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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-03 · Heft 44 (3.11.1911) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 44 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
Seite 526 (sequence 10)
Language
German
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Meisters, dem Wassermann eine selbständig sortwirkende Anregung zu danken hat: Kleists Chronikenstil hat ganz offensichtlich stark aus ihn gewirkt. Die Bedeutung dieses Buches liegt in der Gegenwärtigkeit einer längst versunkenen Zeit, bei fast völligem "Verzicht auf historischen Apparat. - „Kaspar Hauser oder die Trägheit des Herzens." Wieder ein neues, noch unbekanntes Element aus der schaffenden Seele des Dichters; ein ans Verborgenste streifender Versuch. Eines Tages wird in Nürnberg ein Mensch jugendlichen Alters auf der Straße gefunden, der weder reden noch sich sonstwie verständigen kann und in furchtbarem Schrecken 'vor seinem Schatten zusammenfährt. Der große Kriminalist Feuerbach interessiert sich für den seltsamen Menschen und weiß festzustellen, daß er, der Kaspar Hauser genannt wird, bis zu seiner Auffindung in einer Höhle unter der Erde gefangen gehalten wurde. Nun erfolgt die Ausbildung des jungen Mannes, und zu aller Freude entwickelt er sich zu einem vornehmen Menschen von seltsam-aristokratischen Allürey. Nur scheint ein Liebesleben, eine seelische Hingabe ihm versagt zw sein. Auch die Menschen achten und schätzen ihn, aber sie lieben ihn nicht. Nur Feuerbach liebt ihn und fördert höchst verdächtige Resultate über seine vermutliche Herkunft zutage. An maßgebender Stelle hört man davon, Spione umlauern Kaspar — man rührt sich wenig für ihn. Eine flammende Broschüre Feuerbachs beweist — daß dieser plötzlich, sehr Plötzlich stirbt, und sein Schützling auf offener Straße erdolcht wird. Niemand außer dem einen fand sich, der sich für sein Recht erwärmen wollte, trotzdem doch ein ganzes Volk, hätte aufstehen müssen:! Denn er war eines Fürsten Kind! Das Interessanteste an diesem Buche ist die allmähliche Teilnahme Kaspars an menschlichem Gebaren und menschlichen Begriffen. Auch hier vermag Wassermann neue Tiefen im Seelenleben entdeckend zu beleuchten. Außerdem bewies er hier aber, was. er einfach technisch-macherisch kann: er hat nämlich mit „Kaspar Hauser" einen meisterhaft gebauten, fast allzusehr „spannenden" Roman geschrieben! Wir kommen zum letzten, soeben erst erschienenen Werke Wassermanns, dem Romane „Die Masken Erwin Reiners" Ein Werk, das im Gegensätze zu dem vorigen auf die Wirkungen einer erregten Handlung fast völlig verzichtet. Es ist der stille, intensive Kampf eines genialen Genießers von großem Reichtum um die Braut eines fernweilenden Freundes, die von keuschester Unschuld ist. Das klingt wie das Schema zu einem Hintertreppenroman; das Große ist aber gerade, was Wassermann aus dieser trivialen Fabel gemacht hat. Ohne durch Glanz des Stiles wirken zu wollen — wieder hat ihn Kleistische Einfachheit erzogen — setzt er alles auf die psycho-, logische Entwicklung. Erwin Reiners edelstes Uebermenschentum, das sein höchstes Ziel in stilgemäßem Ausbau des eigenen Ich sieht, bricht sich an der ungeheuren, ehrlichen Keuschheit des Mädchens, die sich nur einmal geben kann und eine Untreue an sich selbst als ihren Untergang empfinden müßte. Unmöglich iM, all die intimen Schönheiten des Werkes hier auch nur anzudeuten; hat es doch