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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-03 · Heft 44 (3.11.1911) · p. Seite 525

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 44 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
Seite 525 (sequence 9)
Language
German
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525 Meine Beziehungen zu dem Meister waren freilich noch nicht ganz zu Ende. Im Oktober 1880 verlobte ich mich und schickte auch an Liszt eine Anzeige. Als Antwort erhielt ich ein schönes Bild Liszts mit seiner eigenhändigen Unterschrift für meine Braut nebst folgenden Zeilen: „Ihre Verlobung in freundlichster Gesinnung begleitend, verbleibt Ihnen stets verehrungsvoll ergeben F. Liszt." Meine Hochzeitsreise führte mich im April 1881 nach Weimar. Ich hatte unterdessen die mir zur Veröffentlichung zugewiesenen Briefe Goethes an Heinrich Meyer abgeschrieben und überreichte dem Großherzog eine für ihn veranstaltete Abschrift. Er war gegen mich sehr liebenswürdig, ungemein huldvoll gegen meine Frau, die er an seinem Arm selbst in seinen Privatgemächern herumführte. Wiederum riet er an, Liszt zu besuchen. Wir taten es. Durch seinen alten Diener, von dem schon oben die Rede war, ließ Liszt von den Töpfen, die in seinem Zimmer standen, Blumen abschneiden und überreichte -den kleinen Strauß meiner Frau. Wir kamen in ein angeregtes, ziemlich allgemeines Gespräch, an dessen Einzelheiten ich mich nicht mehr erinnere. Im Verlaufe der Unterhaltung erwähnte er, daß er vielleicht nach Berlin kommen würde. Ich gab meiner Freude darüber Ausdruck und fragte, nichts ahnend, daß er einige Zeit vorher von der Berliner- Kritik übel behandelt worden war, ob wir vielleicht die Freude haben würden, ihn öffentlich zu hören. Da brauste er aus: „Der alte Pudel soll aufspielen" und rannte im Zimmer herum wie ein gereizter Löwe. Aber er bereute bald diesen Ausbruch heftigen Temperaments, der nicht gegen mich, sondern gegen die Berliner gerichtet war, und wir schieden freundlich. Ich hege die Erinnerung an ihn als an einen bedeutenden Menschen, der mir in seiner kraftvollen Eigenart als ein Individuum erschien, und das ist schließlich das Höchste. Am 31. Juli 1886 ist Liszt gestorben. Bald nach seinem Tode wurden die von ihm bewohnten Räume der Hofgärtnerei mit Beibehaltung der Möbel und Kunstschätze, die dort vorhanden gewesen waren, und mit Hinzusügung von manchem Ueberflüssigen zu einem Lisztmuseum eingerichtet. So oft ich auch seitdem in Weimar war, ich unterließ es stets, das Museum zu besuchen. Erst vor wenigen Jahren suchte ich in Begleitung meiner Frau die Räume auf. Die alte Köchin, die Kustodin des Museums: war, freute sich sichtlich, als ich erwähnte, in diesen Räumen einmal gespeist zu haben und sie versicherte, daß diese Speisen ihrer kunstreichen Hand ihre Entstehung verdankt hatten. Aber auch die Selbstgefälligkeit der alten Dame und die Zusammenstoppelung mancher Gegenstände, die die Einfachheit der schlichten Räume störten, konnten in mir die weihevolle Erinnerung an den bedeutenden Menschen nicht trüben, der hier so lange geweilt. Großes geschaffen und Edles erstrebt hatte. Isrob Wsltermsntt. Von Dr. Victor Goldschmidt. (Schluß.) d) habe dieses Buch hier so ausführlich behandelt, weil es, von der Leistung als solcher ganz'abgesehen, eine Hoffnung für alle die war, die seit langen Jahren einen großen jüdischen Dichter deutscher Sprache und Kultur erwarteten, der das Problem des deutschen Judentums in ein großes Kunstwerk zwänge. Leider ist. Wassermann der ersehnte Literaturmessias nicht geworden. Er ging, ohne je ganz die Probleme seiner Jugend