Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- Seite 530 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3229007--67917-3280161- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
530 Gute oder die sittliche Pflicht, selbst bei widerwilligen Empfindungen,, wie gegen den „Hasser"- „den Feind", ,-den Aegypter", „den Edomiter", getan werden soll. -Aus so breitester und fester Grundlage kann der Tempel einer allgemeinen Weltreligion sich aufbauen, einer einheitlichen Religion, von der in der Lehre Israels heißt: „Mein Haus ist' ein Bethaus für alle Völker". Darum rauscht das Pathos der lauteren Moral durch die erhabenen Reden Moses und seiner Nachfolger im Prophetenamte so kraftvoll und mit so hinreißender Macht, aus deren Betrachtungen und Belehrungen als Grundton der jüdischen Welt — und Lebensanschauung das große Moral und Religion umschließende Wort hervorklingt: „Es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist, und was der Ewige, dein Gott, von dir fordert: Recht zu tun, Liebe zu üben und demütig zu wandeln vor dem Ewigen deinem Gotte." In diesen Geist der reinen Moral und reinen Religion bezieht die Bibel, bezieht das Judentum die ganze Menschheit ein; und so wenig als Salomo in seinem herrlichen Tempelweihgebet Gott als von diesem jüdischen Tempel umschlossen sich dachte, sondern als den Wellengott, „den der Himmel und der Himmel Himmel nicht fassen können", so hat das Judentum die Religion nicht von dem Gesichtswinkel der jüdischen Nationalität aus, sondern von der Höhe des allgemeinen Menschentums aus betrachtet. Ganz im Geiste des ersten Stammvaters Israels, der bei Gründung seiner Familie dem einzigartigen Entwurf der Aufgaben für sich und seine Nachkommen aufgestellt: „Ein Segen zu werden für alle Völker der Erde" — ganz in diesem Geiste mahnt Moses sein Volk, die Lehre zu halten und den Völkern ein gutes Beispiel zu fein: „Denn das ist eure Weisheit Und eure Einsicht vor den Augen der Völker, die hören werden alle diese Gesetze". Ganz in diesem Geiste sprechen die Propheten: „So spricht Gott, der Ewige, der die Himmel geschaffen und die Erde ausgespannt: ich, der Ewige, habe dich berufen 'zürn Heile, ich fasse deine Hand, ich mache dich zum Bunde der Völker, zum Lichte der Nationen, blinde Augen zu öffnen, aus dem Kerker Gefangene zu führen und aus dem Hause der Hast, die in Finsternis wohnen.". Jesaja 42. „Dieses Volk habe ich mir gebildet, daß es meinen Namen verkünde." Jesaja 43, 21. „Alle Völker mögen sich versammeln, zumal Zusammenkommen sollen die Nationen .... Ihr seid meine Zeugen, daß ich der Ewige bin Und keiner außer mir." Jesaja 44, 45. „Und es wird sein in der Folge der Zeiten: gegründet wird stehen der Berg des Hauses des Ewigen an der Spitze der Berge/und über die Hügel erhaben, und zu ihm strömen Völker und sprechen: Aus! Laßt uns ziehen zum Berge des Ewigen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre von seinen Wegen, und wir wandeln in seinen Pfaden; denn von Zion geht die Lehre aus und des Ewigen Wort von Jerusalem. Dann wird er richten zwischen den Nationen bis in die Ferne hin, daß sie schmieden ihre Schwerter zu Sensen und ihre Speere zu WinzermeffeM: nicht hebt Volk gegen Volk das Schwert Und nicht lernen sie fürder den Krieg. Dann wohnt ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum und niemand schreckt." Micha 4, 1—4. „Und es wird sein, wie man euch für einen Fluch hielt unter den Völkern, also werde ich euch helfen, daß ihr ein Segen unter ihnen seid." Sacharja 8,13. »Und äuch von ihnen — den Heiden — werde ich