Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- Seite 519 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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wüßten die Praktikanten von Anstatt zu Anstatt laufen, bis sie schließlich Aufnahme finden. Der Reichskanzler betone am Schluß seiner Antwort, daß es sich hier um ein konfessionell neutrales Gebiet der ärztlichen Ausbildung handle. Dr. Wiesenthal akzeptiert diesen Satz mit Genugtuung, wirft im Anschluß daran aber die Frage auf, wie es denn aus dem Gebiet des Äerztewesens im preußischen Staate mit der konfessionellen Neutralität bestellt sei. Sowohl bei der Kaiser-Wilhelrn- Akademie für militärärztliches Bildungswesen als bei zahlreichen Universitätskliniken finden Juden überhaupt keinen Zulaß. Es gäbe auch keine jüdischen ordentlichen Professoren der Medizin; jüdische Aerzte würden auch nur sehr selten als 'Kreisärzte angestellt, und in dem großen Sanitäts-Offizier- 'korps gäbe es überhaupt keinen aktiven jüdischen Offizier. So ffieht das konfessionell neutrale Gebiet für die deutschen Aerzte jüdischen Glaubens aus. Es fragt sich, wie lange ein derartiger Zustand noch andauern soll. Was heute dem jüdischen Praktikanten passiert, kann morgen dem Praktikanten passieren, «der auf Jatho schwört oder der Stöcker-Richtung folgt. .Katholiken werden die protestantischen Praktikanten abweisen, und so geht es weiter. Die deutsche Aerzteschaft hat bereits gesprochen, und nun muß der Reichstag und der Vundesrat, der die Prüfungsordnung geschaffen hat, sich mit dieser Angelegenheit befassen. Es muß in die Prüfungsordnung die Bestimmung ausgenommen werden, wonach eine Ablehnung mit Gründen versehen sein muß, und wonach konfessionelle Gründe, abgesehen von konfessionellen Anstalten, nicht zur Ablehnung führen dürfen. — Vorsitzender Geheimer Sanitätsrat Stötter: Für uns als Kammer ist der Instanzenweg mit ider Antwort des Reichskanzlers erschöpft, die übrigen Beschwerden des Sanitätsrats Dr. Wiesenthal können wir heute -nur zur Kenntnis nehmen. („Berl. Tagebl.") * Am 5. November findet in Berlin der Judentag statt. Wir .wünschen dem Verband der Deutschen Juden, daß sich diese neue Versammlung würdig den vorhergehenden Vereinigungen, besonders denen zu Frankfurt und Breslau anschließt. Unmittelbar vor dem Zusammentreten des Verbandstags hat der Verband die Nr. 10 des „Korrefpondenzblattes" herapsgegeben, worin über „Ausgabe und Gestattung des apologetischen Archivs" berichtet und ferner ein Korrespondenzbericht für das Jahr 1910/11 mitgeteilt wird. Aus dem .letzteren sei erwähnt, daß der Verband gegen den Antisemitismus in den Schulen, im Heer, auf dem Gebiet der 'Rechtspflege tätig war und in manchem schöne Resultate zu verzeichnen hat. Folgende sehr wichtige Bemerkung sei hier wörtlich abgedruckt. Sie lautet: Es sei an dieser Stelle eingeschaltet, daß die vorliegenden Berichte auch eine gewisse Zahl von Juden in Stellen unterer Gerichts» beamten, wie Sekretäre, Gerichtsvollzieher, Aktuare, erwähnen; auch an anderen jüdischen Subalternbeamten fehlt es nicht. Es gibt Magazinverwalter, Steuereinnehmer, Stationsvorsteher jüdischen Glaubens, und das ewig wiederholte Vorurteil, als ob unsere -Glaubensgenossen irgendeine Art ehrenvoller Arbeit bei mäßigem «Einkommen, wie es doch das Gehalt dieser Beamtenkategorien darstellt, scheuen, findet fich auch hier widerlegt. Der Verband wird demnächst in eine.nähere Prüfung dieser Verhältnisse eintreten. Nachdem der Bericht dann über die Haltung der Kommunen, den Juden gegenüber und über die gesellschaftliche Lage der Juden kurz referiert hat, schließt er mit folgenden beherzigenswerten Worten: Es bleibt die Aufgabe jedes deutschen Jüden, diesem Vorurteil entgegenzuwirken durch sein gesamtes Verhalten, durch bereitwillige und gewissenhafte Erfüllung seiner Pflichten gegen die Allgemeinheit, gegen das Staatsweseü, äh er