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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-10 · Heft 45 (10.11.1911) · p. Seite 536

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
Seite 536 (sequence 8)
Language
German
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„sreiheitsdürstender", Demokrat allem Byzantinismus abgeneigt, sieht den vom Volk umjubelten Kaiser. Wie alt ist doch der Mann, wie alt, wie alt! ' . Und Mitleid faßt mich. Wie viel Sorgen trüben? Den Blick ihm unter seinen welken -Lidern. - Des Nimbus Mantel fällt von seinen Gliedern: Er ist ein Mensch! Ich kann den Kaiser lieben! Und Mitleid lehrt ihn verstehen' und lächeln, wenn „Löbls Riste, die dumme Gans" sich in die Lehmpuppe verliebt, die nur Rabbi Löws Zauberpergament ihr Scheinleben verdankt, und mitleidiges Verstehen schützt ihn vor Verbitterung, wenn er die auf einen Sarg niederprasselnden „Schollen" betrachtet: ~Fünf schwere Schollen geheucheltes Leid, ' . Sechs Schollen verletzte Eitelkeit Und sieben Schollen mit polternder Wucht. Sieben Schollen grollender Eifersucht; Und rollen hinab acht Schollen Lust. Daß er nun doch früher weichen gemußt, Neun Schollen Mißgunst, zehn Schollen Neid - Und viel viele Schollen Undankbarkeit. Dazwischen aber eine Handvoll Ehr' Ein Bröcklein Treue von Tränen schwer, Ein Stäubchen Liebe ... So ist es denn nicht etwa Untiefe oder gar Gedankenlosigkeit, sondern eine glückliche mehr auf harmonisches Empfinden als bohrendes Grübeln gestellte Gemütsanlage, die es dem Dichter gestattet, sich an das hinzugeben, was er als seine eigentliche Aufgabe betrachtet: an den schönen .Genuß -des Schönen. Wohlgemerkt: an den schönen Genuß, nicht an jenen wildentzügelten, dem etwa die Menschen d'es von seiner peinvollen Zerrissenheit bedrängten, von der Quäl seiner - Todesgedanken gestachelten Arthur Schnitzler sröhnen. Wer vom Nachher so sanfte Vorstellungen hegt wie Salus in der „Zwiesprache", der kann auch die Schönheit des Gegenwärtigen in geruhig milder Weise auskoslen. Und ob einer zu solch einem Auskosten, zum Empfinden all des Schönen, fähig ist, das bedeutet für Salus geradezu die Entscheidungsfrage nach der künstlerischen Begabung eben dieses Menschen. So stellt er einen gefeierten Kollegen aus eine der prachtvollen Prager Brücken, von denen aus das Auge die bedeutendste Landschaft, die gewaltigsten Bauwerke umfaßt: > Stuf diese Wunderbrücke führt' ich dich, Des junger Dichterruhm die Welt erfüllt, Mein East, mein Freund! Des Staunens harrte ich, - - Da sich die Landschaft deinem Aug' enthüllt. Du sahst und — schwiegst; doch nicht dein Staunen schwieg, V Dein Herz blieb stumm, das soviel Schönheit — spricht. — Mein Ruhm ist klein, ich gönne dir den Sieg: - ' Bekränze dich! Ein Dichter bist du nicht! Und an diesem selbstgewählten Maßstab des Reagierens auf das Schöne gemessen/ zählt der feine und anmutige Hugo Salus gewiß auch zu den bedeutenden Dichtern der Gegen- ' wart. Immer und überall ist er für Schönes empfänglich, und in reinster Form gibt er den Eindruck wieder, mag es sich nun um ein Gemälde' handeln oder um ein Stadtbild oder' um irgendeinen Gegenstand, von dem eine schöne Stimmung auf den Betrachtenden überströmte, oder um eine Landschaft, ein Stück Natur. Aber das letzte ist ihm doch das liebste. Bei allem anderen ist immer die Gefahr, das Schönheitsempfinden könne ein überkultiviertes, ein' allzu