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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-10 · Heft 45 (10.11.1911) · p. Seite 532

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
Seite 532 (sequence 4)
Language
German
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532 Der Wahlparole der Regierung müssen. wir überall da, woman/die Stimmen der jüdischen Wähler sehr notwendig 'gebrauchen kann, unsere eigene Wahlparole entgegensetzen. Und diese muß lauten: „Gleichberechtigung!" In erster Reihe wird sür die übergroße Mehrheit unserer ' Glaubensgenossen' die.Unterstützung des Freisinns, der „Judenschütztruppe", in Betracht kommen. Ueberall, wo der Fortschritt sich neuerdings' organisatorisch geregt hat, ist das mit Hilfe unserer Glaubensgenossen geschehen. Haben einige auch mehr „mitgetatet" als „mitberatet", im Interesse des Vor? wärtsschreitens einer bürgerlich-freiheitlichen Bewegung / in Deutschland ist diese Anteilnahme freudig zu begrüßen. Und da der Fortschritt Progammatisch auch für unsere Gleichberechtigung eintritt, liegt die politische Betätigung nicht nur im allgemeinen, sondern auch in unserem besonderen Interesse- Und doch sollten unsere dem Fortschritt in freier Liebe 7 oder organisatorisch an gehörenden Glaubensgenossen niemals vergessen, auch wenn sie glauben, ein übriges zu tun, offiziell, möglichst in öffentlicher Versammlungden fortschrittlichen Kandidaten zu fragen, wie er sich zu unserer Wahlparole stellt, ob er neben der religiösen Freiheit auch die Politische Freiheit'der deutschen Juden an seinem Teile zu schützen und zu verteidigen bereit ist. Schließlich ist auch uns das Hemd näher als der Rock. Was schert' es uns z. B., ob Her Professor Eickhoff in Remscheid flottenfreundlicher ist, als man es hie und da in Fortschrittskreisen wünscht. Die Hauptsache ist, er ist allezeit bereit gewesen, vor dem Forum des Reichstages für unsere Gleichberechtigung einzutreten. Und auch der demokratisch organisierte Jude hat einfach die Pflicht, Professor Eickhoff zu wählen. Wo ein Vertreter der Linken nicht kandidiert oder im Ernst als Kandidat nicht in Betracht kommt, da werden unsere Glaubensgenossen zum mindesten verlangen können, daß der Bewerber um die jüdischen Stimmen klipp und klar erklärt, er werde keine gesetzgeberischen Maßnahmen unterstützen, die geeignet sind, das religiöse oder politische Interesse der Juden zu verletzen oder zu gefährden, wenn von kompetenter jüdischer Seite das Gesetz als gefährlich bezeichnet wird. Das gilt in .erster Linie gegenüber den Konservativen. Läßt sich kein Kandidat auf irgendwelche Erklärungen ein, dann mögen unsere Glaubensgenossen schön zu Hause bleiben. In erster Linie also das Interesse, liebe Glaubensgenossen, das der Selbsterhaltungstrieb erheischt. Irr zweiter Linie dürfen wir-aber auch nicht die Rücksichtnahme auf die allgemeine politische Lage vergessen. Wenn wir z. B. die Wahl zwischen einem uns wohlgesinnten Liberalen und einem Herrn vom Zentrum haben, ist nach meiner Ansicht unbedingt für den Liberalen einzutreten. Das Zentrum unterstützt die Reaktion, ist Förderin der Wahlparole der Negierung, geht gegenwärtig mit den'judenfeindlichen Gruppen Arm in Arm. Vielfach hat es auf eigene Kandidaten verzichtet, um der Reakti.on zum Siege zu verhelfen. Einige Herren der Liebermannschen Richtung sind von Zentrums Gnaden gewählt. Dessen müssen wir uns stets bewußt bleiben, daß auch wir das allergrößte Interesse daran haben, mit der jetzigen agrarisch-antisemitischen, sreihestsfeindlichen Mehrheit im Reichstage aufzuräumen. Kurzum. Unsere Wahlparole „Gleichberechtigung!" werden wir am besten befolgen, wenn wir nur Kandidaten wählen, die für unsere religiöse und politische Gleichberechtigung eintreten, ohne dabei sich den Blick für das .große G/rnze/trüben zu lassen. - ' v IV. Drlkgikrtentsg des Verbandes der Deutschen Juden. Berlin, 7. November'1911. ie .vierte Hauptversammlung des Verbandesder Deutschen