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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-10 · Heft 45 (10.11.1911) · p. Seite 531

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
Seite 531 (sequence 3)
Language
German
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Aber diese Verhandlungen haben-noch kein Ergebnis gezeitigt. Wenn es wahr ist, daß-der Präsident der jüdischen Gemeinde in Rom ein derartiges Telegramm erhalten hat, wie die „Ag^ Stefani" behauptet, so kann es sich nur um das Werk eines Fälschers handeln. Kein Rabbiner, fügte der Konstantinopler Großrabbiner hinzu/würde eine solche Schändlichkeit begehen, selbst wenn' sein Leben bedroht wäre, da er wissen müßte, daß er nach unserem religiösen Gesetz mit dem Bann belegt werden würde. * Ueber eine Patriotische Kundgebung der Jaffaer ottomanischen Judenschaft berichtet die „Neue Jüdische Korrespondenz": Auf Veranlassung des Herrn S. D. Levontin, Direktors der Anglo-Palestine Company, fand in der hiesigen sephardischen Synagoge „Kehillath Jakob" am 15. Oktober d. I. ein Bittgottesdienst für das Wohlergehen des Sultans und den günstigen Ausgang des türkischitalienischen Krieges statt. Der Kommandant der Jaffaer Garnison, Jzzet Bey, der Kaimakam, die Mitglieder des Komitees „Einheit und Fortschritt" und die Spitzen der Jaffaer Gesellschaft wohnten ^der Veranstaltung bei. Chacham Simon hielt eine hebräische, Dr. Moyal eine arabische und Herr Abravaya eine türkische Ansprache. Ober« rabbiner Kuk richtete an die Versammelten den Appell, die vaterländischen Interessen auch durch Beisteuer zu den Kosten der Landesverteidigung zu fördern. Hierauf wurden in feierlicher Weise verschiedene Psalmen sowie spezielle Gebete für die Wohlfahrt des Heeres und aller Bürger des ottomanischen Reiches vorgetragen' Die Oeffnung der heiligen Lade vollzog der Kommandant der Garnison. Dieser sprach zum Schluß der jüdischen Gemeinde den Dank der Heeresverwaltung aus und hob die musterhafte vaterländische Gesinnung hervor, die die ottomanische Judenheit zu allen Zeiten bekundet hat. Er ermahnte die Angehörigen der verschiedenen Bekenntnisse zum gegenseitigen Einvernehmen und zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe in diesen bewegten Zeitläuften. * Vom Hilfsverein der Deutschen Juden geht uns die folgende Mitteilung zu: Einige Zeitungen brachten gestern die Meldung, daß der Konstantinopler Stadtteil Galata, wo ein großer Teil der armen jüdischen Bevölkerung wohnt, niedergebrannt sei. Nach Erkundigungen, die der Hilfsverein der Deutschen Juden — der in Galata auch eine große Schule unterhält — sofort in Konstantinopel eingezogen hat, ist die Nachricht von einer Brandkatastrophe in Galata unrichtig. * In Rußland sind leider, wie so häufig, Bedrückungen und Verfolgungen an der Tagesordnung. Gegen derartige Unmenschlichkeiten gäbe es nur ein Zusammengehen aller zivilisierten Staaten. Es wäre sehr schön, wenn die Mitteilung der „Neuen Jüdischen Korrespondenz" über einen Artikel Roosevelts wahr wäre und Nachfolge fände. Sie lautet: Großes Aufsehen erregt in hiesigen politischen Kreisen ein Artikel, den der gewesene Präsident der Vereinigten Staaten, Theodore Roosevelt, in Nr. 7 des „Outlook" vom 14. Oktober d. I. veröffentlicht. Bekanntlich weigert sich die russische Regierung trotz der klaren Bestimmungen des amerikanisch-russischen Handelsvertrags vom Jahre 1832 und trotz wiederholten nachdrücklichen Einspruchs der Vereinigten Staaten, die Pässe amerikanischer Juden, die zu Handelszwecken nach Rußland reisen wollen, zu visieren. Da alle Vorstellungen der amerikanischen Regierung nichts fruchten, wird in weiten Kreisen der Union der Gedanke propagiert, der Kongreß möge den Handelsvertrag mit Rußland kurzerhand abschaffen. Zu'diesem Zwecke hat sich ein nationales Bürgerkomitee