Wassermann verstanden, eine an sich recht bedenkliche Ueberraschungsszene im Evakostüm so fern von allem Pikanten, so tief seelisch zu gestalten, daß sie einem so leicht nicht wieder aus dem Erleben schwinden kann. Meines Erachtens bedeutet dieses Werk den bisher höchsten Punkt in der fast stetig steigenden Entwicklungslinie'Wassermanns. Der fast gänzliche Verzicht auf schmückendes Beiwerk,' der große Kampf zwischen zwei oder vielleicht drei Personen ganz aufs seelische gestellt: man spricht vielleicht wirklich'kein ' Sakrileg aus,' wenn man vergleichsweise an die Wahlverwandtschaften zu erinnern wagt. ' Wir überblickten kürz das Gesamtwerk des Dichters. Achtunddreißig Jahre ist er heute. alt. Wie viele neben ihm können von sich behaupten, in diesem Alter noch kein Anzeichen sinkender Kraft gegeben zu haben, wieviel von den Schriftstellern des heutigen Deutschland? Heinrich Mann..und Beer-Hofmann, George vielleicht und Thomas Mann,^ vielleicht auch noch Richard Dehmel und Mombert. Es ist ja traurig zu sagen, aber es ist so; wieviele unserer Schriftsteller lockt denn im Schwabenalter noch ein neuer Tag zn neuen Ufern? Wassermann gehört zu den ganz wenigen, von denen nach allem bisherigen noch Neues und Gewaltiges zu erwarten steht. Dem deutschen Schrifttums wird er gewiß noch viel Gutes schenken. Könnte er sich entschließen, als gereifter Mann und vollendeter Künstler endlich an das Problem des. deutschen Judentums gestaltend heranzugehen — wir deutschen Juden würden es ihm ganz gewiß zu danken wissen. Leim Lsmpchew Roman von Peter UjvLri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa Trericssni. XXXIX. i^^eitdem Esterchen von der langwierigen Krankheit genesen, hatte Eschkeles keinen anderen Wunsch, als aus die Wangen des jungen Mädchens die frische Röte zurückzuzaubern. Jetzt wollte er nichts anderes, als Esterchen glücklich sehen, und er wußte nur zu gut, daß es nur einen Menschen in der Welt gebe, der seinem Kinde das Glück zu geben vermöchte. Das Erwarten eines Brieses von Liweitzer schuf zwischen Eschkeles und Flesch ein vertrauliches Verhältnis. In der Phantasie hatte sich Eschkeles angewöhnt, Liweitzer als zu seiner Familie gehörig zu betrachten, und er war Flesch für die Liebe dankbar, welche dieser Liweitzer gegenüber bekundete. So blieb es denn für Flesch nicht mehr verborgen, weshalb Eschkeles so sehnsuchtsvoll Liweitzers Brief erwartete. So oft sie zusammenkamen, sprachen sie nur immer von Liweitzer, und im Eifer des Gesprächs enthüllte ihm Eschkeles seine Pläne. „Ich werde ihn zu mir nehmen, Herr Flesch. In ein bis zwei Jahren wird aus ihm ein Kaufmann werden, wie es keinen zweiten gibt." Flesch gefiel diese Absicht nicht, „Und die Kultur, Herr Eschkeles? Was wird die Kultur dazu sagen? Mein Freund Liweitzer ist nicht dazu da, um Wolle einzukaufen. Ich denke anders, Herr Eschkeles. Ich denke, Herr Eschkeles, daß Sie ihm sünfzigtausend Gulden geben, ihn als stillen Kompagnon in das Geschäft nehmen, damit er ein schönes Einkommen hat und dann ungestört seinem Studium leben kann." Eschkeles stimmte bei. „Und dann", fuhr Flesch fort, „wählen wir ihn in die Repräsentanz und nach fünf Jahren können wir ihn zum Räoschekol machen." Was für eine andere Welt dann hier sein werde. Liweitzer wird die Berliner Kultur mitbripgen und, wie er ihn kennt, ist es sicher, daß er sein Licht nicht unter den 7 Scheffel stellen wird.

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