Juden, zu der etwa 500 Delegierte aus allen Teilen des Reiches sich eingefunden hatten, wurde am Sonntag vormittag im Königl. Neuen Operntheater kurz nach -11^ Uhr durch den Vorsitzenden, des Verbandes, Herrn Justitzrat Dr. Horwitz, eröffnet und nahm in jeder Beziehung einen glänzenden Verlauf. Für das Bureau wurden als stellvertretender Vorsitzender Herr Justizrat Blau-Frankfurt a. M.. als Schriftführer die Herren Justizräte Callmann-Köln und Lilienthal-Berlin gewählt und die Herren Netter-Berlin, Louis Sachs-Berlin, Justizrat 'Breslauer-Berlin. Eduard Sa chs-Berlin, Justizrat Geig er-Frankfurt a. M., Justizrat O fn er-München, Justizrat Dr. H eld-Nürnberg,Stadtrat H o m b urge r- Karlsruhe, Bankdirektor Gold schmi dt» Posen und Hermann Gumpertz-Hamburg in das Bureau berufen. Unter lebhaften Zustimmungskundgebungen wurde sodann einstimmig beschlossen, an den Kaiser das folgende Telegramm abzusenden: Sr. Majestät dem, Kaiser! Ew. Majestät bringen an 500 Abgesandte jüdischer Gemeinden und Vereinigungen aus allen Teilen des Reiches, geeint im Verbände der Deutschen Juden, von dessen vierter Haupt- Versammlung ihre alleruntertänigste Huldigung dar und erneuern das Gelöbnis unwandelbarer Treue. Herr Justizrat Horwitz wies dannunterBetonung des imposanten überaus zahlreichen Besuches der Versammlung darauf hin, Paß der Verband der Deutschen Juden sich Eingang in die Herzen der ganzen Glaubensgemeinschaft verschafft habe. Alle deutschen Länder und alle preußischen Provinzen seien hier vertreten, das von dem inneren Zusammenhalten dbr deutschen Juden ein glänzendes Zeugnis ablege. Treue Staatsbürger wollen , wir sein und müssen als solche anerkannt werden. Neben den Herren Delegierten und den sonstigen Versammlungsteilnehmern begrüße er besonders die Vertreter von Behörden, leider nicht von Staatsbehörden, aber das Fehlen der letzteren werde hoffentlich die Wirkung der Versammlung nicht beeinträchtigen. Er begrüße vor allem Herrn Bürgermeister Dr. Re icke, den Vorsteher der Berliner Stadtverordneten-Versammlung, Herrn Michelet, den stellvertretenden Vorsitzenden Herr Gehr icke, und den Vertreter der Stadt Wilmersdorf, der zugleich im Namen der Vorortgemeinden Berlins erschienen sei. Diese Behörden und Kommunen verletzen nicht die Pflicht der Gleichberechtigung. Das müsse man hier aussprechen. Von lebhaftem Beifall begleitet, bestieg . sodann der Bürgermeister von Berlin Tr. Reicke das Rednerpodium. Namens des Magistrates der Reichshauptstadt Berlin, so etwa führte Herr Bürgermeister Dr. Reicke aus, und des Oberbürgermeisters, der leider verhindert sei und ihn als Vertreter gesandt hat, heiße er die Versammlung herzlich in der Reichshauptstadt willkommen/ Nach sechs Jahren sei die Versammlung wieder nach Berlin verlegt, auf einen Boden, der früher einmal sür die Juden ein heißer war. Jene Bewegung unseligen Angedenkens, welche die Allüren der Straße und fragwürdige Formen des Auftretens angenommen hatte, sei jetzt aus Berlin erfreulicherweise verschwunden. Sie hätte auch selbst in feineren Formen nicht von Dauer sein können. Was man auf dem Frankfurter Verbandstage als Wunsch ausgesprochen, hier inj Berlin sei es erfüllt, von einer Bedrängung des Glaubens sei in Berlin keine Spur zu finden. Die Gegensätzlichkeit, die hier vorhanden ist, sei anderer Art und bestehe nur in den Wünschen gegen den Staat. Als treue Söhne des Vaterlands dürften die Juden in ihren Rechten nicht verkümmert werden. Gewiß sei es richtig, ein Teil der Bürgerschaft habe andere Wünsche als die Juden. Aber das sei ja immer und überall.der Fall, und es komme immer nur darauf an, diese Gegensätze friedlich auszutragen. Die Stadt Berlin wisse die Verdienste der Juden wohl zu schätzen. In allen humanitären Werken hätte man sich niemals vergeblich an die sprichwörtlich gewordene Gebefreudigkeit der Juden gewandt. Für Kunst und Wissenschaft' zeigen., sie. ein empfängliches

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