äüch durch ein mannhaftes Eintreten für seine staatsbürgerlichen Rechte. Durch Aufklärung über das wahre Wesen des Judentums diesem Vorurteil den Boden zu entziehen, seiner die berechtigten Interessen der deutschen Judenheit schädigenden Betätigung eutgegenzutreten durch wachsame sächliche' Vertretung dieser Interessen, bleibt die Aufgabe der Verbandes. * Wir haben absichtlich bisher über den Fall Metternich- Wertheim in diesem Blatte nicht gesprochen. Hier sei nur kurz daraus hingewiesen, daß neuerdings Herr Rechtsanwalt Dr. Klee in der Berliner zionistischen Ortsgruppe einen Vortrag hielt, in dem er folgendes ausführte: Es sei keine angenehme Aufgabe, sich mit diesem Prozeß zu beschäftigen, der eine volle Woche lang das Interesse an den großen politischen Ereignissen der Gegenwart (Marokko, Tripolis, China) völlig in den Hintergrund gedrängt habe. Aber weil in dieser Affäre eine Anzahl von Juden, getaufte und ungetanste, beteiligt waren, sei es Pflicht der deutschen Juden, ungeachtet der üblen Gerüche, die dieser „Pandorabüchse" entströmen, den Dingen ins Auge zu sehen. Es sei selbstverständiich nicht wahr, daß derartige Dinge, wie das Milieu des Hauses Wertheim, irgendwie typisch für die Juden waren. Diese antisemitische Erfindung müsse zurückgewiesen werden. Esbestände aber in gewissen Kreisen des Großstadtjudentums die Gefahr, daß solche Dinge typisch werden könnten. Es sei dies der Fall in jenen Schichten, für die das wirtschaftliche Ringen aufgehört habe, irgendeine Rolle zu spielen, und denen infolge des Fehlens jedes Zusammenhanges mit der Vergangenheit jene innere Wurzellosigkeit anhafte, die allein den Nährboden für derartige Würdelosigkeiten, wie sie der Prozeß aufgedeckt habe, bilde, die jeden Respekt und jedes Gefühl für Distanz verloren hätten. Noch seien solche Vorkommnisse Ausnahmen, aber sie predigten ernste Einkehr, vor allem den jüdischen Eltern, der Heranwachsenden Generation den Respekt vor der Tradition mit auf den Lebensweg zu geben. Solchen Darlegungen kann man im ganzen seinen Beifall geben. Wenn aber der Redner wirklich, wie ein Zeitungsbericht meldet, geschloffen haben soll: „Für die ernste Entscheidung, vor der wir stehen, könne es nur den Weg geben, den der Zionismus empfiehlt oder den Weg, den Frau Wertheim gegangen ist", so wäre das ein Nonsens, dem wir nicht zu folgen vermögen. Man kann sich nicht denken, daß Herr Klee sich so weit verstiegen hat, alle Nicht-Zionisten zu Weggenossen von Frau Wertheim zu stempeln. <3r Am 18. Oktober fand eine Sitzung des Zentralkomitees der AUianc6 Israelite Universelle in Paris statt. In ihr wurde, wie die „Frankfurter Zeitung" berichtet, . der Antrag auf Abschaffung der Wahlen zum Zentralkomitee und Einführung des Systems der Kooptation mit 19 gegen 5 Stimmen angenommen. Von den 19 Herren, die für den Antrag stimmten, waren 18 in Paris ansässige Mitglieder des Zentralkomitees, der neunzehnte war ein Belgier. Die 5 bei der Sitzung anwesenden deutschen Mitglieder des Zentralkomitees, nämlich die Herren Justizrat Max Fuchs-Berlin, Geheimrat Pros. Dr. Landau- Berlin, Gumpertz-Hambürg, Oschinsky-Breslau und Wittner-Leipzig traten dem Antrag einstimmig mit der größten Entschiedenheit entgegen. Von den Rabbinern Dr. Werner-München und Dr. Vogelstein-Königsberg lagen schriftliche Aeußerungen vor, die gleichfalls scharf gegen die Abschaffung der Wahlen Protestierten. Dennoch wurde der Antrag mit den erwähnten 19 Stimmen gegen die 5 Stimmen der deutschen Mitglieder angenommen. Um das Statut der Alliance im Sinne des Antrags zu ändern, ist noch eine zweite Abstimmung des Zentralkomitees nötig, die frühestens nach vier Wochen stattfinden kann. Sodann muß noch die Genehmigung der Generalversammlung der Alliance eingeholt werden. ist nötig, die Oeffentlichkeit rechtzeitig ans die Konsequenzen hinzüweisen, die sich aus Einführung des Kooptationssystems ergeben