Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- Seite 533 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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533 Herz und eine offene Hand, und' wir alle haben-seit Mendelssohns Zeiten die feinste Blüte gewinnender und vornehmer Menschlichkeit gerade--bei Ihren Glaubensgenossen kennen zu lernen Gelegenheit gehabt. Ptoge die heutige Tagung Ihre Wünsche der Erfüllung näher führen, die Stadt Berlin, wünsche den Verhandlungen besten Erfolg. Hieraus sprach Stadtverordnetcn-Vorsteher Michelet: Namens der Stadtverordnetenversammlung entbiete er der Versammlung den herzlichsten Willkommensgruß. Es läge darin zugleich der Dank der Berliner Bürgerschaft für die treue Mitarbeit der jüdischen Mitbürger an der Hebung und Fortentwicklung des reichshauptstädtischen Gemeindelebens. Juden seien treue Mitarbeiter in fast allen Zweigen der städtischen Verwaltung, in allen Wohlfahrtseinrichtungen. Der Dank der Stadt Berlin gelte auch ferner jenen zahlreichen jüdischen Glaubensgenossen, die durch Schenkungen und Stiftungen ihr warmes Herz für die Stadt bekundet Habens Der stets bewährte humane Sinn der jüdischen Bevölkerung müsse und werde es bewirken, daß bei Behörden und Bürgerschaft der Unterschied der Konfessionen bald auf-, höre. Wir in der Berliner Stadtverordneten-Versammlung fühlen uns als Bürger eines Staates, die alle gleichberechtig sein sollen, und in Berlin sei es bereits so. Eine ansehnliche Zahl von Juden sei im Berliner Magistrat und in der Stadtverordneten-Versammlung für das Wohl der Reichshauptstadt tätig. Auch die Stadtverordneten begrüßten die Versammlung, und wenn sie außerdem noch einen Wunsch Hütten, so wäre es der, daß die Teilnehmer der Verbands' Versammlung nur die freundlichsten Erinnerungen von Berlin und den Berlinern in ihre Heimat nehmen möchten! Nachdem der Ver' sammlung die durch Herrn Stadtrat Bl oh m-Wilmersdorf übermittelten Wünsche seiner und der Vorortgemeinden zum Ausdruck gelangt waren, begrüßte Herr Justizrat Breslauer die Hauptversammlung namens der Berliner jüdischen Gemeinde und übermittelte noch besonders die Grüße und Wünsche des ehrwürdigen ersten Vorstehers der Gemeinde, des Herrn Jacoby, der wegen einer Indisposition leider der Versammlung nicht beiwohnen konnte. Niemand habe die Begründung des Verbandes vor sechs Jahren freudiger begrüßt als die Gemeinde Berlin. Wie das Dach der Gemeinde so groß sein muß, .daß jede Richtung innerhalb der deutschen Judenheit darunter Platz finde, so müßte auch im Verband jede Richtung vertreten sein. Der Verband hat in politischer Beziehung die Rechte der Juden wahrgenommen, sein Auge auf neu zu erlassende Gesetze und Verordnungen gerichtet, um zu verhüten, daß wir geschädigt werden. Niemals habe er für uns Vorrechte verlangt, sondern immer nur unser Recht, aber unser volles Recht. Und es ist besser geworden, wenn uns. auch noch vieles an der vollen Gleichberechtigung fehlt. Regierung wie Behörden erkennen schon heute den Verband als die berufene Vertretung der deutschen Juden an. Nachdem Herr Justizrat Horwitz den Rednern gedankt hatte, gab er einen kurzen Geschäftsbericht. Er gedachte zunächst der seit der letzten Verbandstagung verstorbenen verdienstvollen Mitglieder des Ausschusses, der Herren Oscar Berlin, Tr. H orowitz-Frankfurt a. M.. und Tr. Hirsch Hildesheimer, dessen frühzeitiger Tod für den Verband einen außerordentlich großen Verlust bedeute, da er als streng Gesetzestreüer in hervorragend versöhnender Weise gewirkt habe. Er gedachteferner der Herren Sally Flörsheim, Benjamin Hirsch-Halberstadt, Landtagsabgeordneter Langenbach und Rabbiner Dr. Vogelstein-Stettin als letzten, der ein „Erster" unter den Juden gewesen sei, Mitbegründer des Verbandes und Vorsitzender der apologetischen Abteilung usw>, der Seltenes geleistet habe. Zu Ehren der Verblichenen erhoben sich die Versammelten von ihren Sitzen. Ausgeschieden ist ferner Herr Justizrat Fried man N- Glogau, und neu eingetreten-sind 'Exzellenz Ehrlich - Frankfurt a, M., Dr. Abraham Hirsch-Halberstadt,-.Felix Struck, Justizrat Wre sch ner, Geheimrat Pieck, Dr. James Simon und Referendar Re gens b ürger, als Vertreter des Jugendverbandes. Die Korrespondenz^Kommission hat die sehr ersprießliche Aufgabe erfüllt, Material zu sammeln zu der Frage der Zurückweisung der Juden in den akademischen Beru fen. Das Material seivon Herrn Justizrat Breslauer bearbeitet- und die bezügliche Schrift werde demnächst zur Versendung gelangen.. Ferner