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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-03 · Heft 44 (3.11.1911) · p. Seite 527

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 44 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
Seite 527 (sequence 11)
Language
German
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527 Da mit einem Male kam Liweitzers Brief an. Läjtinant Flesch war vor Freude fast außer sich. Er mußte sich Gewalt antun, um seine gewohnte Würde zu bewahren.. Als er dann wieder kaltes Blut gewonnen hatte, begab er sich zu Eschkeles. Auf der Gasse blickte er aus solche Art um sich, als ob Preußen seine gesamte Kultur eingepackt und mittels Post direkt " an ihn, .Herrn Flefch, als Frankosendung/übgeschickt hätte. " „Nün, was habe ich gesagt," frohlockte er, als er zu Echkeles in das Bureau trat, „hier ist das Memoire. Das ist ein Freund. In der ganzen Welt gibt es keinen solchen Menschen mehr.. Wissen Sie, was ex mir schreibt? Er schreibt, daß er das Examen abgelegt hat. Der Bäcker wird bersten. Kleinigkeit: In Berlin die Moräne zu erwerben! Was, Herr Eschkeles?" Eschkeles blieb die Antwort schuldig. Mit bleichem Gesicht lehnte er sich in den Armstuhl zurück, und seine Hand zitterte, als er nach Liweitzers Schreiben griff. Eschkeles las den Brief, er las ihn zweimal, er las ihn dreimal, und bald verstand er den Anfang nicht, und bald verstand er das/Ende nicht. Sein Sinn war anderswo, in dem weißen MMchenzimmer, wo Esterchen langsam und klaglos dahinsiechte-.-^Er wußte, daß dieses Schreiben sie zu neuem Leben erwecken würde. Als er sich in Gedanken die Wirkung des Briefes ausmalte, erheiterte sich allmählich sein Angesicht. „Das hat der liebe Gott geschickt", sagte er leise vor sich hin. Eschkeles erhob sich. »Ich gehe, Herr Flefch,"- sagte er mit strahlendem'Gesicht. „Ich bringe den Brief zu Esterchen." °' Lajtinant Flefch Wollte nichts davon wissen. v”"’”' „Aber lieber Herr Flefch", sagte Eschkeles ungeduldig, „seit Monaten erwarte ich diesen Brief, habe meine Hoffnung auf ihn gesetzt, nicht um meinetwillen, sondern wegen meiner Tochter. Also ist es doch natürlich, daß ich ihr ihn bringe." „Sie irren, Herr Eschkeles. Daß sie von dem Briefe Kenntnis erhält, ist natürlich, aber daß Sie ihr die gute Nachricht bringen sollen, das ist nicht natürlich. Ich bin der einzige Mann, der zu dieser heiklen Mission berufen ist. Demzufolge proponiere ich, geruhen Sie, den rührenden Komplex Ihrer väterlichen Pflichten betreffs der Uebergabe des Brieses auf mich zu übertragen." „Meinetwegen, Herr Flefch," gab er seine Einwilligung, „unterdessen suche ich das Testament in eines gottseligen Vaters heraus, denn jetzt, wo wir Liweitzers Aufenthaltsort kennen, wollen wir nicht länger säumen. Noch heute sende ich das Geld an ihn, vielleicht benötigt er es auch." „Darüber werden wir noch sprechen, Herr Eschkeles. Diesbezüglich hätte ich auch eine Proposition. Wenn ich meine Sache bei Fraulein Esterchen erledigt habe, werde ich so frei sein, Ihnen meinen Antrag achtungsvoll zu unterbreiten." Damit verließ er das Bureau. Er ging geradeswegs zu Frau Eschkeles, denn er wollte, daß bei der feierlichen Szene auch die Mutter zugegen sei, und es handelte sich ihm auch darum, einen Zeugen zu haben, der