft. Von einer einheitlichen ethischen Anschauung des Talmud kann im strengen Sinne des Wortes nicht die Rede sein. Es sind da Schwankungen .zu beobachten, die sich aus den wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen der Zeit ergeben, ein Steigen oder Sinken des ethischen Niveaus, bisweilen unter die Höhe des biblischen Standpunkts herbeisühren. Daher kann man aus dem im Talmud und der jüngeren rabbinischen Literatur vorhandenen Stoff eine Geschichte der nachbiblischen Ethik konstruieren, die die Wandlungen des sittlichen Fühlens nachweist und darstellt, dagegen lassen sich die Sentenzen und Allegorien aus verschiedenen Jahrhunderten nicht ohne weiteres als gleichwertiges Material für den Aufbau eines Systems der jüdischen Ethik verwenden. Demnach erscheint die Auswahl, die.Lazarus getroffen hat, picht methodisch gerechtfertigt. Er erhebt, wie er ausdrücklich betont, auf Vollständigkeit des historisch gegebenen Stoffs keinen Anspruch, aber eine wissenschaftliche Ethik, darf darauf nicht verzichten. Wenn sie aus historischer Grundlage errichtet wird, setzt sie eine genaue Kenntnis des Entwicklungsverlaufs voraus und hat die Beziehung der einzelnen Phasen dieses Prozesses zu den Prinzipien' des Systems zu untersuchen. Nur dann läßt sich erkennen, ob die Entwicklung eine reichere Entfaltung der ethischen Idee oder eine Verkümmerung bedeutet, und man erlangt das Rechtdivergierende Anschauungen als zufällige,- nur dem System widersprechende abzuweisen. So wird die Geschichte ihrer Zufälligkeit entkleidet und das Faktische in ein logisch' Notwendiges verwandelt. Dazu gehört aber eine viel straffere Systematisierung, als sie Lazarus anwendet. Damit berühre ich die wesentlichste und ausfälligste Schwäche seiner Ethik. Ethische Fragen lassen sich entweder vom moralpsychologischen, vom moralgeschichtlichen oder vom rein logischen Gesichtspunkt betrachten. Man kann nach den seelischen Motiven eines ethischen Systems, seiner psychischen Struktur und Gesetzmäßigkeit forschen,, den Wandel der sittlichen

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