zu vergessen, andere Wege, die ihn hinaufführten zu einer wunderbaren künstlerischen Vollendung; ihrer wollen wir uns freuenwenn uns auch, vorläufig, eine Hoffnung verloren ging, und in Kürze diese Entwicklung betrachten. Seinen ersten großen Erfolg in weiten Kreisen errang der Dichter durch seine „Renate Fuchs". Sie ist das weibliche Gegenstück zu Agathon Geyer. Hier ist alles schon klarer und fester gefügt. „Das Weib hat eine Asbestseele" — dies dürfte - das Leitmotiv des Buches sein. Renate ist die Tochter eines reichen getauften Juden; alle und jede äußeren Beziehungen zum Judentum fehlen ihr. Aber ih r ganzes Denken und Tun .hat etwas monumental-biblisches. Rein bleibt sie, will sie vor allem bleiben; ihre Seele muß so schön sein, wie ihr herrlicher . Körper. So geht sie unberührt durch tiefste Tiefen, immer dieselbe und dasselbe suchend. Schließlich findet sie den sterbenden Agathon Geyer, und in ihm glaubt sie die Erfüllung zu sehen. In der Nacht vor seinem Tode gibt sie sich ihm hin und empfängt „den Sohn der Zukunft". Hier zeigt sich Wassermanns reiches Künstlertum am schönsten. Eine große Fülle scharf umrissener Charaktere wird uns geschenkt. Der Stil hat etwas schwellendes und fein tastendes zugleich; leise klingen Saiten der Seele an, von denen wir bisher kaum etwas ahnten. Hier ist der wahre Roman der neuen Frau, hier und nicht in den verworrentendenziösen Büchern der Janitschek und all der anderen! Bleibt Renate rein trotz aller Gefährdungen, so geht es ihrem männlichen Gegenstück, dem jungen Arnold Ansorge im „Moloch", gerade umgekehrt. Auch ihm ward eine reine, unverfälschte Seele gegeben; „ein brennendes Recht floß durch sein Herz", fast wie durchs Herz des Florian Geyer. Er kann nicht fassen, daß die Menschen leben können mit einem ungesühnten Unrecht vor Augen. Er lebte ruhig auf seinem Gute in Podolin; da wurde dort einem jüdischen Hausierer seine Tochter von Nonnen entführt, um getauft zu werden, und auch den verzweifeltsten Anstrengungen des Mannes gelingt es nicht, das Kind wieder zu bekommen. Arnold meint, die Welt müsse sich zur Sühnung dieses Unrechtes zusammentun, und geht nach Wien, um dort für die Mißhandelten zu wirken — und langsam schläft hier sein Willen ein. Der „Moloch", die große Stadt, das unechte, unethische, frißt seine edlen Regungen wie so vieles andere, und schließlich bringt er nur mehr die sittliche Kraft zum Selbstmord auf. Hier macht sich bereits im Stile eine gewisse Vereinfachung geltenddie nach herimmer geradliniger und mächtiger wird. Eine gewiffe Schulung an Flaubert und Bourget zugleich ist nicht zu verkennen — Schulung, aber niemals Anlehnung. Im Gegenteil: je älter Wassermann wird, desto schärfer wird sein Profil, desto kristallklarer seine Eigenart. Ich muß es mir leider versagen, auf die Novellen Wassermanns (Die Schwestern, Hilperich, Der nie geküßte Mund) einzugehen. Besonders „Die Schwestern" sind ganz wundervoll in ihrer psychologischen Darstellung, man möchte sagen: seelischer. Entblößung dreier seltsamer Frauen verschiedener Zeiten. Hier wird es noch deutlicher wie bei Renate Fuchs, welchen Tiefblick für die Seele der Frau der Dichter hat. Ich komme zu den drei letzten" Romanen Wassermanns, die.zugleich auch den Höhepunkt seiner Kunst darstellen. „Alexander in Babylon" — eine der geschichtlichen Ueberlieferung fast ganz treue Darstellung des letzten Lebensjahres des' Eroberers. Welche Belebung des Toten, welche ganz unerhörte Lebendigkeit! So hat Conrad Ferdinand Meyer- . . so Flaubert Vergangenes heraüfzuzaubern gewußt! Auch hier ist der Stil eines anderen

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