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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-10 · Heft 45 (10.11.1911) · p. Seite 535

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
Seite 535 (sequence 7)
Language
German
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585 hat es diese Stimmung auch schon in der früheren Lyrik gegeben, noch ehe man den Begriff kannte; aber der Dichter breitete ihre Schleier damals eben unbewußt über seine Schöpfungen — was vielleicht poetischer war als daA heute gar zu oft übliche Erzwingen und Herbeizerren der Stimmung.) So steht jenes Gedicht auf der Grenze zwischen neu und alt: der „tiefe Sinn" ist beibehalten, aber voran geht doch die Stimmung, und der Nachdruck liegt auf Empfindung und Musik. Und weil nun in dieser „Vorlesung" genau das ausgesagt wird, was die Vorlesung Salusscher Verse bewirken muß, so ist hiermit die Stellung dieses Dichters in der gegenwärtigen Literatur bezeichnet. i Den schweren Gedanken, wie er sich nicht etwa nur in tden Versen des heute gern mißachteten Rückert, sondern auch Hin den Gedichten des Lyrikers k Goethe findet, weicht Salus zumeist MUZ^ Es handelt sich bei ihm sozusagen um eine sanfte Art der Denktätigkeit, um Ideen, die sich noch nicht ganz losgelöst haben vom mütterlichen Körper des dämmernden Empfindens. Man betrachte daraufhin die Todesidee bei Salus. Die Vergänglichkeit des Irdischen ist ihm eine geläufige Vorstellung, gern gebraucht er das Bild der vorübereilenden Stunden, die „Tochter und Mutter zugleich", uns ärmer und reicher machen: Und Kommen und Gehn und Kommen und Gehn, Kann kaum mehr an der Türe stehn, Und da schlürft noch eineStundeherein, Und die wird nimmermehr Mutter sein. Und nun gelangt er weder zu dem jubelnden „Frohlocke, sing', scherze!" des Jenseitsgläubigen, noch zu der Resignation des der, vöilligen Jch- Vernichtung Gewissen, noch auch zu dem qualvollen Schwanken dessen, der nichts Bestimmtes zu glauben vermag. Sondern der gleiche Mensch, der sich unterm Trauhimmel gegen alle priesterlichen Umstrickungen seines „schönen Unglaubens" wehrt und gegen alle „mystischen Bande", derselbe Mensch findet doch in einer milden Mystik ' seine Befriedigung: Einmal, da war mir wie Hamlet zu Sinn; Trieb mich des Nachts auf den Friedhof hin. Mit meinem lieben, klugen,aalten > Begrabenen Lehrer Zwiesprach zu halten. Auf sein Hügelchen setzt' ich mich, Klopfte dreimal: „Ich rufe dich! Sag', seit du Abschied von uns genommen, Sag mir. zu welchem Schluß du gekommen!" Klopft's zurück; aufs Herz jeder Schlag ... „Horch, was ich aus dem Grabe dir sag': Ihr seht die Blumen der Erde entsteigen, Wir sehn die Wurzeln sich verzweigen. ..." Und dasselbe milde Verschleiern aller Abgründe, wo es um die Frage geht, die für ihn, den guten Juden und guten Böhmen, doppelt reich ist an unheimlichen Tiefen: um die Frage des Volkstums. Er bekennt sich gern zu seinem Judentum, dem er manchen dichterisch wertvollen Stoff entnimmt, so wenn er von den Zauberkünsten des hohen Rabbi Löw in Prag erzählt oder talmudische Legenden nachdichtet oder einen halb schelmischen, halb schwermütigen Ghettoreim für seine Kinderlieber benutzt oder balladisch die Herzensnot der jungen Jüdin darstellt, die außerhalb des Ghettos von den Christen beschimpft und verfolgt wird und doch wieder hinaus muß, weil sie den christlichen Ritter liebt; er geht in seinem Bekennertum so weit, daß er Verse zu einem leidenschaftlich zionistischen Almanach beisteuert. Und doch zählt er sich mit ebenso großer Selbstverständlichkeit wie leidenschaftlicher Inbrunst zu den Deutschen, fühlt sich ganz durchtränkt von deutscher Kultur, gebraucht deutsche nnd christlich-deutsche Stoffe und. Bilder genau so wie jüdische, sieht in dem Deutschen Goethe fast so etwas wie eine Gottheit: . . . Ein einzig Mal in meinem ganzen Leben Fühlt' ich das Glück, das Adlerschwingen spannt. Dem Dunst des Tags den Künstler zu entführen, Fühlt ich ein Glück, wie ich es nie empfand, Und Goethes weiche, milde Priesterhand Fühlt' ich mit sanftem Druck mein Haupt berühren ... Und wiederum zwingt ihn so heiß deutsches Empfinden nicht in den böhmischen Kampf der. Nationalitäten hinein. Er sagt das ausdrücklich in seinen „Prager Elegien . . . Meine Heimat dröhnt vom Haß und Groll des Tages — Ein späterwachtes, anders blütiges Mähervolk Greift heischend Garben, deren Saat mein Ahn besorgte. . . Ich sollt', ein Kämpfer sein. Mit dröhnendem Gesänge Sollt' ich vor meinem Volke gehn, ein Kampfbefeurer ... Hugo Salus. . Ich aber bin so tiefst im sichern Herzen deutsch, Als stünde mein Häuschen irgendwo am grünen Rhein Oder am sanften Hang des tannendunklen Harzes; Und so, ein Träumer, geb' ich zu, sing ich mein Lied. . . . Zwar in dem Sonett „Die Gewappneten", das „Jaroslaw Vrchlicky, dem großen tschechischen Dichter in Freundschaft zu eigen" gegeben ist, behauptet Salus, tagüber „im Volksturnier" seinen Mann zu stehen. Und nur ... abends, wenn der Kampf der Völker ruht, Wie ist mir's lieblich, deinem Sang zu lauschen, Drin alle Quellen unsrer Heimat rauschen! „Schau, Freund, im Osten schon der Sonne Glut! Ein Morgen naht, ein Friedenstag, ein lichter! Du glaubst an ihn, gleich mir!" Ach, wir sind Dichter Doch in seinen Dichtungen lernt man eben nur' den Dichter Salus kennen, und das ist der sanfte Träumer, der über den Zusammenprall der Dinge und Gedanken hinwegzugleiten vermag. Was ihm in allem Psychischen solches Hinweggleiten über das Schwierige und Peinliche "ermöglicht, ist ein tiefes Mitleid mit jedem Menschen. Der Jüngling, als

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