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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-10 · Heft 45 (10.11.1911) · p. Seite 534

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
Seite 534 (sequence 6)
Language
German
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534 jährigen "Anteil, den er seit der Emanzipation der deutschen Kulturarbeit gewidmet habe. Die Judendie nach ihrer Beteiligung an Bildung und Besitz von Hause aus konservativ gerichtet seien, kämen nur vermöge ihres in tausendjährigem Druck geschärften Gefühls für Ungerechtigkeit jeder Art als Träger der Opposition in Betracht. Es gebe kein nationales und politisches Interesse, das eine Zurücksetzung der Juden fordere, es seien lediglich die Rückstände mittelalterlicher Weltanschauung sowie die Verletzung persönlicher Interessen durch den Wettbewerb fleißiger und intelligenter Juden, die zu-jener antifemetischen Regung^ geführt haben, die die unhaltbaren Dogmen einer falschen Rassentheorie verwirrend und aufhetzend in unaufgeklärte Massen tragen. Die Abwehr dagegen liegt vor allem in der Aufklärungsarbeit, wie sie der Verband der Deutschen Juden zu seiner ersten Aufgabe , gemacht hat. Es gilt, unsere Mitbürger darauf hinzuweisen, wie sie willige und hingebende Mitarbeiter an der gemeinsamen Sache des Vaterlandes zu Unrecht kränken, es gilt den Regierungen' zu sagen, daß sie einer Strömung jede Unterstützung verweigern müsse, die Recht und Gerechtigkeit, die Grundlagen jeder^ gesunden Staatsverfassung, untergräbt. Die deutschen Juden, unterstützt von allen rechtlich denkenden Christen, werden im Kampfe um ihr Recht niemals ermatten: und weil ihr Ziel identisch.ist mit den f Staatsinteressen, gehört ihnen der endliche Sieg^ (Lebhafter Beifall.) Im Anschluß an diesen Vortrag wurde folgende Resolution beantragt. die dann später auch einstimmige Annahme fand.' Die - Resolution lautet: „Der Verband der Deutschen Juden wiederholt hie Entschließungen; seiner ersten und zweiten Hauptversammlung und erhebt erneut dagegen Einspruch, daß die den deutschen Juden' verfassungsmäßig gewährleistete Gleichberechtigung in wesentlichen Punkten durch die Verwaltung in ihr Gegenteil verkehrt wird. So werden jüdische Beamte in den staatlichen Verwaltungen und an den Universitäten.' zurückgesetzt, werden Juden von der Stellung des Offiziers und' Reserveoffiziers ausgeschlossen, erfolgt durch Gewährung staatlicher/.. Vorteile eine Belohnung des Glaubenswechsels. ' .-;jf Ausländische Juden werden, nur weil sie Juden sindbei GeU Währung des Aufenthaltsrechts und der Naturalisation schlechter als ändere Ausländer gestellt. C Der Verband erwartet von allen rechtlich denkenden Mitbürgern. Unterstützung im Kampfe um das Recht, der zugleich Kampf ist für; das Gedeihen des deutschen Vaterlandes. Vor allem fordert der Verband die deutschen Juden selbst zu tatkräftiger Arbeit an der Beseitigung des Unrechts auf: zu voller Einmütigkeit und Disziplin in den Abwehrbestrebungen, zu energischer Betätigung im politischen Kampf für die Gleichberechtigung." Nach einer kurzen Erholungspause erhielt als dritter Redner Professor Goldstein-Darmstadt das Wort zu seinem beifällig aufgenommenen Vortrage „Das deutsche Geistesleben und die Juden". „Deutscher und jüdischer Geist sind innerlich verwandt, vor allem in ihrem philosophischen Triebe, in dem ständigen Ringen um eine Weltanschauung. Alle Vorwürfe, die dem jüdischen, sind auch dem deutschen Geiste gemacht worden, so der Mangel an Originalität, die Anpassungsfähigkeit. Historisch betrachtend, legte er die Wechselwirkungen zwischen Deutschen und Juden eingehend dar: Die Einwirkungen der Bibel, von Luthers Auftreten an, auf Kant, Herder. Goethe, die Durchtränkung der deutschen Philosophie der Hegel, Schelling, Fichte, Schleiermacher mit spinozeischem Geist. Er schilderte anderseits die Juden 'als Herolde großer Deutscher, Goethes,' Hebbels, Wagners, Schopenhauers. Damit widerlege sich der Vorwurf der mangelnden Ehrfurcht, der den Juden so gern gemacht wird. Wenn man sie destruktiv nenne, so sei das unwahr, keiner der Materialisten, wie