gebildet, das eine^ großangelegte Agitation im ganzen Lande einleiten, Massenversammlungen veranstalten und Petitionen an den Kongreß in diesem Sinne richten will. Roosevelt hält nun auch seinerseits die Annullierung des amerikanisch-russischen Handelsvertrages, wenn Rußland bei seiner Weigerung verharren sollte, unvermeidlich. schlägt aber vor, ehe Amerika sich zu Vieser äußersten-Maßregel entschließe, die Entscheidung des Haager Schiedsgerichts über die sinngemäße Auslegung der betreffenden Klausel des Handelsvertrags anzurufen. Rußland vertritt nämlich den eigentümlichen - Standpunkt, daß der. Handelsvertrag ihm nicht die Verpflichtung, auferlegen könne, den amerikanischen Juden weitgehendere Rechte einzuräumen als seinen eigenen jüdischen Untertanen. Demgegenüber beruft sich Amerika auf den unzweideutigen Wortlaut des Vertrages, der eine solche Interpretation nicht zulaffe. Zur Schlichtung einer derartigen Streitfrage vorwiegend rechtlicher Natur ist nach Roosevelts Meinung der Haager Schiedsgerichtshof ganz besonders berufen. Sollte Rußland sich aber — fährt Roosevelt fort — der schiedsgerichtlichen Austragung widersetzen, so würde es eben dadurch vor aller Welt kundtun, daß der amerikanischen Regierung kein anderer Ausweg übrig bleibt als die Aufhebung ves Handelsvertrags. Dir Wahlparole der Negierung und die Milchen Wähler. Von Artur Schweriner. urch eine Rede des Reichskanzlers ist die Wahlparole, auf die man solange vergeblich gewartet hatte, bekanntgeworden. Mit dem Rufe „Schutz der nationalen Arbeit" sollen alle die Parteien in den Wahlkampf ziehen, die unser heutiges Regime in Preußen und Deutschland nicht gefährden wollen. Der 12. Januar liegt nicht mehr in weiter Ferne, und es ist höchste Zeit, daß sich auch die jüdischen Wähler darüber klar werden, wie sie sich zu dieser Wahlparole stellen. Man wird nach reiflichem Erwägen diese Parole sofort ablehnen können. So sehr man uns gerade in den der Regierung nahestehenden Kreisen unberechtigerweise angreist, weil wir unsere „nationale" Gesinnung so oft vermissen lassen, so sehr man das Schlagwort vom „Internationalen Juden- , tum" von der „goldenen Internationalen" uns entgegenschleudern zu müsien glaubt, so sehr lassen wir uns den klaren Sinn nicht trüben, daß ein kaufkräftiger Bauernstand, besonders in den kleineren Städten die Stütze des Erwerbes unserer Handels- und gewerbetreibenden Glaubensgenossenist. Eine gute und gesunde Wirtschaftspolitik wird von den Juden in Deutschland denn auch allseitig gefordert, und gefördert. Wenn die Parole in diesem Sinne ausgegeben wäre, wären die jüdischen Wähler mit fliegenden Fahnen in das Kampflager der Regierung geeilt. Aber die Parole heißt ja in Wirklichkeit nichts anderes, als: „Schutz der Politik des Bundes der Landwirte". Es besteht wohl nirgends ein. Zweifel darüber, daß der Grundzug der Politik des Bundes der Landwirte ein argrarisch antisemitischer ist. Man braucht nur die Namen Hahn und Kreth zu' nennen, und wir sehen den Antisemitismus in Reinkultur in den agrarischen Gefilden blühen. Diese führenden Herren lassen sich von keinem Antisemiten in ihrer Judenseindschast übertreffen. Was den Antisemitismus im Parlament vor seinem völligen Zusammenbruch heute noch bewahrt, ist die tatkräftige Unterstützung durch den Bund der Landwirte. „Ich lasse euch nicht wieder wählen!" rief Herr Hahn letztens wutschnaubend im Reichstag,, als - die Antisemiten es wagten, für Vertagung zu stimmen, ehe Herr Hahn das Wort ergriffen hatte. Ist es also eine Tatsache, daß der politische Antisemitismus auf Gnade und Ungnade dem Bund der Landwirte ausgeliefert ist, dann muß der uns geradezu ein selbstmörderisches Beginnen empfehlen, der unsere Hilfe im Wahlkamps für den Schutz des Bundes der Landwirte verlangt.

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