ästhetisches, nun gar ein „literarisches" sein, und das fürchtet Sälus »als die schlimmste Sünde. Naiv will er sein, . um jeden Preis. Freilich, naiv sein wollen, das ist eine arge Unmöglichkeit, und so muß man manchmal ein klein wenig über den Versefeiler lächeln, der von der Schönheit des Dorfes und des Ackers schwärmt, und gelegentlich auch, wohl ein bißchen wehmütig über den muskelschwachen Juden lächeln, der sich für die drallen teppichktopfenden Mägde begeistert und in einen wahren Taumel des Entzückens gerät, wenn er aus Helgoland „dem Seemann an der Nuderstange" helfen darf: Die heilig rohe Kraft in starken Armen, Die in den Staub den wilden Löwen zwingt, Des Weibes Leib erkämpft, den lebenswarmen. Und die des Männerzornes Kriegsschwert schwingt! Mein zornig Herz, nun magst du dich erbosen! - Nun wogst du wünschen, was dir Freude schafft! Und willst du Heldentaten oder Rosen, Ich schaff' sie dir: Ich Hab' die heilige Kraft! (Schluß folgt.) „Lin Lpionsgekall" vor UV Jahren. Von S. Andorn-Krefeld. pionageprozeffe — ich verstehe darunter nicht lediglich ihr gerichtliches Widerspiel — gehören zu den ältesten Jnventarbeständen der „Kultur'menschheit. Joseph hat bei dem Scheinverhör, das er mit seinen Brüdern anstellt, sich nur einer landesüblichen Gepflogenheit bedient. Am stärksten scheint die Furcht vor Spähern und Verrätern bei unseren westlichen Nachbarn ausgebildet zu sein. Nach den bösen Erfahrungen vor 40 Jahren ließe sich diese Regung ja wohl' begreifen. Sie war aber auch nicht minder lebendig zu einer Zeit, als Frankreich den europäischen Kontinent in strenger Abhängigkeit und in Zittern erhielt, als ein Machtwort von der Seine altgewurzelte Königsthrone umstieß. Und d i e Methoden, welche die französischen Behörden unter dem ersten Kaiserreich Verdächtigen gegenüber anwandten, haben ine verzweifelte Aehnlichkeit mit den für alle Zeit gebrandmarkten Perfidien der Drehfnspeiniger. Wir erfahren von ihnen aus einem Schreiben, welches das damalige Krefelder Konsistorium am 12. November 1809 an die Pariser Zentralinstanz zu richten sich verbunden fühlte. Die jüdischen Bewohner der belgischen Departements, in denen unser „Fall" spielt, waren in religiöser Rücksicht oämimstres der Krefelder Organisation. Und im Sinne des kaiserlichen Auftraggebers und seiner Erlasse (Dekret vom 17. März 1808) wandte sie auch dem bürgerlichen Wandel und Ergehen ihrer Schutzbefohlenen ihr Augenmerk und ihre Fürsoge zu. Das Schreiben der Krefelder „Nembres äu eonsistoire^ an das Zentralkonsistorium zu Paris hat folgenden Wortlaut: . „Wir erfahren aus Brüssel, daß ein gewisser Z. A. Stein, welcher dort wohnhaft ist, den besten Ruf besitzt und seine Frau und seine drei Kinder von dem Ertrage seiner treulichen Arbeit ernährt, bei der Rückkehr von eiüer Geschäftsreise festgenommen und nach Antwerpen verbracht worden ist. Dort schmachtet er seit länger als einem Monat im Gefängnisse, ohne daß man ihm Gelegenheit gegeben hat, sich'zu rechtfertigen, ein Anspruch, der nach dem Gesetze auch den schlimmsten Verbrechern zusteht. Nach dem, was wir in Erfahrung gebracht, scheint der Mann angeklagt zu sein, länger als sonst und in böswilliger Absicht in Zeland verweilt zu haben. Er hat sich früher immer in dieser Provinz,, wohin ihn seine Geschäfte oft riefen, einige Wochen aufgehälten. Diesmal

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