Feuerbach, Büchner, Häckel sei Jude, wohl aber die Kantianer und Hegelianer an den deutschen Universitäten wie Steinthal und Lazarus waren." Nach diesen Vorträgen erfolgte sodann die Wahl von 21 Mitgliedern des Ausschusses, wie es die Verbandssatzungen (§§ 8 bis 12) vorschreiben. Gewählt wurden die Herren Sanitätsrat Dr. Apfel-Kpln, Geh. Regierungsrat Professor Dr. Aron-Berlin, Geheimrat Aronsohn-Bromberg, Justizrat Dr. Bl au-Frankfurt, Justizrat Brest au ep-Berlifl, Geh. Jnstihrat Cassel-Berlin, Landtagsabgeordneter Dr. Cohn-Dessau, Kommerzienrat Elb- Dresden, Rektor Fein er-Hamburg, Justizrat Dr. Eugen Fuchs- Berlin, Geh. Justizrat Dr. Geiger-Frankfurt, Bankier I. Goldschmidt -Posen, Stadtrat Hamburger-Karlsruhe, die Justizräte Dr. Horwitz und Mako wer-Berlin, Landgcrichtsrat Löwe« Berlin, Professor Dr. Philippson-Berlin, Justizrat Steinhardt- Danzig, Landgerichtsrat Wollstein - Breslaus, Dr. Abraham Hirsch-Halberstadt und Justizrat Berger-Königshütte. Die ersten 19 wurden wieder und die letzten beiden an Stelle der verstorbenen Mitglieder Kommerzienrat- Hirsch-Halberstadt und Rabbiner Dr. Vogel stein-Stettin neu in den Ausschuß gewählt. Namens derKassenprüfer berichtete Herr Justizrat Lev in-Stettin, daß die Kassen geprüft und alles in Ordnung gefunden worden sei, so daß er Decharge beantragt. Er bemerkte dabei, daß die Finanzen des Verbandes nicht gut stehen. Am 1. April 1910 betrug der Kassenbestand 9187 Mark, während er am 1. April d. Js. nur ea. 2000 Mark betrug. Die Versammlung erteilte anstandslos Descharge und wählte die Herren Justizrat Lev in-Stettin und Dr. Isidor Ginsberg > Berlin zu Kassenrevisoren. Da sich niemand zur Diskussion meldete, schloß Herr Justizrat Horwitz mit herzlichen Dankesworten an die Erschienenen die vierte Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden, nicht ohne daß rorher Justizrat Geiger-Frankfurt a. M. noch herzliche Worte der Anerkennung für den Vorsitzenden gefunden hatte. Abends fand ein Festmahl im Brüderverein statt, das die hiesige jüdische Gemeinde dem Verband gab. Dabei wurden Tischreden gehalten von Sanitätsrat Dr. Stern, Mitglied des Vorstandes der jüdischen Gemeinde, Justizrat Dr. Eugen Fuchs, Geheimen Justizrat Timendorfer, Geheimen Justizrat Cassel, Geheimen Regierungsrat Professor Dr. Ludwig Geiger, Geheimen Baurat Landsberg und Rabbiner Professor Dr. Guttmann- Breslau. Hugo Salus. Von Victor Klemperer. ugo Salus, der fruchtbare und anmutige Prager Dichter, dessen lyrische Betätigung sich nicht auf die Zeit seiner Jugend beschränkt, sondern auch heute noch, da er fast sechsundvierzig Jahre zählt, die ungezwungenste, sprudelnd ergiebigste ist — Hugo Salus schildert einmal derart das Ergebnis einer „Vorlesung": Das Zimmer war voll Dämmerdufts gewesen, Da hat der Dichter Verse vorgelesen. Nun schwieg er still. Der Greis sprach in das Schweigen: „Viel tiefer Sinn ist deinen Versen eigen." Da sprach die junge Frau: „Ich kann nichts sagen; Ich fühl' mein Herz in deinen Versen schlagen." Da sprach das Kind: „Wie deine Worte klingen! Ich hörte dich so gern noch weiter singen ..." Die schlichten Zeilen enthalten alle Forderungen, die an ein lyrisches Gedicht , zu stellen sind. Musik muß darin sein und Empfindung, es muß eine allgemeine Stimmung übermitteln — in diesem Fall ist der „Dämmerduft" des Zimmers während der Vorlesung spürbar, geworden —, es muß endlich auch einen „tiefen Sinn", einen Gedanken beherbergen. Dieses letzte „Muß" ist von der jüngsten Aesthetik oft und leidenschaftlich bestritten worden. Sie hat das Gedankliche aus der Lyrik geradezu verbannt, hat dem „Reflexionsdichter" den Ehrentitel des eigentlichen Lyrikers schlechthin bestritten. Die ältere Aesthetik sucht im lyrischen Gedicht Idee, Empfindung und Musik, die junge wirft die Idee hinaus und gesellt zu Klang und Gefühl die Stimmung, das heißt den Farbenton oder den Lufthauch, in den das ganze Darzüstellende, die Landschaft oder das körperliche oder das seelische. Begebnis oder das Ineinander all dieser Dinge eingebettet ist. (Natürlich

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