sei man beschäftigt mit der Vorbereitung eines Werkes über die Apologetik des Judentums. Als Ergänzung zu diesem Werke sei die.Einrichtung eines apologetischen Archivs gedacht auf breitester Unterlage und wissenschaftlicher Basis. Leider gehören zu dem großen Werke auch große Mittel, die erst aufgebracht werden müssen. Der Jahresbericht berührt dann die ungünstige pekuniäre Lage des Verbandes, die zu einem Rundschreiben an die Gemeinden Anlaß gegeben hat, um Beitritt bzw. Erhöhung ihres Beitrages. Ferner sei das Korrespondenzblatt herausgegeben und die Einrichtungen der Korrespondenten so erweitert worden, daß jetzt ca. 140Korrespondenten für den Verband tätig.■? sind. Ebenso sei Material gesammelt worden zu der Frage der Ernennung, von Juden zu Reserve-Offizieren und zur Feststellung aktiver Offiziere jüdischer Abstammung. Offiziere jüdischen Glaubens könne man nicht sagen, solche gebe es ja nicht. In bezug auf die Reserve-Offiziere erstrecke sich die Statistik auch auf die getauften. Man wolle einmal feststellen, wie es kommt, daß der Staat die Treulosigkeit belohnt. Der Verband sei als Zentralstelle. von allen Juden anerkannt. Man habe sich daran gewöhnt, bei jedem Auftreten nach außen sich des Verbandes zu bedienen als der geordneten Vertretung aller deutschen Juden. Der Bericht bespricht sodann einige der wichtigsten Arbeitsgebiete, so die Schächtfrage, die Militärfrage (besonders eingehend), wobei der Versammlungen gedacht wird, die der Verband gemeinsam-mit dem Zentralverein in Berlin, Königsberg, Frankfurt a. M. und Breslau abgehalten habe. Auch die Tätigkeit auf dem Gebiete des Sonntagsruhegesetzes, die Frage der Berufung der Juden zum Schöffen- und Geschworenendienst, die russischen Paßscherereien für jüdische Reisende nach Rußland, die Frage des Aufenthaltsrechtes und der Naturalisation ausländischer Juden in Deutschland werden im Bericht eingehend, gewürdigt. Zum Schluß kam der Vorsitzende auf die vielfach geäußerten Wünsche betreffs einer Umgestaltung der inneren Struktur des Verbandes und der Einführung der allgemeinen Wahlen zum Verbandstage, und sprach der Königlichen Generalintendantur der Königlichen Schauspiele den Dank des Verbandes für die unentgeltliche Ueberlassung des Operntheaters aus. Hierauf nahm Rabbiner Dr. Baeck das Wort zu einem feinsinnigen, tiesdurchdachten und mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Das Judentum unter den Religionen". Er führte in der Hauptsache folgendes aus: Das Judentum sei seit alter Zeit als eine Minorität unter den Glaubensvölkern in einer Defensivstellung gewesen. Es kämpfe um das Recht jedes Menschen; „seinen" Glauben' haben zu dürfen, und sei deshalb mit Notwendigkeit tolerant. Das Judentum sei auch seinem innersten Wesen nach nicht orthodoxz das Judentum gebe keine endgültige Antwort aus die Frage von Welt und Leben, sondern erweise vielmehr jedem menschlichen Forschen und Streben feine Hochachtung. Das Judentum sei auch nicht kirchlich; vielmehr lege es jedem einzelnen die Freiheit und die Pflicht religiöser Selbständigleit auf. Schließlich sei das Judentum auch insofern nichtkonfessionell, als es für die Frömmigkeit in allen Bekenntnissen Verständnis und Anerkennung habe; es stelle so alles, was die Menschen verbindet, über das Trennende, und dürfe deshalb jede Sache des menschlichen Fortschritts als seine eigene betrachten. Sodann sprach der Landtagsabgeordnete Rechtsanwalt Dr. Cohn - Dessau über das Thema: „Der Staat und die Juden". Er führte aus: daß eine besondere „deutsche Judenpolitik" existiert, widerspricht eigentlich dem Geist der. Gesetze; es gibt aber eine solche Judenpolitik, weil die Regierung die verfassungsmäßige Gleichberechtigung sowohl der Religionsgemeinschaften wie der einzelnen Bekenner schmälert; dies zeigt sich in der in Preußen erfolgenden Vorenthaltung staatlicher Zuschüsse, wie sie an christliche Religionsgemeinschaften gewährt werden, in der besonderen und unfreundlichen Behandlung jüdischer Ausländer sowie in der Ablehnung und Zurücksetzung jüdischer Beamter. Die Regierung bekämpfe nicht die Rasse, sondern die Religion, weil dem getauften Juden alle Türen offen stehen. Der wahre Jude verachtet die Taufe, wenn sie aus äußeren Gründen und ohne innereUeberzeugnng erfolgt, als eine Lüge; er. glaube sein Recht innerhalb des deutschen Staates auch ohne eine so entwürdigende Handlung erworben zu haben durch die tausendjährige Treue, die er dem deutschen Boden und der deutschen Sprache, den mehr als hundert-