Eschkeles und anderen Leuten erzählen könne, mit welcher Bravour Lajtinant Flefch die heikle Mission ausgeführt' habe, zu welcher ernste Ueberlegung, feines Taktgefühl, tiefe Philologie und rednerische Vortragsfähigkeit erforderlich ist. „Bitte kommen Sie," sagte er nach der Begrüßung, „wenn Sie etwas Schönes sehen wollen." Fleschs feierliches Gesicht versprach etwas Interessantes, etwas Außerordentliches, daher folgte ihm Frau Eschkeles. Flesch ging aus Esterchens Zimmer zu. „Was gibt es denn?" fragte bei der Tür angelangt Frau Eschkeles mit brennender Neugierde. Flesch machte ein marmorhartes, undurchdringliches Gesicht; er war in diesem Moment geheimnisvoll wie eine Sphinx. Er schüttelte bloß verneinend den Kopf, dann öffnete er die Tür und trat nach Frau Eschkeles hinein. Esterchen saß am Fenster mit einer Handarbeit im Schoß, doch sie arbeitete nicht und ihre Gedanken mochten in weiter Ferne schweifen, denn sie bemerkte die Eintretenden erst, nachdem Flesch zweimal gegrüßt hatte. Der unerwartete Besuch überraschte sie nicht besonders, sie heftete nur wortlos ihren traurigen Blick auf die Ankömmlinge. Flesch pflanzte sich in würdevoller Pose vor Esterchen aus. „Fräulein," begann er, „mein Besuch dürfte Sie mit Recht überraschen, und ich kann nicht leugnen, daß ich nicht bloß deshalb gekommen bin, um Sie zu begrüßen oder mich nach Ihrer kostbaren Gesundheit zu erkundigen. Mein Kommen, Fräulein, hat einen aus Ihre ganze Zukunft hinauswirkenden Zweck. Fräulein, Sie leben jetzt historische Momente, gleich Napoleon, als er an der Wiege des Königs von Rom stand. Fräulein, Sie stehen jetzt vor einer Wiege. Das Wickelkind, welches drinnen liegt, ist Ihr Schicksal." Esterchen erhob sich. Sie stützte sich auf ihr Arbeitstischchen, als sie mit leisem Stammeln sagte: „Herr Flesch, ich verstehe Sie nicht." Flesch lächelte selbstzufrieden. „Es gibt, Fräulein, Situationen, wo die voraussehende Weisheit den Sinn eiusargt; ja, Fräulein, einsargt, das ist der richtige Ausdruck." Esterchen blickte auf ihre Mutter. Herr Flesch fuhr fort: - „Dann gibt es Momente, wo der Sarg sich öffnet und ihm, gleich einem Spukgeiste,. der Sinn entsteigt. Fräulein, auch in Ihrem Leben gibt es Gespenster, Tote, Me, nicht ganz gestorben sind. Fräulein, in Ihrem eigenen Interesse ersuche ich Sie, bitte setzen Sie sich." Esterchen bebte vor Aufregung. „Was wollen Sie, Herr Flesch?" fragte sie mit erwachendem Angstgefühl. „Fräulein, ich gebe Ihnen die Versicherung, daß Sie keinerlei Ursachen haben, betroffen zu sein." „Herr Flesch!" „Nur ruhig, Fräulein. Die Nachricht ist zweifellos rührend, aber..." „Welche Nachricht?" brach es aus Esterchen verzweifelt hervor. „Schöner als Ihr Herz spricht, Fräulein, kann selbst ich nicht reden. So ift's, Fräulein, die Nachricht spricht von jenem Manne, dem Sie Ihr Herz geweiht haben." Esterchen stöhnte wie ein verwundetes Vögelchen. „Erschrecken Sie nicht, Fräulein," ermunterte sie jetzt Flesch, der mit einer geschickten Redewendung dem Schluffe seiner Mission zustrebte. Esterchen rang die Hände. „Mutter! Herr Flesch! So. redet doch! Um Gotteswillen redet doch, was ist geschehen?" Herr Flesch griff in die Tasche und ließ jene gewisse rednerische Wendung vom Stapel:

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