zu Priestern- und Leviten nehmen, spricht der Ewige. Und es geschieht' je von Neumond zu Neumond, und je von Sabbat zu Sabbat' werden kommen alle Menschen anzubeten vor mir, spricht.der Ewige." (Jes. 66, 21, 23 Diese weitausschauenden jüdischen Ideen führen über die . Enge der jüdischen Nationalität in Weltweiten hinaus, alle und alles liebend umfassend, was ein Menschenantlitz trägt, alle einend und verbrüdernd im Geiste Gottes und in der Liebe der reinen und freien Religion zu einem unverbrüchlichen Bruderbund. (Schluß folgt.) Sie Mochr. Berlin, 7. November. 3n den letzten Tagen hat eine große Anzahl jüdischer Veranstaltungen und Feste stattgefunden, so daß es unmöglich ist, über alle Bericht zu erstatten. Freitag den 3.d.M. abends VsMhr der erste Winter-Abendgottesdienst in der Lindenstraße mit einer Predigt des Herrn Dr. Bergmann. Sonnabend vormittag, anläßlich des Verbandstages der Deutschen Juden, Festgottesdienst in der Neuen Synagoge mit einer Predigt des Herrn Dr. Warschauer. Nachmittags Vorstandssitzung der Vereinigung für das liberale Judentum, abends Vorversammlung des Verbandes der Deutschen Juden, an demselben Abend Einweihung des Jüdischen Studenten- und Jugendheims in Charlottenburg. Am Sonntag große Sitzung des Judentags, abends Festessen. Montag Zusammenkunft des liberalen Rabbinervereins, große Protestversammlung der deutschen Konferenzgemeinschast der Alliance und andere Versammlungen mehr privaten Charakters. Ueber den Judentag finden die Leser einen Bericht in dieser Nummer. Wenn auch nicht alle Zusammenkünfte in gleicher Weise berücksichtigt werden können, so seien sie hier alle genannt, um das frische Leben zu kennzeichnen, das im Judentum pulsiert. Es ist ein frisches, lebhaftes Drängen; möge aus solcher Bewegung Heil ersprießen. . Der italienisch-türkische Krieg wird immer lebhafter und gewaltiger. Die Zeitungsnachrichten ■ sind so widersprechend, daß man sich kein rechtes Bild gestalten kann. Immerhin scheint es, daß die Italiener in Tripolis hart bedrängt sind und der wohldisziplinierten türkisch-arabischen Macht werden weichen müssen, nachdem sie gehofft hatten, mühelos ein fremdes Land zu unterwerfen. Sehr merkwürdig muten in dieser Beziehung zwei widersprechende Nachrichten an. Von Rom aus wurde gemeldet: Rom, 28. Oktober. Gegenüber den in israelitischen Kreisen verbreiteten Gerüchten, die für das Schicksal der Juden in Tripolis und Cyrenaika fürchten ließ, hat der Großrabbi von Tripolis an den Vorsitzenden der israelitischen Gemeinde in Rom eine Depesche gerichtet, in der er seine Freude über die italienische Besetzung ausspricht und darum bittet/ die falschen Gerüchte zu dementieren sowie der italienischen Negierung die Ergebenheit der tripolitanischen Juden auszudrücken, die den Triumph der italienischen Sache ersehnten. Daraus erfolgte nachstehende Berichtigung: Die Preßabteilung des 'Zionistischen Zentralbureaus in Berlin teilt mit: Die von der „Ag. Stefani" gebrachte Mitteilung, daß der Groß-Rabbiner von Tripolis nach Rom telegraphiert habe, er begrüße die Okkupation durch die Italiener, beruht auf freier Erfindung. Nach absolut zuverlässigen Informationen hat der Groß- Rabbiner der Türkei, Haim Nahum in Konstantinopel, erklärt, daß die Meldung schon deshalb völlig unzutreffend sei, weil es weder in Tripolis noch in Benghasi einen Groß-Rabbiner gibt. Diese Posten sind seit langer Zeit unbesetzt. Es fanden in der letzten Zeit Verhandlungen zwischen den jüdischen Gemeinden dieser beiden Städte und dem Großrabbinat über die Besetzung beider Rabbinate statt.